Reise nach Rondônia
Eine junge brasilianische Journalistin kommt als Dolmetscherin mit der Welt der Indigenen in ihrem Land in Kontakt. Diese Begegnung hat sie zutiefst berührt und aufgerüttelt.
Es ist der 9. April 2024. Mein Handywecker klingelt, ich wache auf und stelle fest, dass ich nicht wie gewohnt zu Hause bin, sondern in einem Hotel in der Stadt Cacoal im Bundesstaat Rondônia. Da fällt mir wieder ein, was mich hierher gebracht hat: Diese Woche dolmetsche ich für zwei Deutsche. Der Automatikmodus schaltet sich ein. Eine Stunde später treffe ich mich mit Pastor Sandro, Diakonin Ingrid und Pastor Waldemar an der Hotelrezeption.
In dem Moment, muss ich gestehen, fühle ich mich zunächst etwas ängstlich und bin unsicher, was mich an unserem Zielort erwartet. Denn egal wie sehr man sich auf eine Herausforderung vorbereitet, man kann nie alles so weit vorhersehen, dass man sich bereit fühlt. Es vergehen ein paar Minuten und Sandro stellt uns seiner Arbeitskollegin Lilian vor, die auf uns gewartet hat, um unsere Reise zum "Anwesen" der Puruborá fortzusetzen.
Mich verzaubert der dichte Wald
Wenig später sitzen wir alle im Auto auf dem Weg zu unserem Ziel. Während der Fahrt sprechen wir auf Portugiesisch und Deutsch. Durch das Fenster beobachte ich, wie sich die Vegetation von dem unterscheidet, was ich mir vorgestellt habe: Ich sehe riesige Felder mit Rindern, dann enorme Sojaplantagen; nach einigen Kilometern kommen wir durch eine kleine Stadt. Aber was mich wirklich verzaubert, ist der dichte Wald, an dem wir vorbeifahren und in dem ich die Spuren des Amazonas-Regenwaldes sehe.
Noch ein paar Stunden Fahrt vergehen. Und dann, als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich ein kleines, einfaches, aber lebendiges Anwesen. Wir sind da! Eine Gruppe von Menschen wartet auf uns, mit hoffnungsvollen Blicken. Es ist unmöglich, nicht zu bemerken, wie ihre Augen leuchten, als sie ihren lang erwarteten Besuch sehen.
Als ich aus dem Auto steige, spüre ich die Hitze – trotz einer leichten Brise sind es über 30 Grad! Zum Glück habe ich noch eine Flasche Wasser in der Tasche. Ein paar Meter die Straße hinunter kommen wir zu einem einfachen Haus mit einer riesigen Veranda mit Lehmboden. Ein schöner Tisch voller Obst erwartet uns, und aus dem Inneren des Hauses kommt ein leckerer Geruch von Essen.
Es wird viel gelächelt und Hände geschüttelt, aber der Hunger ist groß, und schon bald steht der Tisch für uns bereit, um das Festmahl zu probieren, das speziell für uns gekocht wurde. Es gibt verschiedene Fleischsorten, mit selbst gemachtem Maniokmehl, Reis, Bohnen, Salat und einer Chilischote dazu. Das Essen ist köstlich, man schmeckt die Liebe, mit der es zubereitet wurde. Waldemar, Ingrid und Sandro genießen die Vielfalt des Essens ebenso sehr wie ich.
Am meisten fasziniert mich der Cupuaçu-Saft, eiskalt und mit einem einzigartigen Geschmack, der mich ein wenig an die Melonen erinnert, die wir im Süden anbauen. Nachdem alle gegessen haben, ist es Zeit für den Nachtisch. Zu meiner Überraschung gibt es selbstgemachte Guaven-Marmelade – die beste, die ich je probiert habe!
Einigkeit und Stärke sind auf ihren Gesichtern zu sehen
Der Kreis von Menschen hatte sich bereits gebildet, als wir uns zum Essen hinsetzen. Er wird noch größer, als wir einer wunderschönen Darbietung lauschen, die von der Familie Puruborá gesungen wird. Einigkeit und Stärke sind in diesem Moment auf ihren Gesichtern zu sehen. Das Lied ist auch ihre Hymne. Es ist unmöglich, nicht fasziniert zu sein - alle haben traditionelle Kleidung angezogen, die Arme bemalt und ihre Kultur auf die Haut tätowiert.
Am Ende der Präsentation werden wir eingeladen, uns die Arme bemalen zu lassen. Ingrid und Waldemar sind schnell begeistert und bereit, dass auf ihre Haut gezeichnet wird. Nun stellt sich jeder in seiner Sprache und auf Portugiesisch vor. Der Kreis ist groß und die Kinder spielen im Hintergrund, bis jeder zu Wort kommt und die Leiterin der Gemeinschaft Hozana Puruborá den Gästen aus Deutschland für ihre Anwesenheit dankt.
Wie bei jedem Besuch folgt ein Gespräch, und inmitten der vielen Worte kann man den Schmerz eines Volkes erkennen, das um das Recht kämpft, sein Land zurückzubekommen, und das immer noch den Reichtum seiner Kultur und Geschichte entdeckt. Hozana erzählt uns mit zitternder Stimme vom Traum ihrer Mutter, in ihre Heimat zurückkehren zu können.
