Im Gespräch über Frieden

Menschen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise beruflich oder privat mit dem Thema Frieden beschäftigen, an einen Tisch bringen – das möchte das Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachen (ELM) mit dem neuen Dialogformat „Menü der Begegnung“.

Mit dem Friedensort2GO bietet das ELM in Hermannsburg seit 2021 einen Pilgerweg mit Begleitprogramm. Er ist einer der acht „Friedensorte“ der Landeskirche Hannovers. Das “Menü der Begegnung“ hat Ingrid Lüdemann als eine der zuständigen Referentinnen im ELM initiiert, um eine Plattform zu schaffen, auf der sich Menschen begegnen und ihre Gedanken über Frieden einbringen können.

In einer ersten Auflage haben sich Olaf Gericke und Waldemar Rausch im Restaurant „Auszeit“ in Beckedorf zum Gespräch getroffen. Mit Bruschetta, einem Hauptgericht und zum Abschluss Tartuffo, wurden ihnen jeweils auch Fragen serviert, die Anstoß gaben zu einem intensiven Austausch.

Olaf Gericke ist 54 Jahre alt, Oberstleutnant der Bundeswehr und Dipl.-Ing. der Luft- und Raumfahrttechnik. Geboren wurde er in Papua Neuguinea als Sohn einer Missionarsfamilie. Er ist  überzeugter evangelischer Christ. Olaf Gericke war als Soldat im Kosovo, in Afghanistan und Mali im Einsatz. Er lebt in Hermannsburg mit Zweitwohnsitz Brüssel und ist dort tätig im NATO-Hauptquartier im Bereich der Partnerschaftsarbeit.

Waldemar Rausch ist 53 Jahre alt und im Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) Referent für die Russische Föderation und Globale Nachhaltigkeit. Der evangelische Pastor hat Wehrdienst geleistet, dann Theologie studiert und war einige Zeit als Missionar nach Russland entsandt.

 

Was ist aus deiner Perspektive momentan die größte Herausforderung für Frieden – in Deutschland und in der Welt?

Olaf Gericke: Aus meiner Sicht gefährdet vor allem die Zunahme von Populismus und Polarisierung die hart erarbeiteten "Friedensbündnisse", auch in Deutschland. Denn auch wenn man es kaum glauben mag: Wir leben derzeit gemessen an der Zahl der Kriegstoten in einer der friedlichsten Zeiten der Menschheitsgeschichte. Bis 1945 gab es im Durchschnitt alle 30 Jahre einen Krieg auf deutschem Boden und alle zehn Jahre einen Krieg innerhalb Europas. Mit der NATO haben sich erstmals in der Weltgeschichte 31 Nationen zusammengeschlossen, um die Sicherheit für über eine Milliarde Menschen zu garantieren.

Waldemar Rausch: Ja, die Sache mit der Polarisierung ist wirklich schwierig. Die Menschen sehen gern schwarz-weiß. Mit dem Reden darüber, dass unsere Sicherheit, unser Rechtsstaat oder auch unser Wohlstand bedroht sind, kann man Ängste schüren und polarisieren. Aber das bringt uns nicht weiter. Populismus und Polarisierung führen letztlich zum Krieg. Und Krieg führen bedeutet, du musst die Leute so weit treiben mit Propaganda, bis sie in eine Zwangslage kommen: "Wenn ich nicht schieße, werde ich erschossen".

Olaf Gericke: Weniger als 1 Prozent der Menschen können tatsächlich einen Mitmenschen töten. Im Ersten Weltkrieg oder in Vietnam, haben 80 Prozent der Soldaten danebengeschossen. Der niederländische Philosoph, Rutger Bregmann, hat in seinem Buch "Der gute Mensch" dargestellt: Der Homo Sapiens ist eigentlich friedliebend.

Waldemar Rausch: Aber es kostet Kraft, das Schwarz-Weiß-Denken nicht mitzumachen. Trotzdem ist es aus meiner Sicht der richtige Weg: differenzieren, ergänzen und sich die Dinge nicht zu schnell zu einfach machen.

Welche konkreten Schritte gehst Du gerade beruflich zum Frieden?

