Zwischen Aktenbergen und Weltgeschichte
Wie ein Archivar Vergangenheit entschlüsselt – und warum seine Arbeit für die Gegenwart unverzichtbar ist.
Rainer Allmann ist seit über zwei Jahrzehnten Archivar beim Evangelisch-lutherischen Missionswerk in Niedersachsen. Seine Arbeit führt ihn tief in vergangene Zeiten – so intensiv, dass er sagt: „Zeitweise ist man näher an der Vergangenheit dran als an der Gegenwart.“ In einem ehemaligen Wäschereigebäude lagern heute auf rund tausend laufenden Metern Akten Zeugnisse aus über 170 Jahren Missionsgeschichte.
Doch wer hier nur staubige Ordner vermutet, greift zu kurz. Neben Verwaltungsunterlagen finden sich Berichte und Briefe aus Brasilien, Indien, Äthiopien oder Südafrika. „Das ist ein Alleinstellungsmerkmal – diese weltweiten Verflechtungen“, erklärt Allmann. Das Archiv wird so zu einem Knotenpunkt globaler Geschichte im Kleinen.
Wie konkret seine Arbeit aussieht, zeigt ein Blick in die Bestände: In einer Akte aus den 1950er-Jahren stößt Allmann auf handschriftliche Berichte eines Missionars aus Südafrika. Zwischen nüchternen Zahlen finden sich persönliche Notizen über politische Spannungen und kulturelle Missverständnisse. „Man muss sich in die Zeit hineindenken“, sagt er – erst dann wird aus einem Dokument ein vielschichtiges Zeugnis.
Sein Arbeitsalltag folgt dabei keiner festen Routine. Neben der Erschließung neuer Bestände prägen Anfragen von Forschenden und Kolleginnen und Kollegen seine Arbeit. Oft gleichen Recherchen einer tastenden Bewegung: „Man sucht sich einen Weg wie durch einen Dschungel.“ Was zunächst unscheinbar wirkt, kann sich als überraschend bedeutend erweisen.
Gerade darin liegt seine zentrale Rolle für das Missionswerk. Allmann bewahrt nicht nur Dokumente, sondern das institutionelle Gedächtnis. Er sorgt dafür, dass Wissen über frühere Entscheidungen, internationale Partnerschaften und Entwicklungen erhalten bleibt und nutzbar ist. Wenn in der Öffentlichkeitsarbeit nach Hintergründen gesucht wird oder Namen und Zusammenhänge geklärt werden müssen, führt der Weg oft zu ihm.
Archivarbeit bedeutet für ihn daher mehr als Ordnung: Sie verlangt historische Einordnung und Empathie zugleich. „Das ist eine Transferleistung“, sagt Allmann – Entscheidungen früherer Generationen lassen sich nur aus ihrem jeweiligen Kontext heraus verstehen.
So wird das Archiv zu einem Resonanzraum vergangener Lebenswelten – und zugleich zu einer wichtigen Grundlage für die Gegenwart. Denn was heute dokumentiert wird, ist morgen bereits Geschichte.
Kontakt:
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Leiter Archiv
Rainer Allmann
Telefon +49 (0)5052 8785,
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