„Ein bisschen die Stimme des globalen Südens“

Sittenstrenge Missionare, volle Kirchen am Kilimandscharo und die Falle weißer Dominanz: Ein Gespräch der Böhme-Zeitung mit dem neuen ELM-Direktor Dr. Emmanuel Kileo. Das Gespräch führte André Ricci (ari).

Die deutsche Kolonialzeit, die im Vergleich zu anderen europäischen Kolonialmächten spät begann und durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg früh endete, ist wenig im kollektiven Gedächtnis verankert. Erst in jüngerer Zeit gerieten die ehemaligen deutschen Kolonien und die dort verübten Verbrechen stärker in die öffentliche Diskussion. Das hat vor allem mit dem Völkermord an den Herero und Nama auf dem Gebiet des heutigen Namibias zu tun, für den Deutschland erst 2021, mehr als 100 Jahre nach dem Staatsverbrechen, die historische Verantwortung übernahm. Auf lokaler Ebene wurde vor 15 Jahren auch einmal über Kolonialverbrechen im ehemaligen Deutsch-Ostafrika diskutiert. Damals beschloss der Stadtrat die Umbenennung der Carl-Peters-Straße in Zum Ahlftener Flatt. Carl Peters gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika und warnselbst in der damaligen Zeit als
brutal und ausgesprochen rassistisch verschrien. In den unabhängigen afrikanischen Nationen, deren Staatsgebiete einmal ganz oder teilweise zum deutschen Kolonialreich zählten (Burundi, Ruanda, Tansania, Namibia, Kamerun, Gabun, Republik Kongo, Zentralafrikanische Republik, Tschad, Togo und Ghana), erinnert nur noch wenig an diese Zeit. In seinem Land sei diese Epoche heute ein „Randthema“, berichtet Dr. Emmanuel Kileo. Der Geistliche aus der Stadt Moshi im Norden Tansanias ist neuer Direktor des Evangelisch-Lutherischen Missionswerks in Niedersachsen (ELM). Er ist der erste Afrikaner auf diesem Posten in der fast 200-jährigen Geschichte der Hermannsburger Mission. In der Berufung des 48-jährigen Theologen spiegelt sich ein verändertes Missionsverständnis und das Bemühen, Strukturen weißer Diskursdominanz aufzubrechen.

Die Mission ist ein Kind des Kolonialismus, hat diesen aber historisch überdauert und wird ambivalenter bewertet. Tansania beherbergt inzwischen die zweitgrößte lutherische Kirche der Welt. Wichtige soziale Einrichtungen in dem armen Land, deren Wurzeln in der Mission liegen, werden noch heute von der Kirche betrieben. In Eigenregie, aber unterstützt von den Kirchen des Nordens, die ihre Missionare entsandten. Ist aus der paternalistischen Mission tatsächlich eine Partnerschaft auf Augenhöhe entstanden? Kileo bleibt skeptisch, in seiner 2014 veröffentlichten Dissertation „Weiß-Sein als ideologisches Konstrukt“ schreibt er: „Der in den 1990er Jahren neu erfundene Begriff ‚Entwicklungszusammenarbeit‘ als Ersatz für ‚Entwicklungshilfe‘ hatte theoretisch auch das Ziel, in der Entwicklungsarbeit Abhängigkeit durch ‚Partnerschaft‘ zu ersetzen, um die kritisierte Abhängigkeit abzuschaffen. Leider entwickelten die neuen Begriffe keine anderen neuen Strategien oder Arbeitsprinzipien, um den Unterschied und ein klares Profil zu sichern.“ Im BZ-Gespräch skizziert der ELM-Direktor, was er sich vorgenommen hat und wie er seine Rolle sieht.

Sie sind gerade angekommen aus Tansania und die Frage, ob Sie sich eingelebt haben, käme wohl zu früh. Haben Sie sich schon ein bisschen eingefunden im neuen Leben?

Dr. Emmanuel Kileo: Ich glaube, das ist der passende Begriff. Eingelebt habe ich mich noch nicht, dafür ist das Werk mit seinen vielen Beziehungen und allem, was damit zu tun hat, zu groß. Aber eingefunden vielleicht schon. Die Menschen haben mich warm empfangen. Heute Morgen wäre ich fast zu spät zur Andacht gekommen. Ich war früh wach, bin aber zu spät losgegangen – auf einmal hatte ich nur noch vier Minuten und fing an zu rennen. Da hielt eine Frau mit ihrem Auto an und fragte, ob ich zur Mission möchte. Ich bejahte und sie ließ mich einsteigen und setzte mich dort ab. So kam ich noch pünktlich. Also ja: Ich habe mich eingefunden, ich bin da.