Olaf Gericke: Bei der NATO verhandeln täglich die militärischen und politischen Vertreter der 31 Mitgliedsstaaten miteinander, um den "Weltfrieden" zu sichern und Aggressoren abzuschrecken, bzw. zu bekämpfen. Meine Abteilung bemüht sich, noch weitere über 39 Partnernationen - zuletzt Finnland, hoffentlich bald Schweden - in das "Friedensbündnis" zu holen, darunter war von 1995 bis Ende 2021 auch Russland. Der Aufbau von Beziehungen, vor allem zwischen den einzelnen Akteuren ist da maßgeblich. Unser oberster Chef, Jens Stoltenberg, ist über 50 Prozent der Zeit nur unterwegs, um zu verhandeln und Beziehungen zu knüpfen. Das ist Schwerstarbeit zwischen den Stühlen. Oder kannst du dir vorstellen mit Orban oder Erdogan zu verhandeln? Solange miteinander geredet wird, führt man gegeneinander keinen Krieg. Ultimativ ist jeder Krieg sinnlos und hätte verhindert werden können.

Waldemar Rausch: So ist es ja in allen Lebensbereichen – man kommt nur mit Reden weiter. Und mit Respekt. Ich war im Dezember bei einem Lehrkräfteforum in Hannover zum Thema Frieden, an dem wir vom ELM verschiedene Workshops angeboten haben. Bei einer Podiumsdiskussion war auch der Beauftragte der Landeskirche für interreligiösen Dialog, der die Grundregeln für den Umgang im interreligiösen Dialog erläutert hat. Und eine dieser Grundregeln lautet "Respekt". Respektieren, dass das Gegenüber andere Bedürfnisse hat. Das zeigt sich zum Beispiel in der Ernährung. Wenn man Muslime einlädt und denen was mit Schweinefleisch vorsetzt, hat das wenig mit Respekt zu tun.  Das heißt, es ist nicht nur wichtig, auf die Gemeinsamkeiten zu schauen, sondern auch auf die Unterschiede. 

Kannst du dir vorstellen, im Beruf deines Gegenübers zu arbeiten bzw. dass dein Gegenüber deinen Beruf ausübt?

Waldemar Rausch: Du würdest wahrscheinlich ganz gut predigen. Bei dem Eindruck, den ich gewonnen habe, wie du deine Arbeit machst, glaube ich gar nicht, dass es einen großen Unterschied machen würde, wer von uns beiden eine Predigt hält. Du versuchst ja im Grund genommen auch, an Ort und Stelle in dem System, in dem du bist, darauf einzuwirken, dass die Welt friedlicher wird.

Olaf Gericke: Als Pastor hat man vielleicht den Vorteil, dass man direkt am Frieden zwischen den Menschen arbeitet. Allerdings würde ich mich schwer tun damit, ganz alleine über 3000 Gemeindegliedern gerecht werden zu müssen.  In der Kirche hat man den Frieden vor Augen, bei der NATO schauen wir ja vor allem dorthin bzw. werden dorthin geschickt, wo Krieg ist.

Waldemar Rausch: Die Bundeswehr argumentiert aber doch damit, dass sie sich um Friedenssicherung kümmert. Ihr seid im Grund Friedensgaranten.

Olaf Gericke: Aber letztendlich lernen wir zu töten; daher hatte ich 1988 auch überlegt, den Wehrdienst zu verweigern. Aber damals war der Kalte Krieg und im Ernstfall ist es Selbstverteidigung. Deshalb fand und finde ich den Dienst an der Waffe moralisch vertretbar, da wir letzten Endes bereit sind, unser Leben für die Gemeinschaft zu opfern.

Waldemar Rausch: Ich habe mich nicht getraut, zu verweigern. Ich dachte, das kann ich meinem Vater nicht antun und meinen Großeltern. Bei der Bundeswehr habe ich mir dann die friedlichste Nische gesucht und war bei den Sanitätern und später dann Musiker. Sehr beeindruckt hat mich ein Ausbilder, der bekennender Christ war. Durch seine Art aufzutreten und durch die Atmosphäre, die er geschaffen hat, war er ein Friedensdiener – also das geht auch bei der Bundeswehr.

Olaf Gericke: Wir versuchen ja auch in der Bundeswehr mit den Fächern "Lebenskundlicher Unterricht" und "Politische Bildung" einen Wertekompass zu vermitteln, der die Gemeinschaft und den Beruf trägt. In unserer Gesellschaft sind ja die ehemals dominierenden Werte des christlichen Abendlandes weitestgehend vom "Miteinander/ Füreinander" zum "Ich zuerst" gewandelt worden. Vor allem durch die Neuen Medien und die Polarisierung.

