Missionsblätter als wissenschaftlicher Beitrag
„Es ist ein Kulturschatz, ein Schatz der Mission und ein christlicher Schatz.“
Wenn sie über die seit 1854 erschienenen Missionsblätter spricht, gerät Christel Andersen regelrecht ins Schwärmen. Die Leiterin des Missionshausmuseums in Hermannsburg/Südafrika vertieft sich gerne auch nach Feierabend in die Blätter, in denen Erlebnisse und Beobachtungen der aus Hermannsburg/Deutschland entsendeten Missionare über die Jahrhunderte hinweg festgehalten wurden. „Das ist spannender als jede Fernseh- oder Netflix-Serie“, findet die Südafrikanerin, deren Vorfahren seinerzeit mit dem Missionsschiff "Kandaze" aus der Südheide nach Südafrika kamen.
Die bis ins Jahr 1974 monatlich, dann bis 1993 alle zwei Monate erschienenen Missionsblätter dienten in erster Linie dazu, Menschen in der „alten Heimat“ über die Situation der Hermannsburger Mission in Afrika, Lateinamerika und Asien, zwischenzeitlich auch Australien, zu informieren und sie zu Spenden zu motivieren. Da die Missionare auch über den Alltag der Menschen in den fernen Ländern, aber auch über politische und gesellschaftliche Ereignisse berichteten, haben die Missionsblätter einen historischen Wert über die Kirchengeschichte hinaus. „Aus vielen dieser Länder gibt es aus dieser Zeit nur wenig geschriebene Geschichte“, erläutert Christel Andersen. So erfuhren die Leser*innen zum Beispiel in detaillierten Schilderungen von der Hochzeit eines Königs aus dem Volk der Zulu in Südafrika.
Dieser Schatz an Berichten soll nun digital für Interessierte, vor allem aber auch die Wissenschaft zugänglich gemacht werden. Heinz Küsel aus Pretoria, ebenfalls Nachkomme einer Hermannsburger Missionarsfamilie, hat hierfür einen speziellen Scanner angeschafft. Mit diesem Gerät, einem „Object Recognition Scanner“, können die größtenteils noch in altdeutscher Schrift gedruckten Texte so gescannt werden, dass sie nicht nur als ganze Bildfläche, sondern in einzelnen Worten erfasst werden. Das ermöglicht eine anschließende Übersetzung in verschiedene Sprachen sowie eine Suche nach Schlagwörtern. „Es gibt noch technische Mängel, das System läuft vorläufig auf einem Testserver“, berichtet Christel Andersen.
Bei einem Besuch im Juni 2026 in Hermannsburg/Deutschland hat sie das Projekt im Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) vorgestellt. Das ELM unterstützt die Digitalisierung der Missionsblätter finanziell. Zudem ist ELM-Archivar Rainer Allmann einer der Editoren, die bereits eingescannte Seiten mit den Originalen abgleichen und damit ausfindig machen sollen, an welchen Stellen die Software noch nachgebessert werden muss. Vor allen Beteiligten liegt noch viel Arbeit: Immerhin sind es - die Nachfolgepublikationen "Mitteilen", "Mitmachen" und "Mitleben" eingerechnet - gut 38.000 Seiten Missionsgeschichte, die hier langfristig verarbeitet und zugänglich gemacht werden sollen.