Provenienzforschung in der Sammlung des ELM
„Ist das Kunst oder kann das weg?“
Nein, diese Frage stellt sich Dr. Sebastian Sprute natürlich nicht explizit wenn er derzeit auf dem Dachboden des Hermannsburger Ludwig-Harms-Hauses dabei ist, sich einen Überblick über die Sammlung des Ev.-luth. Missionswerks in Niedersachsen (ELM) zu verschaffen. Das Wort „Kunst“ würde er vermutlich durch den Begriff „Kulturgut“ ersetzen und anstelle der Entscheidung über Behalten oder Wegwerfen steht für ihn die Frage, ob das betreffende Objekt schon einmal inventarisiert wurde und ob sich in der Datenbank des ELM weitergehende Informationen zu seiner Herkunft finden.
Sebastian Sprute ist Provenienzforscher und seit Januar 2025 der Herkunft jener Gegenstände auf der Spur, die Hermannsburger Missionar*innen im Laufe der 175-jährigen Geschichte des Werks aus aller Welt mitgebracht haben. Einige dieser Objekte waren bereits in früheren Ausstellungen des ELM zu sehen. Mit der Planung der aktuellen Ausstellung „time to change“ im Obergeschoss des Ludwig-Harms-Hauses, stellte man sich in der Führungsebene des ELM die Frage, was mit der aus gut 3000 Objekten bestehenden Sammlung geschehen solle. 2019 wurden erste Gespräche geführt mit dem Landesmuseum Hannover, das Interesse signalisierte. Dann kam Corona und der Prozess stagnierte.
Sechs Jahre später ist Sebastian Sprute, der als Afrikawissenschaftler und Provenienzforscher beim Landesmuseum angestellt ist, vor Ort in der Südheide. Sein Ziel: Die Sammlung nach Hannover zu überführen, wo sie dauerhaft bleiben soll und wo zudem eine Missionsausstellung geplant ist. Drei Jahre haben Sprute und sein Mitarbeiter Leon Rösler Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen. Die erste Bilanz fällt ernüchternd aus: „Die Mission hatte keine sehr ausgeprägte Dokumentationsmentalität“, bedauert der Afrikawissenschaftler. Zumindest trifft diese Erkenntnis auf die Gegenstände zu, die aus Afrika, Asien, Australien und Amerika nach Europa mitgebracht wurden. Hingegen ist auch heute noch genauestens nachzulesen, was ins Ausland verschickt oder verschifft wurde, wundert sich Sprute und zitiert Aufzählungen aus dem Missionsblatt, in denen kein Kissen und kein Kleidungsstück, das die Reise nach Übersee antrat, unerwähnt blieb.
Nur über einen Bruchteil der in Hermannsburg gelandeten Objekte hat der Provenienzforscher bisher im Archiv des ELM oder in der Datenbank Eintragungen gefunden, aus denen hervorgeht, wer sie wo und wann erworben hat oder geschenkt bekam. Darunter sind durchaus einige Highlights: Eine Art Zepter des letzten Königs der Wollega-Oromo aus Äthiopien, eine so genannte Kopfbank, auf der ein Häuptling aus Natal/Südafrika sein Haupt bettete oder auch eine ganze Sammlung an geschmiedeten Silber-Kreuzen aus Äthiopien, die durch ihre feinen Ornamente beeindrucken.
Tropenhelme, Trommeln, Masken, Waffen, Kunstwerke, geschnitzte Löffel oder auch Perlenschmuck – von den meisten Dingen liegt ihre Herkunft im Dunkeln. Neben akribischer Archivarbeit setzt das Wissenschaftlerteam aus Hannover auf mögliche Zeitzeugen, die etwas über die Gegenstände sagen können. An manchen Tagen machen sie Funde, die ihre Arbeit voranbringen. „Wir haben jetzt zum Beispiel einen Ordner gefunden mit alten Negativen aus den 40er Jahren. Da wurde die Sammlung wohl zum ersten Mal durchfotografiert“, berichtet Sprute. Diese Bilder helfen zumindest bei der zeitlichen Einordnung von Sammlungszugängen.
Und wie sieht es mit den Besitzverhältnissen aus – eine der wichtigsten Fragen in der Provenienzforschung? Auch darüber macht sich Sebastian Sprute Gedanken. „Es sind einige Ahnendarstellungen dabei. Sie gehören zu den spirituell bedeutsameren Objekten. Sie sollte man zurückführen in ihre Herkunftsländer.“ Zudem besitzt das ELM einige so genannte „Seelenfänger“ australischer Aboriginees. Ihre Rückführung ist bereits beschlossen.
Auch wenn noch die meiste Arbeit vor ihm liegt und Sebastian Sprute sicherlich schon besser inventarisierte Sammlungen bearbeitet hat, findet er lobende Worte für das ELM: Dass das Missionswerk das angeht, ist progressiv. Da konnten sich manch’ andere noch nicht dazu durchringen.“