Waldemar Rausch: In Bezug auf die christlichen Werte ist es schade, dass die Kirche viel Vertrauen verspielt hat. Das Vertuschen von sexuellem Missbrauch beispielsweise, das fällt uns jetzt auf die Füße.

Olaf Gericke: Ja, früher war Kirche eine moralische Instanz, das ist sie heute nicht mehr. Aber auch der Beruf des Soldaten wird unterschiedlich gesehen. Wenn du in Uniform in Hamburg rumläufst, bekommst du statt Anerkennung, wie in anderen Nationen, immer noch komische Blicke oder gar blöde Kommentare. Dabei ist es der einzige Beruf, in dem man bereit sein muss, sein Leben für die Gemeinschaft zu opfern.

Waldemar Rausch: Das wird aber nach außen nicht betont. Wenn du die Werbeplakate anschaust, ist Bundeswehr das größte Abenteuer, das du haben kannst. Ich mochte eher die Losung vom "Staatsbürger in Uniform".

Olaf Gericke: Ich finde den Spruch gut "Wir dienen Deutschland". Das ist ein richtiger Gedanke.

Was ist deine Kraftquelle?

Olaf Gericke: Erstens Gott, zweitens Familie, drittens Freunde und physisch fit bleiben – das sind meine Kraftquellen. Beeindruckt hat mich immer die amerikanische Art, in den Einsatz zu ziehen; kurz bevor jede Operation der Amerikaner losging, wurde der Militärpfarrer vom Kommandierenden nach vorne gebeten: "Let us pray ..." - Gebet als ultimative Kraftquelle.

Waldemar Rausch: Das ist bei mir genauso. Außerdem habe ich gerade noch eine Kraftquelle dazu gewonnen. Freitagsmorgens um 6.15 Uhr treffe ich mich mit sechs anderen Menschen online. Das nennt sich "Ankerzellen" und wurde von der Landeskirche initiiert. In den Gruppen tauscht man sich aus, wie es einem geht, dann lesen wir einen Bibeltext und beten zusammen.

Olaf Gericke: Kann da jeder mitmachen?

Waldemar Rausch: Ja, klar.

Olaf Gericke: Das ist cool, schickst du mir mal einen Link? Ich habe schon länger einen "mobilen" Bibelkreis gesucht.

Wie schaffst du es persönlich, nicht die Hoffnung auf Frieden zu verlieren?

Waldemar Rausch: Das hat bei mir viel mit Glaube zu tun.

Olaf Gericke: Ja, bei mir auch - und mit positivem Denken. Leider dominiert "Only bad news sells", das wirkt auf uns ein, überall. Es gibt so viele gute Dinge auf der Welt, aber darüber wird zu wenig berichtet.

Waldemar Rausch: Du sagtest am Anfang unseres Gesprächs, dass es nur ein Prozent der Menschen ist, das andere Menschen töten könne. Dann lassen mich die anderen 99 Prozent hoffen. Und Frieden im biblischen Sinne von "Schalom" ist ja mehr als nur "kein Krieg". Das ist ein Zustand der Geborgenheit, der Sicherheit, des Versorgtseins. Ganzheitlich gedacht ist es ein Leben in Harmonie unter Gottes Segen.

Olaf Gericke: Die Hoffnung auf diesen Frieden verlernt der Homo sapiens nie, glaube ich. Das Gute für uns Christen ist ja, dass wir den ultimativen Frieden im Paradies erwarten. Das ist ein toller Rückhalt.

Waldemar Rausch: Aber andererseits sagt Jesus: "Mit mir kommt der Friede in die Welt". Das setzt einen anderen Anspruch. Feindesliebe ist ja nichts Natürliches, das widerspricht unserem Empfinden. Wenn ich das Christsein ernst nehme, dann stirbt die Hoffnung nicht zuletzt, sondern sie feiert Auferstehung.

 

Anmerkung der Redaktion: Dieses Format bietet den Teilnehmenden Gelegenheit, ihre persönlichen Ansichten zum Thema zu äußern, die nicht mit denen des ELM übereinstimmen müssen.