"Meine Fragen haben an Tiefe gewonnen"
Acht Wochen lang hat die deutsche Theologiestudentin Zara Kiliç in einer evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rio de Janeiro/Brasilien ein Praktikum absolviert. Möglich wurde dies dank eines Programmes des Ev.-luth. Missionswerks in Niedersachsen (ELM), das Studierenden im Gebiet der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers Einblicke in lutherische Gemeinden im Globalen Süden vermittelt und den Aufenthalt vor- und nachbereitet. Verantwortlich ist hierfür das Partnerschaftsreferat des ELM, darüber hinaus stand Zara Kiliç in engem Kontakt mit der ökumenischen Mitarbeiterin des ELM, einer Brasilianerin, die einige Jahre lang in Deutschland arbeitet.
In der Gemeinde in Rio de Janeiro waren es dann vor allem die menschlichen Begegnungen, die Zara Kiliç nachhaltig beeindruckt haben. An erster Stelle nennt sie hier ihren Mentor, Pastor Éder Beling. „Alle meine Erfahrungen konnte ich mit ihm in Resonanz bringen. Das war unglaublich wertvoll und hilfreich“, erinnert sie sich.
Indem sie den Seelsorger bei seiner Arbeit begleitete, wurde ihr auch immer wieder klar, „wie privilegiert verbeamtete Pfarrpersonen in Deutschland sind“. Ohne einen wohlhabenden Dachverband hänge die Existenz der Gemeinde und der Pfarrperson maßgeblich von den Beiträgen der Gemeindemitglieder ab. Es gehe aber nicht nur um Finanzielles, sondern auch um eine Vielzahl an Aufgaben, die in der brasilianischen Gemeinde durch den Pastor quasi nebenbei bewältigt werden müssen. Beling war aus Sicht der Besucherin aus Deutschland auch Küster, Techniker, Gärtner, Fahrdienstdienst, Künstler und Hausmeister. Ihr Resümee: „Ich positioniere mich der Institution Kirche gegenüber oft sehr kritisch und konnte hier, vor allem mit Blick auf meine eigene Zukunft, diese „schützende“ Qualität von Kirche in Deutschland deutlicher sehen und wertschätzen. Vielleicht, so Kilic, könne es so eine Art Mittelweg geben zwischen strukturell-getragener und Kirche und Gemeinde „von unten“.
Aus Brasilien mitgenommen hat sie auch einen neuen Blick auf die weltweite evangelisch-lutherische Kirche: „Vor Ort wurde mir bewusst, wie selbstverständlich und zugleich unreflektiert mein eigenes Verständnis von „evangelisch-lutherisch sein“ ist, obwohl ich mir darüber im Vorhinein schon ein paar Gedanken gemacht hatte“, sagt die junge Frau rückblickend. Während in ihrer Heimat ein relativ großer Bevölkerungsteil evangelisch ist, sei in Brasilien sehr deutlich spürbar geworden, dass die lutherische Kirche weltweit eine Minderheitenkirche ist.
Weitere, grundsätzliche Fragen, sind während des Aufenthaltes aufgetaucht: Wie geht die evangelisch-lutherische Kirche eigentlich mit ihrem Erbe um, das stark im weiß-mitteleuropäischen Kontext verankert ist? Und was bedeutet es konkret, dieses Erbe in Teilen der Welt zu leben, wo sich Glaube, Kultur und gesellschaftliche Realität auf ganz andere Weise miteinander verschränken?
All das sind Fragen, die sich für Zara Kiliç bis heute nicht eindeutig beantworten lassen. „Sie haben aber durch die konkreten Erfahrungen vor Ort an Tiefe gewonnen“, ist sie überzeugt.