Pünktlichkeit ist wichtig in Deutschland, das beschreiben Sie in Ihrem Buch „Grüß Gott aus Afrika“ von 2012, in dem Sie augenzwinkernd deutsche Mentalität aus tansanischer Perspektive beschreiben.

Deshalb wollte ich ungern zu spät kommen, und mit Unterstützung der Frau ist das gelungen. Ein Signal der Wärme hier in Hermannsburg. Wahrscheinlich kennt sie das Missionswerk und weiß, dass hier Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen. Vielleicht hat sie auch davon gelesen, dass ich jetzt hier tätig bin.

Als Missionar? Ist das die korrekte Berufsbezeichnung?

Ja und nein. Ja, weil alle Getauften Missionare sind, wenn sie ihre Erfahrungen im Glauben an Jesus weitererzählen. Das mache ich auch. Immer wieder, wenn ich diese Frage bejahe, löse ich eine heftige Diskussion über das Verständnis von Mission aus. Nein, denn ich bin ökumenischer Mitarbeiter und Pastor, berufen durch die Trägerkirchen des Missionswerks, also die evangelisch-lutherischen Landeskirchen Braunschweig, Hannover und Schaumburg-Lippe. Das ist satzungsmäßige Voraussetzung dafür, den Posten als ELM-Direktor zu besetzen. Die drei Landeskirchen finanzieren das Missionswerk. Mission heißt heute auch, als Kirhen und in verschiedenen Kontexten gemeinsam unterwegs zu sein, um das Evangelium, die frohe Botschaft Jesu, zu verkündigen.

Heißt das, Sie werden auch im Kirchenkreis predigen?

Ja. In der St. Peter-Paul-Kirchengemeinde in Hermannsburg habe ich bereits drei, vier feste Termine. Auch das gehört zu den Aufgaben als Missionsdirektor.

Der Begriff der Mission wirkt etwas aus der Zeit gefallen und ist historisch belastet. Die lutherische Kirche Tansanias ist Kind der Missionsbewegung, die sich vor rund 160 Jahren im Zuge des Kolonialismus in Ostafrika ausbreitete.

Die Anfänge liegen im damaligen Deutsch-Ostafrika. Heute beherbergt Tansania die nach der äthiopischen Mekane-Yesus-Kirche zweitgrößte lutherische Kirche der Welt.

Also eine Erfolgsgeschichte?

Eine Erfolgsgeschichte, der wir uns stark verbunden fühlen. Wir wissen schon, dass die Mission mit Kolonialismus und Rassismus verbunden gewesen ist. Aber es gibt auch ganz andere Aspekte, und die sind der Grund dafür, dass die lutherische Kirche in Tansania eine wachsende Kirche ist. Die Menschen in Tansania sprechen nicht so viel über Kirche und Kolonialismus. Dass der Kilimandscharo mal der höchste Berg Deutschlands gewesen ist und Kaiser-Wilhelm-Spitze oder auch Wilhelmskuppe hieß, weiß fast niemand in Tansania. Ich selbst habe das auch erst in Deutschland erfahren. In Tansania wird mehr über Diakonie gesprochen. Beim Thema Mission stehen Sozialarbeit und der Bau von Schulen und Krankenhäusern im Vordergrund. Der Aspekt Kolonialismus wird da eigentlich bis heute ausgeblendet. Darüber wird nur diskutiert, wenn Missionare oder andere Menschen aus
Deutschland da sind. Die wollen immer über Kolonialismus und Rassismus sprechen. Missionare hatten bei uns im Norden Tansanias nie einen ganz schlechten Ruf, im Süden leider schon. In meinem Buch „Weiß-Sein als ideologisches Konstrukt“ habe ich dem ein ganzes Kapitel gewidmet. Die Mission tat uns nicht nur weh. Sie brachte schon ein paar gute Sachen. Deshalb ist eine differenzierte Diskussion sehr wichtig.

