"Du musst Koffer lieben"
Carina Schmidt betreut in Brasilien einen Pfarrbezirk, der sich über mehrere hundert Kilometer erstreckt. im Interview erzählt sie, wie ihr die Menschen im „Fernen Westen“ ans Herz gewachsen sind.
ELM: Frau Schmidt, der „Ferne Westen“ Brasiliens, also der Pfarrbezirk, in dem Sie arbeiten, erstreckt sich von West nach Ost über knapp 400 Kilometer. Wie funktioniert das, auf einem so großen Gebiet zu arbeiten?
Carina Schmidt: Da ist man wirklich viel mit dem Auto unterwegs. Ich schlafe nicht jedes Wochenende zu Hause. Ab Donnerstag bin ich schon unterwegs, denn als Pfarrerin muss ich ja die Gemeinden besuchen, Gottesdienste halten und so weiter.
ELM: Wollten Sie denn einen so großen Pfarrbezirk oder hat sich das irgendwie ergeben?
Carina Schmidt: Das ist eine lange Geschichte. Ich habe sechs Jahre in einer ganz traditionellen Gemeinde ganz im Süden, in der Nähe von Porto Alegre, gearbeitet, wollte aber eigentlich schon immer in der Diaspora arbeiten, allerdings eher in Richtung Amazonas. Ich war damals noch verheiratet, aber dann kam meine Scheidung. Und da habe ich gesagt: Na gut, mein Mann wollte nie nach Amazonas. Ich bin jetzt alleine und ich möchte das machen. Und sofort hat die Kirchenleitung mir eine Stelle in Amazonien gegeben. Denn niemand will nach Amazonien.
Ich sollte für sechs Jahre da sein, aber es ist so gut gelaufen, dass die Kirche nach vier Jahre gesagt hat: Carina, wir brauchen dich wieder hier im Süden. Da gibt es so einen Pfarrbezirk, der wird geschlossen wenn da niemand hingeht.
ELM: Diese Stelle war vorher einige Zeit vakant, oder?
Carina Schmidt: Genau, die war drei Jahre vakant. Es hat sich niemand gefunden, der da arbeiten wollte.
ELM: Da braucht man dann wohl Pastoren und Pastorinnen wie Sie, die gerne unterwegs sind.
Carina Schmidt: Ja, das muss man schon wirklich lieben, das unterwegs sein auf der Straße und du musst Koffer lieben. Aber mir war das wichtig. Ich habe gesehen, wie die Menschen ihren Glauben wieder ins Leben geholt haben, wie sie wieder Glaubensfamilie leben.
ELM: Was sind das für Menschen, die in diesem Gebiet leben? Gibt es viele, die Landwirtschaft betreiben?
Carina Schmidt: Die Realitäten sind auf diesem großen Gebiet ganz verschieden. Da gibt es Gemeinden mit vielen Familien, aber auch welche, in denen fast nur Frauen sind oder viele ältere Menschen. Und dann eben auch Menschen, die von der Landwirtschaft leben. Ich glaube, das ist ähnlich unterschiedlich wie hier in Deutschland.
ELM: Warten die Menschen darauf, dass eine Pastorin in ihre Gegend kommt? Oder muss man zunächst auf sie zugehen und sagen: Schaut her, hier gibt es jetzt ein kirchliches Angebot?
Carina Schmidt: Das ist biblisch. Gott kommt und wir gehen. Und so ist das auch in meiner Realität. Ich gehe und sie kommen. Wichtig war, erst mal die einzelnen Menschen und Familien zu besuchen und sie dann zusammen zu bringen. Im ersten Jahr habe ich sehr viel Seelsorge gemacht. Und jetzt ist es so: Ich komme hin und die Menschen, die Gemeinde, die Mitglieder, die freuen sich sehr, wenn ich einfach da bin im Gottesdienst und auch zu Besuchen. Alles, was eine Pastorin eben so macht.
ELM: Viele der Menschen, die dort leben, sind ja in die Region zugewandert, also vielleicht noch gar nicht so heimisch, oder?
Carina Schmidt: Ja, das ist wirklich die Diaspora von der Diaspora. Die Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche in Brasilien beginnt 1824. Da begann die Auswanderung von Deutschland nach Brasilien, vor allem in die Region von Porto Alegre. Denn folgte die Bewegung nach Süden und in die Mitte des Landes. Und von dort sind Menschen dann wieder ausgewandert in andere Bundesländer, zum Beispiel Santa Catarina oder Paraná. In der Region, in der ich jetzt arbeite, gab es noch bis vor 30 Jahren fast keine Lutheraner.
ELM: Was sehen Sie als besondere Herausforderung bei ihrer Arbeit?
Carina Schmidt: Das Problem ist: Es sind sehr wenig Mitglieder. Eine normale oder große Gemeinde hat so zwischen 500 und 800 Mitglieder, wir haben nur 192, die Beiträge zahlen. Die Kinder dazugerechnet sind es 258. Das ist immer so ein bisschen die Schwierigkeit, auch finanziell.
ELM: Weil es so wenige Mitglieder sind und weil die so zerstreut leben, predigen Sie ja auch nicht nur in Kirchen, sondern auch an so genannten Predigtstellen. Wie kann man sich das vorstellen?
Carina Schmidt: Das ist zum Beispiel nahe der Grenze zu Uruguay. Dort predige ich vor fünf oder sechs Familien, ca. 20 Personen. Alle 14 Tagen bin ich dort und dann trifft man sich in einem Privathaus, immer bei einer anderen Familie.
ELM: Lassen Sie uns noch kurz über die Zukunft des Projektes Ferner Westen und Ihre Zukunft dort sprechen. Projekte sind ja in der Regel zeitlich befristet. Wie geht es weiter im „Fernen Westen“?
Carina Schmidt: Ich habe gerade vor, bevor ich nach Deutschland kam, den nächsten Projektantrag an die Kirchenleitung gesendet. Mal sehen, wie es weiter geht. Klar ist, dass wir auch weiterhin Unterstützung brauchen werden.