„Es ist wahnsinnig hilfreich, wenn es Menschen gibt, die einen verstehen“
Er ist Beauftragter für Queer-sensible Seelsorge und Beratung in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, hat wissenschaftlich zum Thema gearbeitet und ist selbst queer. Theodor Adam erzählt im Interview mit Dirk Freudenthal und Holger Trocha seine persönliche Geschichte und will queeren Menschen Mut machen.
Theo, vielleicht kannst du uns kurz erklären, was heißt queer für dich persönlich?
Also in meinem Fall heißt es, dass ich zumindest äußerlich als Frau geboren worden bin, dann aber mit 24 Jahren den Schritt gegangen bin und seitdem als Mann lebe. Und ich lebe mit einem Mann zusammen. Wer uns auf der Straße sieht, würde vermutlich denken, wir sind ein schwules Paar. Wir für uns definieren das ein bisschen anders, weil ich ja eben nicht wie ein Cis-Mann schwul und männlich bin.
Bist du sozusagen zweimal queer?
Das könnte man so sagen. Ich falle unter verschiedene queere Label und lebe so, wie es für mich stimmig ist, wie es uns als Paar gut tut. Natürlich kann das alles mit Labeln belegt werden. Ich kann es aber auch einfach entspannt leben.
Dir geht es gut in dieser Rolle?
Mir geht‘s richtig gut damit, also viel besser als zuvor. Der Leidensdruck in Anführungszeichen war in der Zeit viel, viel größer, als ich mich selber mit mir nicht stimmig gefühlt habe. Im Kindergarten gab es die ersten Momente, wo ich gemerkt habe, da passt was nicht. Ich bin nicht so wie andere Mädchen, aber so wie die anderen Jungs auch nicht.
Mit 24 Jahren bist du den entscheidenden Schritt gegangen? Was bedeutet das?
Das hieß in meinem Fall, dass es rechtliche Konsequenzen gab, also die Namensänderung und die Personenstandsänderung. Das hieß auch, dass es eine ganze Reihe von Operationen gab und Hormongaben. Wie weit jemand die eigene Transition geht, ist eine individuelle Entscheidung. Da gibt es keine Vorgaben.
Wir haben jetzt den Menschen Theo Adam kennengelernt. Dieses Interview ist ja auch dazu da, Menschen Mut zu machen, die vielleicht genau so etwas in sich spüren. Sie sind ja auch eine professionelle Hilfe für queere Menschen. Wie sieht dein Alltag aus?
Meine Stelle ist ja angesiedelt am Zentrum für Seelsorge und Beratung und das ist ein Zentrum für Aus- und Weiterbildung in der Seelsorge. Meine Aufgabe ist in erster Linie, die Mitarbeitenden in unserer Landeskirche zu schulen, wie sie in ihren Arbeitsbereichen queersensibel arbeiten können. Das ist natürlich ein Bereich, der für viele noch fremd zu sein scheint, gerade auch in der Kirche. Und natürlich gibt es da auch Widerstände. Dann ist es an mir, zu moderieren und diese Widerstände nicht einfach nur wegzuwischen, sondern wahr und ernst zu nehmen.
Jemand der sagt, ich spüre was Queeres in mir und ich habe Beratungsbedarf. Wie kann der- oder diejenige sich mit dir in Verbindung setzen?
Ja, ich bin sozusagen schon die zentrale Stelle der Landeskirche für solche Anfragen. Und dann würden wir immer zusammen gucken, wo und wie es weitergehen kann. Es gibt Einzelfälle, wo es sehr akut ist. Da bleibe ich gerne dran und bin weiter ansprechbar. Aber häufig gibt es Fachpersonen vor Ort, zum Beispiel Jugenddiakon*innen. Und es ist wahnsinnig hilfreich, wenn es Menschen gibt, die einen verstehen und unterstützen. Wir könnten schauen, wo in der eigenen Region gibt es Menschen, die empfinden wie du? Gibt es Selbsthilfegruppen? Gibt es Vernetzungsmöglichkeiten?
Niedersachsen ist ja sehr ländlich geprägt. Ich könnte mir vorstellen, da ist es schwieriger als zum Beispiel in Berlin.