In dem Buch, Ihrer Dissertation an der Augustana Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, beschreiben Sie aber auch, dass sich rassistische Stereotype aus der Kolonialzeit bis heute in der karitativen Arbeit
der Kirchen spiegeln. Etwa in Europäern, die als Wohltäter auftreten. Sie beklagen, dass über Augenhöhe mehr gesprochen wird als dass sie gelebt werde.

Ich sehe schon, dass die Missionsgesellschaften heute sensibler mit dem Thema umgehen, gerade wenn sie im globalen Süden tätig sind. Die wollen Gutes tun und politisch nichts falsch machen. Trotzdem geraten sie, wenn sie sich nicht ganz intensiv mit Rassismus und Kolonialismus beschäftigen, schnell in fast die gleiche Situation wie die damaligen Missionare. Deshalb wollen wir Missionsgesellschaften, oder sagen wir besser Partnerschaften, immer wieder dafür sensibilisieren, dass Geschichte nicht nur Vergangenheit ist. Das kennen die Deutschen, wenn sie sagen, die Berliner Mauer ist gefallen, die in den Köpfen aber noch nicht. Vieles bleibt in der Sprache bestehen. Wenn in den Kirchen über Partnerschaft diskutiert wird, dann vom Norden in Richtung Süden. Es ist ein Nord-Süd-Dialog, in dem der Norden das „Wir“ ist und der Süden das „Andere“. „Die“ sind nicht wie „wir“. Mitarbeitende, Freiwillige und sogar Touristen, die in Afrika unterwegs sind, produzieren solche trennenden Bilder. Das ist der Anfang von unbewusstem Rassismus, insbesondere wenn der so erfundene „Andere“ dann anders behandelt wird.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass das „Andere“ intensiver erforscht wird als das vermeintlich „Normale“. Schwarzsein und Homosexualität stünden viel stärker im wissenschaftlichen Fokus als Weißsein und Heterosexualität.

Das Andere ist immer das, über das viel geredet wird. Ich habe in meiner Arbeit gezielt die Perspektive getauscht. Das Opfer erforscht den Täter. Es geht darum, dass nicht immer nur der Norden den Süden erklärt und über ihn Bücher schreibt. In der Partnerschaftsarbeit müssen wir dahin kommen, dass „die Anderen“ auch ein bisschen was über „uns“ sagen und schreiben. Erst wenn beides auf dem Tisch liegt, beginnt echter Dialog und Austausch. Gerade war eine Delegation in Südafrika. Die schreiben ein Länderpapier. Unser Anliegen wäre, dass Südafrikaner ihrerseits einen Bericht über Deutschland verfassen. So entsteht Augenhöhe, die beide Seiten spüren. Und wir kommen vielleicht endlich dazu, alle als Partner mit am Tisch zu sitzen.Viel ist schon passiert und viel wird noch geschehen.

Ist eines Ihrer Ziele als ELM-Direktor, diesen Prozess voranzubringen?

Genau, ein bisschen die Stimme des globalen Südens zu sein, sehe ich schon als meine Rolle. Ich werde sowieso so wahrgenommen, ob ich das will oder nicht. Wenn unsere Partner mich hier sehen, werden sie sagen: Endlich mal jemand aus dem globalen Süden! Diese Rede wird schon mal kommen. Ich finde es auch nicht schlecht, diese Stimme in Deutschland zu vertreten, auch über das ELM hinaus. Wenn über uns gesprochen wird, sollten wir dabei sein, damit miteinander gesprochen wird. Nie ohne uns!

Trotzdem bleibt auch bei partnerschaftlichen Entwicklungsprojekten ein ökonomisches Gefälle. Wie geht man damit um in Tansania?

Wir machen Diakonie, betreiben Schulen, Krankenhäuser und Sozialarbeit. Das sind wichtige Sachen, die früher von Missionaren verantwortet wurden. Heute trägt die Kirche in Tansania das selbst. Mit Unterstützung durch die Missionsgesellschaften, aber es ist unsere Arbeit. Wir machen das, sie helfen uns; sie kommen, sie machen mit. Das ist der Ansatz. Nicht, dass sie in Tansania ein Krankenhaus betreiben. Wir sagen als Partner, wo wir gerade
Unterstützung brauchen. Die kann in Geld bestehen, in Pflegekräften oder Ärzten. Globales Lernen passiert, wenn wir gemeinsam unterwegs sind.

Sie sagten, dass die Mission in Tansania positiv bewertet wird. Wie ist es denn mit der ehemaligen Kolonialmacht Deutschland?

Die Menschen wissen, dass Deutschland historisch nicht nur für Mission sondern auch für Kolonialismus steht. Der Blick auf das Land ist trotzdem sehr positiv. Als Tansania 1961 unabhängig wurde, waren die Engländer hier, die deutsche Kolonialzeit war längst vorbei. Deutsche Missionare waren aber noch hier, geduldet von den Engländern. Es kam die Frage auf, ob die Missionare auch in einem unabhängigen Tansania bleiben sollen. Die christlichen Tansanier wollten das, die muslimischen, die damals vielleicht sogar die Bevölkerungsmehrheit stellten, waren dagegen. Letztlich unterstützen die Kirchen des Nordens die Kirche Tansanias weiter. Das verbindet. Heute ist das Bild der jungen Generation ganz eindeutig: Die Deutschen sind Lutheraner so wie wir. Man ist stolz auf die lange Beziehung zur Kirche des Landes, aus dem Luther stammt. Deutschland ist in Tansania nicht nur im kirchlichen Bereich sehr präsent sondern auch politisch. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war gerade zu Gast und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist bei Krankenhäusern, Wasser und Versorgung stark engagiert. Das sind wichtige Themen für die Menschen, unabhängig davon, ob sie Muslime oder Christen sind. So ist die Lage heute: Deutschland als Partner. Vom Kolonialismus erfährt nur, wer sich
bewusst damit beschäftigt. Ich spreche Kolonialismus und Rassismus an, aber in der Gesellschaft sind das Randthemen.

Sie kommen aus einem Land, in dem die lutherische Kirche wächst. In Deutschland laufen ihr die Mitglieder davon. Können deutsche Gemeinden etwas von den tansanischen lernen?

Kirche war bei uns immer eng mit Diakonie und dem Thema Bildung verbunden. Das haben die Missionare klug gemacht. Das war auch für muslimische Eltern attraktiv, die sich Schulbildung für ihre Kinder wünschten. Die wollten keine Christen werden, aber die Schulen waren eng mit den Kirchen verbunden. Ein schwieriges Thema, ich weiß. Die Missionare hatten wenig Verständnis für interkulturelle Theologie und Religiosität. Das war eine ihrer Schwächen. Sie haben Christen schon als die besseren Menschen gesehen. Deshalb sage ich, ganz leise, dass Diakonie und Sozialarbeit auch ein bisschen instrumentalisiert wurden. In In dien gibt es dafür den Begriff „Rice Christians“ [Reis-Christen]. Die Armen strömen in die Missionsgesellschaften und werden zu Christen, damit ihre Kinder christliche Schulen besuchen können. Das kann man kritisch sehen. Aber viele haben das am Ende nicht bereut, sind oft ihr Leben lang Christen geblieben und haben ihre Kinder taufen lassen. Man hat ihnen Perspektiven eröffnet, manche konnten in den USA oder in Deutschland studieren. Daraus entwickelte sich eine feste Gemeinschaft. Man ist gemeinsam gewachsen. Auch in Deutschland haben Lutheraner einst den Schulbau vorangetrieben und sich dafür stark gemacht, Kindern vom Land Zugang zu Bildung zu verschaffen. Bildung war immer wichtig. Wenn Kirche sich aus der Sozialarbeit zurückzieht, weil sie nicht mehr so viel in die Gesellschaft investieren will, wenden sich Menschen von ihr ab. Denn wir sind nicht nur geistig bedürftig, sondern auch körperlich. Die Kirche muss schon ein bisschen was für die Gesellschaft tun.

War die Christianisierung Tansanias mit starker kultureller Veränderung verbunden?

Das schon. Die Menschen in Tansania diskutieren das weniger, aber in den Sozialwissenschaften ist das ein großes Thema. Da ist sogar von Entwurzelung die Rede. Ja, Menschen wurden von ihrer ursprünglichen Kultur getrennt und haben sich der europäischen angeglichen. Das war so.

Welche Religion wurde denn vor der Mission praktiziert?

Wir nennen das traditionelle afrikanische Religionen. Allein in Tansania lebten über 120 Stämme mit jeweils eigener Kultur, eigener Sprache, eigener Küche, eigenen Bräuchen. Die Missionare wollten das alles abschaffen und haben es als Sünde bezeichnet. Das war falsch und führte zu harten kulturellen Brüchen. Jetzt versucht man, ein bisschen was aus der alten Kultur wiederzubeleben. Zum Beispiel, wenn wir alle gemeinsam singen. Da haben wir jetzt überall in Tansania ganz andere Melodien und Liturgien. Sogar wenn es um alte deutsche Kirchenlieder geht.

Verlaufen Gottesdienste in Tansania so wie im Klischee: fröhlich und gospelhaft in proppenvollen Kirchen?

Allein zu den evangelischen Gottesdiensten im Zentrum meiner Heimatstadt Moshi am Kilimandscharo erscheinen regelmäßig 600 bis 700 Menschen. Wenn wir gemeinsam singen, kommt Power rein. Mit Posaunen- und Gospelchor, eine richtig große Aktion. Zwei bis drei Stunden lang, und niemandem wird langweilig. Als ich ab 2007 im Rahmen eines Austauschprogramms für einige Jahre als Pfarrer im bayerischen Kaufbeuren tätig war, war das eine große Umstellung. Da kamen vielleicht 60 Leute zum Gottesdienst. Mal schauen, wie es hier aussieht.

Wenn in Deutschland über Kirchen und Christen in Afrika berichtet wird, heißt es oft, sie seien besonders konservativ und hätten wenig Verständnis für die Gleichberechtigung der Geschlechter oder die Rechte Homosexueller. Entspricht das auch Ihrer Erfahrung?

Das stimmt leider. In moralischethischen Fragen sind unsere Kirchen theologisch so geprägt. Pfarrer trinken zum Beispiel nie Alkohol. Ich auch nicht, weil ich in einer Tradition aufgewachsen bin, in der Alkohol als schlecht gilt. Solche kulturellen Fragen werden in Tansania nicht sehr tiefgründig reflektiert. Die Einstellungen wurden stark von den ersten Missionaren geprägt, die sehr sittenstreng waren. Das sollte nicht dazu führen, dass alles für immer so bleibt, wie die Missionare es damals vermittelt haben. Im Moment ist es aber so, und die Kirche bleibt sehr konservativ. Eine Bischöfin ist undenkbar. Wir brauchen Austausch und Begegnung. Sonst werden sich die Einstellungen zu Themen wie Alkohol, Homosexualität oder Gleichberechtigung nicht verändern.

Die ELM hat Partnerkirchen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Ihr neues Amt bringt viele Dienstreisen mit sich, oder?

Ich denke schon. Man kann nicht nur über diese Kirchen sprechen, man muss sie auch mal besuchen und sehen, was sie so tun und wo es Gemeinsamkeiten gibt. Meine Funktion wird sein, Brücken zu bauen und die Beziehungen zwischen den drei deutschen Trägerkirchen und den Partnerkirchen im Ausland zu stärken. Dafür zu sorgen, dass wir als Christen solidarisch gemeinsam unterwegs sind und voneinander lernen. Das ist unser Hauptauftrag. Ein bisschen möchte ich auch den Süd-Süd-Austausch voranbringen. Damit es nicht nur Verbindungen über den Norden gibt und Partnerkirchen des Südens stärker direkt miteinander ins Gespräch kommen. Vielleicht, das sage ich jetzt aus persönlicher Sicht, hat das ELM die Möglichkeit, an dem Punkt zu moderieren.

Aus Ihrem Aufenthalt in Bayern ist das Buch „Grüß Gott aus Afrika“ entstanden. Schreiben Sie vielleicht auch einmal das Buch „Moin aus Afrika“, in dem es um Eindrücke aus Niedersachsen geht?

Moin, Moin aus Afrika? Ja, vielleicht kommt es dazu (lacht). Ich muss aber gestehen, nicht zu wis-
sen, was am Ende meiner Amtszeit sein wird.

Werden Sie Zeit finden, auch mal im Heidekreis zu predigen? Immerhin gehört Hermannsburg zum Kirchenkreis Soltau.

Wenn ich eingeladen werde, komme ich gerne. Ich bleibe ja, mit Gottes Hilfe, zehn Jahre hier. Ich mag es, zu predigen und Gemeinden zu besuchen. Dafür muss ich vielleicht ein bisschen kämpfen. Aber ich fände das schon wichtig, auch für unser international ausgerichtetes Haus.

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