Religionskontakt: Es gibt keine Religion ohne eine andere Religion

Erkenntnisse aus einem Gespräch mit Wissenschaftler*innen des Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum.

Das Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) versteht sich als Brückenbauer zwischen Kulturen und Religionen. Begegnungen über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg gehören daher zum Kern seiner Arbeit. Solche Kontakte regen dazu an, eigene Überzeugungen zu hinterfragen, Unterschiede wahrzunehmen und neue Perspektiven zu gewinnen. Sie können persönliche Entwicklungen anstoßen – und genau darin liegt auch ihr Potential für Religionen insgesamt.

Denn nicht nur Menschen, auch Religionen verändern sich im Kontakt miteinander. Die Wissenschaftler*innen des CERES beschreiben diesen Prozess mit dem Begriff „Religionskontakt“. Der Religionsphilosoph Dr. Knut Martin Stünkel formuliert zugespitzt:

 „Es gibt keine Religion ohne eine andere Religion.“ 

Religionen entstehen und entwickeln sich demnach nicht isoliert, sondern im Austausch, im Vergleich und oft auch in Abgrenzung zu anderen.

Diese Perspektive rückt Religion als dynamischen Prozess in den Fokus. Eigene Lehren und Überzeugungen werden häufig erst im Gegenüber klarer formuliert. Mission ist dabei eine besonders sichtbare Form von Religionskontakt: Wenn Menschen ihren Glauben in neue Kontexte tragen, entstehen Begegnungen, die von Austausch, Missverständnissen, Lernen – aber auch von Konflikten geprägt sein können.

„Wenn eine Religion sich gehalten fühlt, in ein anderes Land zu gehen, dort auf Menschen trifft und versucht, diese zu bekehren, dann begegnet sie dabei auch dem, was sie selbst als andere Religion beschreibt.“

Wie vielfältig solche Prozesse sind, betont Kunst- und Religionswissenschaftler Dr. Patrick Felix Krüger. Jede Begegnung mit einer anderen religiösen oder kulturellen Perspektive fordert dazu heraus, die eigene Position zu überdenken. Das kann zu Veränderung führen – oder zu einer bewussteren Abgrenzung. Religionskontakt bedeutet also nicht automatisch Annäherung, sondern kann Unterschiede ebenso verstärken. Gerade diese Spannung ist jedoch Voraussetzung für echten Dialog.

„Denn wenn diese unterschiedliche Sichtweise nicht da wäre, würden wir keinen Dialog führen. Dann würde das Ganze relativ einfach in einem Monolog stattfinden.“

Auch historisch zeigt sich, wie unterschiedlich Religionskontakte verlaufen. Im 19. Jahrhundert wirkten zahlreiche Missionsbewegungen weltweit, jedoch mit je eigenen Dynamiken. Während in manchen Regionen lokale Religionen abgewertet wurden, entwickelte sich andernorts ein intensiver Austausch, etwa zwischen christlichen und hinduistischen Denktraditionen in Indien.

Religionskontakt zeigt sich auch in konkreten Objekten, etwa in Kreuzen oder Darstellungen, die unterschiedliche kulturelle und religiöse Einflüsse miteinander verbinden. Historikerin Dr. Felicity Jensz verweist auf Beispiele aus Missionskontexten, etwa Kreuze, die mit Materialien gefertigt wurden, die in Europa unüblich waren, oder Darstellungen, in denen sich unterschiedliche kulturelle und religiöse Einflüsse verbinden. Solche Artefakte machen sichtbar, wie aus Begegnungen neue Ausdrucksformen entstehen.

„Man könnte sagen, es ist eine Kontaktzone, in der verschiedene Kulturen und Religionen zusammenkommen – und daraus kann auch etwas Neues entstehen.“

Für das ELM eröffnet der Begriff des Religionskontakts eine hilfreiche Perspektive auf die eigene Arbeit. Mission erscheint so weniger als einseitige Weitergabe von Glauben, sondern als wechselseitiger Prozess der Begegnung. In ihm liegen Herausforderungen – aber auch Chancen für Verständigung, Selbstreflexion und gemeinsames Lernen.

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