Sichere Räume für Vielfalt als gelebte Praxis
Gabriele De Bona, ELM-Referentin Gender International, hat mit drei Vertretern der Lutherischen Outreach Foundation in Hillbrow/Südafrika ein Interview zum Thema Gendergerechtigkeit geführt.
Wiseman Ngobese ist Leiter der "Lutheran Community Outreach Foundation" (LCOF), Johan Robyn ist Pastor und Projektverantwortlicher und Robert Michel war bis 2025 Leiter der LCOF.
Gabriele De Bona: Welche Rolle spielt Geschlechtergerechtigkeit in Ihrer Arbeit?
Wiseman Ngobese: Sie ist zentral. Wir achten bewusst darauf, Frauen zu stärken und ihnen Führungs- sowie strategische Rollen zu ermöglichen. Tatsächlich besteht ein großer Teil unserer Organisation aus Frauen, auch in Leitungsfunktionen. Das ist kein Zufall. Die Mehrheit unserer Begünstigten sind Frauen, und wir wissen, dass die Stärkung einer Frau oft das gesamte Umfeld stärkt.
Johan Robyn: Frauen tragen in vielen Haushalten die Hauptverantwortung. Wenn sie unabhängiger werden und ihr Leben selbst gestalten können, profitieren davon oft mehrere Menschen. Deshalb setzen wir gezielt auf ihre Förderung. Nicht als Gegenmodell, sondern als Weg zu mehr Gleichgewicht.
Gabriele De Bona: Wie sieht diese Führung konkret aus?
Johan Robyn: Frauen sind bei uns auf der zweiten Führungsebene stark vertreten und übernehmen strategische Verantwortung. Sie entscheiden mit, welche Programme umgesetzt werden, etwa zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt oder zur Förderung von Inklusion. Auch wichtige Organisationsentscheidungen werden maßgeblich von ihnen geprägt.
Robert Michel: Zudem werden zentrale Standorte von Frauen geleitet. Diese Entwicklung ist bewusst gefördert worden.
Gabriele De Bona: Gab es auf diesem Weg Widerstände?
Robert Michel: Ja, die Organisation war lange männerdominiert. Frauen hatten eher unterstützende Rollen. Ein Wendepunkt war die Covid-Zeit. Durch notwendige Umstrukturierungen konnten wir Führungspositionen neu besetzen und Frauen stärker einbinden.
Gabriele De Bona: Sie arbeiten viel mit Migrant*innen. Welche geschlechtsspezifischen Herausforderungen begegnen Ihnen?
Wiseman Ngobese: Viele Frauen erleben bereits auf ihrer Flucht Gewalt und Ausbeutung. Auch nach ihrer Ankunft sind patriarchale Strukturen oft noch präsent. Unabhängigkeit ist für viele ein neues Konzept. Häufig stehen Frauen allein mit ihren Kindern da und sind mit enormen Herausforderungen konfrontiert.
Gabriele De Bona: Wie reagieren Sie darauf?
Johan Robyn: Diese Themen sind in all unseren Programmen integriert. Wir analysieren die Situation vor Ort und entwickeln darauf abgestimmte Maßnahmen. Dazu gehören Aufklärungskampagnen, psychosoziale Unterstützung, Beratung und Traumabegleitung. Wichtig ist auch, dass wir Männer aktiv einbeziehen.
Gabriele De Bona: Welche Rolle spielt Bildung, insbesondere für Jungen?
Robert Michel: Eine sehr große. Viele Frauen kommen aus Kontexten, in denen sie kaum Rechte haben. Wir vermitteln, dass in Südafrika Gleichberechtigung gilt und dass diese Rechte auch eingefordert werden können.
Wiseman Ngobese: Gleichzeitig arbeiten wir mit Jugendlichen in Schulen. Dort fördern wir Dialoge auf Augenhöhe. Besonders wirkungsvoll ist es, wenn Mädchen selbst formulieren, welches Verhalten sie sich von Jungen wünschen. Unsere Aufgabe ist es, diesen Austausch zu ermöglichen.
Gabriele De Bona: Wie gehen Sie mit fehlenden familiären Strukturen um?
Johan Robyn: Klassische Familienmodelle sind in vielen Communities nicht Realität. Stattdessen schaffen wir Räume, in denen junge Menschen neue Formen des Miteinanders entwickeln können. Dabei entsteht Gleichberechtigung durch Dialog, nicht durch Vorgaben von außen.
Wiseman Ngobese: Wichtig ist, nicht zu verurteilen. Auch Männer stehen oft unter Druck und handeln innerhalb ihrer eigenen Realität. Wir wollen keine Schuld zuweisen, sondern Perspektiven eröffnen, besonders für die jüngere Generation.
Gabriele De Bona: Wie schaffen Sie sichere Räume für Vielfalt?
Wiseman Ngobese: Unser Grundsatz lautet: „Begegne dem Menschen als Mensch.“ Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Identität stehen nicht im Vordergrund. Diese Haltung wird von allen gelebt, unabhängig von Position oder Aufgabe.
Johan Robyn: Es geht weniger um physische Räume als um eine gelebte Praxis. Menschen sollen ihren eigenen Weg finden können, und wir begleiten sie dabei.
Wiseman Ngobese: In Projekten bringen wir bewusst unterschiedliche Gruppen zusammen, auch solche, die sich sonst kaum begegnen würden. Daraus ist unser „Fruit-Basket“-Ansatz entstanden: Vielfalt in einem gemeinsamen Raum. Entscheidend ist, dass alle gleich behandelt werden und in respektvoller Weise.
Gabriele De Bona: Welche Form von Geschlechterungerechtigkeit möchten Sie besonders verändern?
Wiseman Ngobese: Oft entstehen neue Ungerechtigkeiten, wenn Probleme einseitig gelöst werden. Ich wünsche mir Ansätze, die alle einbeziehen: Frauen, Männer und LGBTQ-Personen gemeinsam.
Robert Michel: Für mich steht sexualisierte Gewalt im Mittelpunkt. Viele Frauen haben extreme Erfahrungen gemacht. Das darf nicht weiter so bleiben.
Johan Robyn: Ich sehe ein grundlegendes Problem in veralteten Rollenbildern, die durch gesellschaftliche Systeme geprägt wurden. Wir brauchen neue, inklusivere Vorstellungen davon, welche Rollen Menschen einnehmen können. Diese Veränderung beginnt bereits, besonders bei jungen Menschen. Unsere Aufgabe ist es, sie sichtbar zu machen und zu stärken.