Neue Facetten von Kirche entdecken

Als sie zum ersten Mal in einer Kirche in Deutschland saß, war sie umgeben von Stille. Und dann erklang die Orgel.

Dieser Moment hat sie tief beeindruckt. Marcia Palma ist in Chile aufgewachsen, hat dort Chemie und später in Chile und Argentinien Theologie studiert. Als Austauschstudentin kam sie nach Leipzig und Berlin und absolvierte in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers ihr Vikariat. Von Deutschland aus hat sie auch die Befreiungstheologie, die auf ihrem Heimatkontinent entstanden ist, entdeckt. Heute ist sie Pastorin in Seelze.

Marcia Palma war beim jüngsten Lateinamerika-Studientag des Ev.-luth. Missionswerks in Niedersachsen (ELM) eine der Teilnehmer*innen, die ihre Eindrücke von Kirche in einem anderen Land teilte. Wie ein roter Faden zog sich eine Frage durch den Tag: Was fasziniert mich an Kirche? Neben Marcia Palma berichteten auch die ELM-Referent*innen Kurt Herrera (Referent für Südamerika), Cristina Scherer (Pastorin aus Brasilien und ökumenische Mitarbeiterin im ELM) sowie zwei Schüler*innen der Ev. Integrierten Gesamtschule Wunstorf, die an einem Austauschprogramm ihrer Schule teilgenommen haben, von ihren Erfahrungen.

Zum Gottesdienst saß man an runden Tischen in einer Sporthalle, zwischendurch wurde gegessen und geredet, haben Lea und Jan bei ihrem Aufenthalt in Brasilien erstaunt festgestellt. Von lockerem, ungezwungenem Miteinander berichtet auch Kurt Herrera, der viele Jahre in Argentinien und Peru gelebt und gearbeitet hat. Vor allem der Umgang mit Kindern hat ihn in diesen Ländern positiv beeindruckt, während er in Deutschland wenig Toleranz mit der Anwesenheit des Nachwuchses im Gottesdienst erlebt hat.

Viele Menschen nehmen in lateinamerikanischen Ländern weite Wege auf sich, um einen Sonntagsgottesdienst mitzuerleben. Daher bleibt es meist nicht bei einer einstündigen Veranstaltung. Das miteinander Reden, Essen und Singen gehört selbstverständlich dazu und das  nicht selten über einige Stunden. Das musikalische Gegenstück zu den imponierenden Klängen der Orgel in europäischen Kirchen, ist das Singen zur Gitarre, das in der lateinamerikanischen Kirchenkultur fest verwurzelt ist. 

Miteinander Singen, Beten und ins Gespräch kommen, aber auch  Zusammensein beim (Mittag)essen und Kaffee, steht auch beim Lateinamerika-Studientag im Mittelpunkt. „Viele der Teilnehmenden haben sich auf diesen Tag gefreut, das hat man gemerkt“, sagt eine Teilnehmerin, die zum ersten Mal dabei war. Auch für sie als „Neuling“ habe sich in der entspannten Atmosphäre schon bald Gelegenheit ergeben, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Ein bisschen mehr „Lateinamerika-Flair“ wünschen sich einige Teilnehmende für die deutsche Kirche. Manche von ihnen sehen auch Möglichkeiten, dies in kleinen Schritten in ihren Gemeinden zu realisieren. „Man kann neue Gesichter nach dem Gottesdienst auch einfach mal freundlich ansprechen“, nimmt sich eine Frau vor. Andere träumen von einer Kirche, die – so wie der Lateinamerika-Studientag das tut – Bildungs-, Gemeinschafts- und Glaubenselemente vereint. „Wenn Kirche so sein könnte, dann wäre das meine Kirche“, bilanziert ein Teilnehmer zu diesem Format.

Und womit kann die Kirche in Deutschland "punkten"? Neben dem reichhaltigen Schatz der Kirchenmusik ist es ihre solide verwaltungstechnische Aufstellung, womit unter anderem ein sicheres Gehalt für Pastor*innen einhergeht, aber auch ihre Ambitionen, sich in den politischen Diskurs einzumischen.

Für Nina Roggenbuck-Bauer, Referentin für Internationale Partnerschaften im ELM, die gemeinsam mit Kurt Herrera und Cristina Scherer den Lateinamerika-Studientag vorbereitet hat, haben sich die Erwartungen erfüllt, die sich das Orga-Team für die Veranstaltung erhofft hat: "Es gab einen sehr lebendigen Austausch."

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