Vortrag und Diskussion: Missionsgeschichte neu entdecken
Wie kommt Mission eigentlich ins Museum – und was machen wir heute mit ihren Sammlungen?
Was tun mit den Dingen, die bleiben, wenn die Menschen gegangen sind?
Diese Fragestellungen stand am 4. Februar 2026 im Ludwig-Harms-Haus im Raum und ausgesprochen wurde sie später drastischer: „Können wir den alten Kram nicht einfach wegwerfen?“
Der Abend zeigte: Gerade das Wegwerfen ist keine Option. Denn in den Objekten steckt mehr als Vergangenheit. Sie berühren Identität, Glaube und Verantwortung.
Im Mittelpunkt stand die Missionssammlung des ELM und die Suche nach einem angemessenen Umgang mit ihr.
Bereits am Nachmittag trafen sich langjährig mit dem ELM verbundene Menschen. Viele von ihnen hatten selbst in anderen kulturellen Kontexten gearbeitet. Zwischen den Regalen des Depots wurden aus Gegenständen plötzlich Erinnerungen: Begegnungen, Gespräche, Gottesdienste, Missverständnisse und neu entdeckte Gemeinsamkeiten.
Gemeinsam mit angereisten Wissenschaftlerinnen und Kuratoren aus Bochum und Hannover entwickelte sich schnell ein offener Austausch. Die Objekte erwiesen sich dabei nicht als stumme Ausstellungsstücke, sondern als Gesprächspartner.
Den Einstieg in den Abend gestalteten der Kunst- und Religionswissenschaftler Dr. Patrick Felix Krüger und der Religionsphilosoph Dr. Knut Martin Stünkel vom Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum.
Krüger stellte die Ausstellung „Missionssammlungen ausgepackt“ vor, die zuletzt im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln zu sehen war. Gleich am Anfang begegnen Besucherinnen und Besucher dort einem Ölgemälde des Hermannsburger Missionsschiffes Candace — ein Symbol für Aufbruch, aber auch für Verflechtung von Kulturen in Religionskontakten.
Stünkel führte anschließend einen Gedanken aus, der den Abend prägte: Religion entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wächst im Kontakt mit anderen Religionen — durch Begegnung, Vergleich und manchmal auch Reibung.
Dieser Kontakt kann sogar über Dinge stattfinden. Objekte können Religionen miteinander ins Gespräch bringen.
Ein Beispiel: Eine Vitrine mit Gegenständen verschiedener Religionen verändert sofort den Blick der Betrachtenden.
Andere Exponate zeigten, wie Missionare versuchten, christliche Botschaft verständlich zu machen — etwa durch chinesische Malerei, hinduistische Öllampen oder Hausschreine, die mit christlichen Symbolen ergänzt wurden. Der Versuch: Anschlussfähigkeit schaffen, ohne das Eigene aufzugeben.
Im anschließenden Gespräch „Religion, Mission & Museum – Zwischen Sammeln, Ausstellen und Bewahren am richtigen Ort“ diskutierten Wissenschaft, Museum und Missionswerk gemeinsam.
Die provokante Publikumsfrage nach dem Wegwerfen brachte den Kern des Themas auf den Punkt.
Historikerin Dr. Felicity Jensz widersprach klar: Sammlungen bewahren nicht nur Geschichte — sie helfen, sie zu verstehen. Ohne sie verlieren zukünftige Generationen die Möglichkeit, Mission einzuordnen: ihre Hoffnungen, ihre Irrtümer und ihre Lernwege.
Zugleich bestand Einigkeit: Viele Stücke haben ihren ursprünglichen Zweck verloren. Deshalb müssen sie heute neu interpretiert werden — auch im Blick auf koloniale Kontexte und die Frage nach gerechtem Umgang mit fremdem Kulturerbe.
Dr. Joe Lüdemann betonte dabei die Perspektive des Missionswerkes:
Gerade diese Gegenstände können Orte des Dialogs werden. Sie ermöglichen Begegnung — nicht mehr als Instrumente der Mission, sondern als Anlass zum gegenseitigen Verstehen.
Als der Abend — später als geplant — endete, stand kein Ergebnis fest, sondern ein Anfang.
Das ELM versteht die Beschäftigung mit seiner Sammlung als Weg: hören, einordnen, lernen.
Menschen, die dem Werk verbunden sind, sind eingeladen, daran mitzuwirken. Wissenschaftliche Begleitung aus Bochum und Hannover unterstützt dabei, die eigene Missionsgeschichte kritisch und zugleich dankbar zu betrachten.
Ein sichtbarer Schritt: Die kontinuierliche Erforschung der Sammlung durch Provenienzforscher Dr. Sebastian Sprute vom Landesmuseum Hannover. Einige Objekte sollen dort künftig öffentlich ausgestellt werden.
Zusammenfassend ist zu sagen: Wegschmeißen geht garnicht. Mit den Gegenständen sollte aus genannten Gründen möglichst wertschätzend umgegangen werden.
Eine Veranstaltung des ELM mit ...