Das ist, glaube ich, ein Vorurteil. Es gibt Landstriche, die total entspannt und offen sind. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn eine queere Person oder ein queeres Paar irgendwo einen Anfang macht, sich dann doch häufig andere drum herum versammeln.
Kann es sein, dass manchmal „einfache“ Menschen, die zum Beispiel nicht theologisch gebildet sind, sehr viel leichter mit diesem Thema umgehen als die, die sich theologisch damit auseinandersetzen?
Bei nicht theologisch gebildeten Personen gibt es im Glücksfall so einen gewissen Pragmatismus, einfach so eine Lebensweise, die sagt: Ich habe immer schon alle Menschen so genommen, wie sie sind. Und wenn du jetzt so bist, dann nehme ich dich so. Genauso gibt es aber natürlich auch Mentalitäten, die sagen: Das habe ich noch nie kennengelernt. Damit will ich auch weiterhin nichts zu tun haben. Also ich würde nicht sagen, dass es am Bildungsgrad hängt oder an der Frage, ob ich theologisch geschult bin oder nicht, sondern einfach an der Offenheit, daran, ob mich Menschen interessieren, ob ich mich selber einlassen kann. Und ich mache die Erfahrung, je mehr Menschen in sich selber ruhen, desto offener können sie auch anderen gegenüber sein.
Hast du auch Erfahrungen offener Feindschaft machen müssen?
Also ich persönlich zum Glück relativ wenig. Ich muss aber auch sagen, ich bin schon achtsam. Wenn wir zum Beispiel abends in der Dunkelheit, sagen wir mal um zehn oder so, in Hannover am Hauptbahnhof unterwegs sind, dann ist völlig klar, dass wir uns dann nicht mehr küssen, dass wir da nicht mehr Händchen halten, dass wir uns nicht unbedingt öffentlich als Paar zu erkennen geben.
Spürst du einen gesellschaftlichen Rückschritt? Hin zu mehr Intoleranz?
Ich habe das Gefühl, es gibt eine größere Polarisierung. Die, die queer gegenüber positiv sind, die sind es sehr und die sind auch häufig aktivistisch und politisch unterwegs. Und die auf der anderen Seite sind genauso aktiv. Die entspannte Mitte ist uns ein Stück weit verlorengegangen.
Und wie gehst du mit Widerständen um?
Also ich finde es gar nicht schlimm, dass es Menschen gibt, die sagen ich kann mit queeren Themen oder mit deiner Arbeit nichts anfangen. Schwierig ist nur, wenn sie sich auch dann gar nicht mehr trauen, mit mir zu sprechen oder das Gefühl haben, ich könnte ihnen sowieso kein ordentlicher Gesprächspartner sein. Mir ist das A und O, dass wir uns begegnen und dass wir zusammen überlegen, ob und wie es gemeinsam gehen kann.
Theodor Adam
Beauftragter für Queer-sensible Seelsorge und Beratung in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Höre dieses Thema auch als Podcast:
#31 „Queer und Kirche? Mir geht es richtig gut damit!“
Was heißt LGBTQIA+, was bedeutet queer wirklich und was sagt die Kirche zu alledem? In dieser Folge von „Mission out of control“ gibt Theodor (Theo) Adam Antworten. Er ist
Pastor und Beauftragter der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers für queersensible Seelsorge und Beratung und er weiß wovon er redet. Theo ist selbst queer, war früher eine Frau, lebt heute als Mann. „Der Leidensdruck war hoch, da ich mich selber nicht stimmig gefühlt habe, heute geht es mir richtig gut.“ Theo erzählt Holger Trocha und Dirk Freudenthal frei und offen von dieser Zeit und seinem Leben und seiner Aufgabe heute.
Wie queer ist Kirche wirklich – und wie viel Widerspruch hält sie aus? Es geht um sichtbare Fortschritte und schmerzhafte Rückschläge, um Unterstützung und offene Ablehnung – oft aus den eigenen Reihen. Theodor Adam spricht über die rechtliche Lage queerer Mitarbeitender, über Bibelstellen als Waffe oder Brücke und über seinen Alltag als Seelsorger zwischen Vertrauen, Verletzlichkeit und Hoffnung.