„Ich konnte nicht mehr schweigen“
Der lange Weg einer katholischen Theologin zur Priesterweihe – und warum sie trotz allem in der Kirche bleibt.
Als Uschi von ihrer Kindheit erzählt, klingt nichts nach Berufung. „Extrem liberal, wenig katholisch“, sagt sie rückblickend. Ihre Eltern – beide katholisch geprägt durch Internate – hatten mit Kirche im Erwachsenenleben kaum noch etwas zu tun. Weihnachten ja, vielleicht noch Erstkommunion und Firmung für die Töchter. Aber gelebter
Glaube? Kaum.
Und doch beginnt genau dort eine Geschichte, die sie Jahrzehnte später an einen Punkt führen sollte, den sie sich als junge Frau kaum hätte vorstellen können: zur
Priesterweihe – außerhalb der römisch-katholischen Amtskirche, unter Inkaufnahme der Exkommunikation.
Der Kopf kommt zuerst
Den Glauben, sagt Uschi, habe sie sich „erarbeitet“. Zwei Religionslehrer am Gymnasium öffneten ihr eine Tür: einer philosophisch geschult, der andere Priester – beide
mit einem Glauben, der Fragen nicht fürchtete. „Ich hätte nie nur glauben können“, sagt sie. „Ich brauchte Argumente.“
Diese Verbindung von Vernunft und Spiritualität wurde zum roten Faden ihres Lebens. Sie studierte katholische Theologie, wollte Pastoralreferentin werden. Glaube war für sie nie bloß Gefühl, sondern immer auch durchdacht, geprüft, hinterfragt.
Noch während des Studiums lernte sie ihren späteren Mann kennen. Mit ihm führte der Weg nach Pretoria – und in eine bewegte Zeit der Geschichte.
In der deutschsprachigen katholischen Gemeinde im Raum Johannesburg fand sie eine geistliche Heimat. Sie arbeitete in der Jugendseelsorge, bereitete Erstkommunionkinder vor, organisierte Camps. Kirche war Aufbruch, Hoffnung, Gemeinschaft.
Bis ein neuer Priester kam.
Der Bruch
Was dann geschah, veränderte alles. Der junge Geistliche, erst kurz in der Gemeinde, vergriff sich auf einem Camp an Jungen. Die Vorwürfe wurden bekannt. Uschi erfuhr früh davon – durch die Familien der betroffenen Kinder.
Was sie neben der Tat selbst zutiefst erschütterte, war der Umgang damit. Die kirchlichen Verantwortlichen reagierten formal, juristisch, ohne erkennbare Empathie.
Briefe an die deutsche Bischofskonferenz blieben ohne seelsorgliche Antwort. „Es war genau das, was man später überall in den Zeitungen gelesen hat“, sagt sie. Wegsehen. Relativieren. Institution schützen.
Und doch: Sie ging nicht.
„Was die Kirche betrifft, hat es meinen Glauben vertieft – gereinigt“, sagt sie. Ballast sei abgefallen. Illusionen auch. Zurück blieb ein Kern: das Evangelium. Die Sehnsucht nach einer Kirche, die nicht Macht ausübt, sondern dient.
In dieser Zeit begann ein innerer Prozess. Sie lernte Frauen kennen, die sich – trotz kirchenrechtlichen Verbots – zur Priesterweihe berufen fühlten. Bewegungen wie
„Roman Catholic Women Priests“ (Römischkatholische Priesterinnen) waren vor allem in Nordamerika gewachsen.
Elf, zwölf Jahre rang sie mit der Frage. Sie wusste: Eine Weihe würde automatisch die Exkommunikation nach sich ziehen. Ausschluss von den Sakramenten.
Kein Kommunionempfang mehr in der römisch-katholischen Kirche. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse.“
„Nicht Klerikalismus – sondern Dienst“
Heute spricht Uschi bewusst lieber davon, „Priesterin zu sein“ – nicht als Titel, sondern als Haltung. Sie versteht ihr Amt als Gegenentwurf zum Klerikalismus, den sie als eine Wurzel von Machtmissbrauch begreift. „Ich möchte dienend da sein. Heilend. Liturgisch. Aber auf Augenhöhe.“
Vor fast einem Jahr wurde sie geweiht. Überraschend für sie: Die Reaktionen waren überwiegend offen, respektvoll, teils neugierig. Offene Ablehnung habe sie kaum erlebt. Dennoch ist sie realistisch. Mit 60 Jahren glaubt sie nicht, dass sie eine offizielle Öffnung des Priesteramtes für Frauen in der römischkatholischen Kirche noch erleben wird. „Wir haben einen langen Weg vor uns.“
Am Sterbebett
Zurück in Deutschland engagiert sich Uschi seit Jahren als Hospizhelferin. Sie begleitet Sterbende zu Hause, auf Palliativstationen, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Hier, sagt sie, habe sich ihr Weg verdichtet. „Es geht darum, zuzuhören. Nichts überzustülpen. Herzen zu öffnen.“
Oft beginne alles ganz unspektakulär – mit Gesprächen über Alltägliches. Und dann, manchmal, öffne sich eine Tür zur Seele. Nicht durch Druck, sondern durch
Vertrauen. In Zukunft möchte sie gerade im Hospizkontext liturgische Angebote schaffen: kleine Hausgottesdienste, Segensfeiern, Rituale an der Schwelle des Lebens. Und ja – vielleicht auch Hochzeiten. „Als Gegengewicht“, sagt sie und lächelt.
Zwischen den Stühlen
In Deutschland ist sie kirchlich kaum eingebunden. In ihrer Heimatstadt Schweinfurt fand sie einst Unterstützung durch einen liberalen Pfarrer – doch er ist inzwischen verstorben. Mit einer Bischöfin in Linz gibt es lose Kontakte, doch ein starkes europäisches Netzwerk existiert kaum. Die offizielle Kirche erkennt ihre Weihe nicht an. Und trotzdem nennt sie sich weiterhin katholisch.
Kopf und Herz
Ihr Weg begann im Kopf – mit Fragen, Argumenten, theologischer Neugier. Er führte durch Krisen, Enttäuschung, Zorn. Heute spricht sie von Meditation, spiritueller Vertiefung, einem inneren Frieden. „Beides musste wachsen“, sagt sie. „Kopf und Herz.“ Was sie Leserinnen und Lesern mitgeben möchte? Dass Reform nicht aus Trotz entsteht, sondern aus Liebe. Dass Kritik und Treue sich nicht ausschließen. Und dass Berufung manchmal gerade dort beginnt, wo Sicherheiten enden. „Ich will akzeptiert werden“, sagt sie ruhig. „Aber wichtiger ist: Ich wollte nicht länger schweigen.“
von Ulrich Meyer-Höllings, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising im Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM).