Begegnung über Kontinente hinweg

Ein Gespräch mit Pastor Matheus Lubki (Brasilien) und Pastorin Anke Orths (Deutschland)

ELM: Herr Lubki, stellen Sie sich doch bitte kurz vor – und verraten Sie uns auch, warum Sie Deutsch sprechen.

Matheus Lubki: Ich bin Pastor und komme aus Brasilien. Zurzeit arbeite ich in einer Gemeinde in Zentralbrasilien, in der Stadt Querência im Bundesstaat Mato Grosso. Ich bin verheiratet, wir haben noch keine Kinder. Deutsch spreche ich, weil ich deutsche Vorfahren habe. Meine Familie stammt ursprünglich aus Pommern und ist etwa um 1880 nach Brasilien ausgewandert. Meine Großmutter und meine Mutter sprechen Plattdeutsch. Als ich an die Hochschule ging, habe ich begonnen, Hochdeutsch zu lernen. Deshalb kann ich heute ein bisschen Deutsch.

ELM: Können Sie auch noch Plattdeutsch?

Matheus Lubki: Ein wenig verstehen, ja – aber sprechen kann ich es leider nicht mehr.

ELM: Frau Orths, stellen Sie sich bitte auch kurz vor.

Anke Orths: Ich bin 61 Jahre alt und Pastorin der Kirchengemeinde Heiligenloh/Colnrade. Während meiner gesamten Dienstzeit war ich stark mit Partnerschaftsarbeit und Ökumene verbunden.

ELM: Wie sind Sie beide auf die Idee gekommen, an diesem Austauschprogramm teilzunehmen?

Matheus Lubki: Ich habe in Brasilien von dem Programm auf einer Pastoralkonferenz erfahren. Unser Synodalpastor berichtete davon, und ich war sofort interessiert: ein anderes Land, eine andere Kultur und die Kirche in Deutschland kennenzulernen. Ich bin sehr froh, dass es geklappt hat und ich jetzt viele neue Erfahrungen sammeln konnte – auch hier bei Pastorin Anke.

Anke Orths: Bei mir war es ähnlich. Ich bekam wie alle im Kirchenkreis eine Mail mit der Anfrage. Ich habe sofort geantwortet, dass ich Interesse habe – allerdings mit dem Hinweis, dass jüngere Kolleginnen und Kollegen Vorrang haben sollten. Da sich niemand anderes meldete, bin ich schließlich ausgewählt worden.

ELM: Was hat Sie motiviert, teilzunehmen?

Matheus Lubki: Für mich ist Deutschland eng mit unserem lutherischen Glauben verbunden. Es war immer ein Wunsch von mir, hierherzukommen. Es ist für mich eine große Ehre.

Anke Orths: Unser Kirchenkreis hat eine Partnerschaft mit Mato Grosso. Ich war 2019 schon einmal dort. Jetzt befindet sich die Partnerschaft in einer Übergangsphase, und ich fand es schön, diesen Prozess zu begleiten – Kontakte zu vertiefen und weiterzuführen.

ELM: Welche Erwartungen hatten Sie?

Matheus Lubki: Ich wollte die Partnerschaft stärken und sehen, wie Kirche hier arbeitet. Ich wollte Neues lernen und mit nach Brasilien nehmen.

Anke Orths: Ich hatte keine festen Erwartungen, sondern war einfach gespannt. Besonders freut mich, dass die Kommunikation so gut funktioniert – auch dank der Deutschkenntnisse von Herrn Lubki. Der Austausch hilft mir sehr, meine eigenen Erfahrungen aus Brasilien besser zu verstehen.

ELM: Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Matheus Lubki: Ja, sogar mehr als das. Ich habe viel gelernt und konnte Orte besuchen, die ich bisher nur aus der Geschichte kannte – zum Beispiel Wittenberg. Auch die Gemeindearbeit hier, etwa der Gospelchor oder der Kontakt mit den Gemeindegliedern, war sehr bereichernd. Und besonders wichtig ist mir der persönliche Austausch mit Pastorin Anke – daraus ist Freundschaft entstanden.

Anke Orths: Für mich ist es ein fortlaufender Prozess, der sehr konstruktiv ist. Ich merke schon jetzt, wie sich mein Blick erweitert.

Kirche und Gottesdienst im Vergleich

ELM: Wie erleben Sie die lutherischen Gottesdienste in Deutschland?

Matheus Lubki: Sie sind unseren Gottesdiensten in Brasilien sehr ähnlich. Die Liturgie ist gleich, und ich konnte viele Lieder mitsingen. In Brasilien ist es oft etwas spontaner, hier wirkt es formeller – aber ich habe mich sehr wohlgefühlt.

ELM: Welche Unterschiede fallen Ihnen besonders auf?

Matheus Lubki: Ein großer Unterschied ist die Musik. In Deutschland gibt es viele Organisten und Musiker. In Brasilien ist das oft schwieriger – manchmal muss ich selbst Gitarre spielen. Auch die Gottesdienstbesucher unterscheiden sich: In meiner Gemeinde mit 475 Mitgliedern kommen etwa 60 Menschen zum Gottesdienst. Hier sind es bei über 1000 Mitgliedern oft nur 25 bis 30.

Arbeitsalltag und Strukturen

ELM: Wie erleben Sie den Austausch über Ihre Arbeit?

Matheus Lubki: Sehr intensiv. Ich sehe, dass es in Deutschland mehr Bürokratie gibt, aber vieles ist auch sehr gut organisiert. Einige Dinge könnten vielleicht auch in Brasilien funktionieren – aber das hängt natürlich von der Kultur ab.

Anke Orths: Ich bin besonders gespannt darauf, zu erleben, wie Kirche ohne so viel Bürokratie funktionieren kann.

ELM: Wie wird Kirche in Brasilien finanziert?

Matheus Lubki: Ganz anders als in Deutschland: Es gibt keine Kirchensteuer. Wir leben von Spenden. Zusätzlich organisieren wir Aktionen, zum Beispiel Pizza-Verkäufe oder große Gemeindefeste. Damit finanzieren wir unsere Arbeit. Jede Gemeinde trägt ihre Kosten selbst und gibt einen Teil an die Synode weiter.

ELM: Welche Rolle spielen Ehrenamtliche?

Matheus Lubki: Eine große. Besonders früher haben Lektorinnen und Lektoren viele Aufgaben übernommen, auch Gottesdienste. Heute gibt es wieder mehr Pastorinnen und Pastoren, aber Ehrenamtliche sind weiterhin wichtig.

ELM: Frau Orths, nehmen Sie etwas aus diesem System für Deutschland mit?

Anke Orths: Es regt zum Nachdenken an. Unsere Strukturen sind deutlich komplexer. Vielleicht könnte man manches vereinfachen und mehr Verantwortung – auch finanziell – wieder stärker in die Gemeinden legen.

Glaube, Gesellschaft und Diakonie

ELM: Wie politisch sollte Kirche sein?

Matheus Lubki: Das Evangelium hat immer auch mit gesellschaftlichem Handeln zu tun. Jesus hat Menschen in Not geholfen – das ist auch unsere Aufgabe. Deshalb ist die Diakonie zentral. Eine Kirche ohne diakonisches Engagement ist für mich kaum vorstellbar.

Anke Orths: Dem stimme ich voll zu.

Eindrücke aus Deutschland

ELM: Was ist Ihnen an Deutschland besonders aufgefallen?

Matheus Lubki: Ich empfinde Deutschland als sehr organisiert und sauber. Das ist beeindruckend – auch wenn es natürlich nicht bedeutet, dass Brasilien chaotisch ist.

ELM: Und die Landschaft?

Matheus Lubki: Sehr schön – besonders die Natur und die vielen Windräder, die ich so aus meiner Heimat nicht kenne.

Kirchenräume und Tradition

ELM: Was ist Ihnen an deutschen Kirchen aufgefallen?

Matheus Lubki: Die Kirchen erzählen Geschichte – biblische Geschichten, aber auch die Geschichte der Gemeinde. In Brasilien ist das oft weniger ausgeprägt. Besonders beeindruckt haben mich die Skulpturen und Bilder. Ein Detail fand ich besonders spannend: In einer Kirche hier stehen vier Kerzen für die Evangelisten – bei uns sind es meist drei für die Dreieinigkeit.

ELM: Frau Orths, verändert dieser Blick von außen Ihre Wahrnehmung?

Anke Orths: Ja, er erinnert mich daran, solche Dinge auch stärker zu vermitteln – etwa im Konfirmandenunterricht. Der Blick von außen ist sehr bereichernd.
Blick in die Zukunft

ELM: Herr Lubki, worauf freuen Sie sich beim Gegenbesuch von Frau Orths in Brasilien?

Matheus Lubki: Ich freue mich sehr darauf, dass meine Gemeinde sie kennenlernt. Das wird helfen, Klischees abzubauen und unsere Partnerschaft weiter zu vertiefen.

ELM: Frau Orths, worauf freuen Sie sich?

Anke Orths: Auf die Sprache, auf die Begegnungen, auf die Gemeinde – und darauf, eine neue Region kennenzulernen. Und vielleicht auch auf eine gewisse Ruhe, die ich hier manchmal vermisse.

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