Ein Stück Befreiungstheologie nach Deutschland gebracht

Drei Pastor*innen aus Brasilien vermittelten Einblicke in die Befreiungstheologie, aber auch in die politische Situation ihres Landes. Beim gemeinsamen Beten und Singen, Diskutieren und kreativen Gestalten wurde Gemeinschaft erfahrbar.

"Das Leben mit dem Unerwünschten, dem Gemiedenen, dem Ausrangierten ist eine Herausforderung. Denn Zusammenleben ist Konflikt. Zusammenleben bedeutet Lernen, Zusammenleben bedeutet Entdecken, Zusammenleben bedeutet Selbsterkenntnis. Zusammenleben ist anspruchsvoll. Aber Zusammenleben ist die Voraussetzung für Liebe."

Diese Worte stammen von Júlio Lancellotti. Er ist katholischer Pfarrer in São Paulo / Brasilien und sowohl als „religiöser Influencer“ als auch wegen seines sozialen Engagements im Land bekannt. Beim Lateinamerika-Studientag des ELM, der in Neustadt/Rübenberge stattfand, war sein Leben und Wirken eines der Beispiele, wie in Süd- und Mittelamerika christlicher Glaube gelebt wird. 31 Interessierte hatten sich eingefunden – unter ihnen auch Superintendent Rainer Müller-Jödicke - um sich lateinamerikanischer Spiritualität auf unterschiedliche Weise anzunähern.

Organisatorin Cristina Scherer, die derzeit als ökumenische Austauschpastorin aus Brasilien für das ELM arbeitet, eröffnete den Tag mit einer Andacht. Im Lukas-Evangelium 15,8-10, geht es um den Wert dessen, was man aus den Augen verloren hat und nach langem Suchen wiederfindet. Das können Dinge sein, Menschen – oder auch der Glaube.

In Lateinamerika haben viele Menschen durch die in den 1970iger Jahren populär gewordene Befreiungstheologie einen neuen Zugang zum Glauben gefunden. Das erläuterte Cristina Scherer in einem ausführlichen Vortrag. Befreiungstheologie verstehe sich als "Stimme der Armen" und wolle zu ihrer Befreiung von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung beitragen. Sie interpretiere  biblische Tradition als Impuls für umfassende Gesellschaftskritik. Mit einem Bekenntnis zum gelebten Glauben im Diesseits arbeite die Befreiungstheologie für eine basisdemokratische und teilweise sozialistische Gesellschaftsordnung.

Wie Menschen in Brasilien ihren Glauben im Alltag leben, beschrieb dann sehr anschaulich Pastorin Helga Pfannemüller: Neben der Kirche ist das Zuhause ein wichtiger Ort, wo man mit der Familie, Freunden und Nachbarn zusammenkommt: zum Essen, gemeinsamem Bibel lesen, singen, beten und feiern. Indem sie ihre Gebete, Gefühle, Gedanken, Erfahrungen und Ideen teilen, spürten die Menschen: Gott ist unter ihnen. 

Pastor José Kowalska übernahm den Part einer "Analyse der lateinamerikanischen Realität". Er schilderte Brasilien – das Land, in dem er bis vor Kurzem gelebt hat – als gespaltene Gesellschaft. Gespalten zwischen politischen Lagern, Nutzung oder Schutz des Regenwaldes, Fürsprache für die Armen oder Abschottung von ihnen. Der oben erwähnte Júlio Lancellotti ist ein Beispiel für Menschen, die sich für die Schwachen in der Gesellschaft positionieren. Nach ihm wurde sogar ein Gesetz benannte, das das Gebäude verbietet, die Obdachlose aus dem öffentlichen Raum fernhalten sollen. Das Gesetz wurde von Präsident Bolsonaro mit einem Veto belegt, das später wieder aufgehoben wurde.

Nach geballter Information und lebhaften Diskussionen stand am Nachmittag die kreative Annäherung an lateinamerikanische Spiritualität auf dem Programm. In Anlehnung an die Kunst von Christian Chavarria Ayala aus El Salvador wurden farbenfrohe Kreuze gebastelt. 

Für das Team aus dem ELM, zu dem mit Kurt Herrera auch der Referent für ökumenische Zusammenarbeit mit Peru und Brasilien sowie Verena Berndt, Referentin für Internationale Partnerschaften mit Schwerpunkt Malawi, Indien und Brasilien, gehörten, zog am Ende Cristina Scherer Bilanz: "Ich denke, alle haben sich sehr wohlgefühlt. Es gab schöne Gespräche und wir haben viel gelacht." Sie verbindet mit dem Tag auch die Hoffnung, ein Stück Befreiungstheologie nach Deutschland gebracht zu haben.