Die Intensität meiner Gefühle überwältigt mich
Ihre Mutter ist mit diesem Traum gestorben, aber ihre Kinder kämpfen tapfer für ihren Wunsch nach eigenem Land. Das kleine Grundstück grenzt an eine Sojaplantage, liegt neben einer Autobahn und wird von Angst und ständigen Drohungen bedrängt. Es war für mich noch nie so schwierig, jeder Geschichte aufmerksam zuzuhören und sie zu übersetzen, und für einen Moment muss ich um eine Unterbrechung bitten. Die Intensität meiner Gefühle überwältigt mich und ich merke, dass ich eine Pause brauche. Ich gehe zum Auto, um der Stille zu lauschen und lasse mich von meinen Gefühlen mitreißen. Als ich meine Augen schließe, ist mein Herz voller Tränen, die nicht aus den Augen fließen wollen, und mir kommt ein Satz in den Sinn, der nur eine Übersetzung ist: durchatmen und weitermachen.
Als ich zurückkomme, werden wir eingeladen, die Schule und den künftigen Raum zu besichtigen, in dem die Menschen größere Mengen von Maniokmehl herstellen werden können. Der Raum ist einfach. Trotz öffentlicher Anreize lernen dort nur wenige Schüler. Aus Angst, wegen der Bedrohung ihres Lebens, suchen sie einen anderen Ort zum Lernen.
Der Kampf dauert schon seit Jahren an
Das Grundstück wurde mit dem eigenen Geld der Puruborá-Gemeinschaft erworben, obwohl es in dem von der Bevölkerung beanspruchten Gebiet liegt. Der Kampf dauert schon seit Jahren an, Träume und Ängste begleiten alle Puruborá. Bei Camila, der Tochter von Hozana, die auch mit Sandro und Lilian zusammenarbeitet, kann man die Unsicherheit und Angst in den Augen sehen.
Der Tag verging wie im Flug und es wird Zeit, sich zu verabschieden. Wir spüren, dass keine Worte die Dankbarkeit ausdrücken können, die wir empfinden. Wir fassen uns an den Händen und sprechen ein Schutzgebet in der Sprache der Puruorá. Wir umarmen uns und drücken herzlich die Hände. Danach machen wir uns auf den Weg in die Stadt Ji-Paraná, wo wir die Nacht verbringen werden.
Wer bin ich danach?
Auf dem Weg dorthin ist die Stille sicherlich ein Eintauchen in Gefühle und in gewisser Weise ein Wechsel der Perspektive und das Aufbrechen einiger Unklarheiten und Gedanken. Was soll ich denken, was soll ich schreiben, was habe ich erlebt, was habe ich gehört, was habe ich übersetzt und wer bin ich danach. Ich bin mir sicher, dass sich etwas verändert hat und mir die Augen für eine Realität geöffnet wurden, die mir bis dahin unbekannt war und nun Teil meiner Lebenserfahrung ist.
Puruborá ist ein Volk, das ein Drama durchmacht, das mit Angst lebt und sich nach einem seit Generationen überlieferten Traum sehnt. Die Geschichte eines Landes, das „gesetzloses Land“ genannt wird, ist geprägt von der Zeit, die viele vergessen wollen, als die Interessen noch anders gelagert waren und es nur darum ging, zu kolonisieren. Aber das passt nicht in diese Erzählung. Dennoch bleibt eine Sackgasse vor den Gerichten: Wem gehört das Land? Wer hat das Recht darauf? Zwei Seiten einer Medaille in einem System, das Minderheiten unterdrückt und die Stärksten begünstigt.
Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.
Über das Volk der Puruborá informiert Sandro Luckmann, Koordinator des Indigenenmissionsrates COMIN:
Das Volk Puruborá gehört zur Puruborá-Sprachfamilie des Tupi-Stammes. Sie kamen 1909 erstmals mit Nicht-Indigenen in Kontakt, als ihr Land vermessen wurde. Die für Indigenen zuständige staatliche Behörde (SPI) legte ihnen nahe, sich in die nicht-indigene Gesellschaft zu integrieren.
Später wurde das Volk von der Nationalen Indiostiftung (FUNAI), Nachfolgeorganisation der SPI, als ausgestorben betrachtet, als „Mestizen“ stigmatisiert und aus seinem angestammten Gebiet vertrieben.
In den 1960er Jahren gab es einen Versuch, ihr traditionelles Gebiet in der Region Manoel Correia (Bundesstaat Rondônia) zurückzuerobern, der sich jedoch nicht konsolidierte.
Erst Anfang der 2000er Jahre gelang es den Puruborá, sich neu zu organisieren (wobei das Dorf Aldeia Aperoy eine zentrale Rolle spielte) und ihre ethnische Zugehörigkeit und ihre Rechte einzufordern. Da der administrative Demarkationsprozess seit mehr als 20 Jahren läuft, ohne dass die ersten Studien zur Identifizierung und Abgrenzung abgeschlossen wurden, hat die brasilianische Bundesstaatsanwaltschaft den Fall 2021 zugunsten der Puruborá vor Gericht gebracht und die FUNAI hat sogar eine neue Arbeitsgruppe für die ersten Studien eingesetzt, die immer noch nicht abgeschlossen sind. Nach Angaben von Camila Puruborá, Projektberaterin von der Lutherischen Diakoniestiftung – Indigenenmissionsrat (FLD-COMIN), beläuft sich die derzeitige Bevölkerung der Puruborá auf 1.200 Personen, die an verschiedenen Orten im Bundesstaat Rondônia leben.