Zwischen Gewalt und Hoffnung

Als Pastor Joseph Ngoé über die Lage seiner Kirche spricht, klingt er ruhig und konzentriert. Fast nüchtern. Dabei kommt er aus einem Land, das seit Jahren von Gewalt, Unsicherheit und politischen Krisen geprägt ist: der Zentralafrikanischen Republik.

Gemeinsam mit Rock Babou, dem Finanzverantwortlichen der Kirche, und Felicité Tazao, Leiterin der Gesundheitsarbeit, war der Kirchenpräsident der Ev.-Luth. Kirche in der Zentralafrikanischen Republik (EELRCA) im Mai 2026 auf Einladung des Ev-Luth. Missionswerks in Niedersachsen (ELM) in Deutschland unterwegs. Ziel der Reise ist es, die Partnerschaft zwischen dem ELM und der EELRCA neu auszuloten und gemeinsame Perspektiven zu entwickeln.

Ein Land zwischen fragiler Stabilität und anhaltender Unsicherheit 

Die Delegation kommt aus einem Land, das trotz einzelner Fortschritte politisch fragil bleibt. Zwar konnten Friedensprozesse in den vergangenen Jahren teilweise bewaffnete Gruppen entwaffnen, dennoch kommt es weiterhin zu Angriffen von Milizen, besonders im Osten des Landes. Die Regierung kontrolliert längst nicht alle Regionen vollständig. Internationale Missionen der UN und der EU versuchen weiterhin, Stabilität und Sicherheit zu garantieren. 

Ngoé beschreibt die Situation ohne Pathos. „Es stimmt, dass es viel Gewalt im Land gegeben hat“, sagt er. „Aber das Ausmaß der Gewalt ist zurückgegangen.“ Der Staat habe inzwischen mehr Verantwortung übernommen, zugleich hätten auch Kirchen und religiöse Gemeinschaften dazu beigetragen, die Lage zu stabilisieren. Dennoch bleibt die Realität schwierig. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist laut Auswärtigem Amt auf humanitäre Hilfe angewiesen, viele Menschen wurden durch bewaffnete Konflikte vertrieben. 

Gerade deshalb versteht Ngoé die Kirche nicht nur als geistliche Institution, sondern als gesellschaftliche Kraft. Seine Arbeit als Kirchenpräsident sei die eines „Hirten“. Menschen kämen mit ihren Sorgen zu ihm: finanzielle Probleme, soziale Konflikte, moralische Fragen. Viele hätten durch die jahrelange Krise Hoffnung und Vertrauen verloren. „Manche haben sich gefragt, ob es Gott überhaupt gibt“, erzählt er.

Der Alltag der Kirchenleitung wirkt dabei erstaunlich bodenständig. Die Arbeit beginne mit Gebet und Bibellektüre, danach folgten Verwaltung, Gespräche mit Mitarbeitenden, Treffen mit staatlichen Stellen und Beratungen über Projekte für Frauen, Kinder und Jugendliche. Immer wieder gehe es um dieselbe Frage: Wie lässt sich mit wenigen Mitteln möglichst viel erreichen?

Gesundheitsversorgung dort, wo der Staat kaum präsent ist 

Wie konkret diese Herausforderungen aussehen, schildert besonders eindringlich Felicité Tazao, die in der Gesundheitsarbeit der Kirche tätig ist. Die Kirche betreibt Gesundheitszentren und Krankenhäuser in abgelegenen Regionen des Landes – oft dort, wo staatliche Versorgung kaum existiert. „Die Bedeutung unserer Arbeit ist ausgesprochen groß“, sagt sie. Viele Menschen müssten kilometerweit zu Fuß laufen, um überhaupt medizinische Hilfe zu erreichen. Straßen seien oft kaum passierbar, Benzin fehle, Krankenwagen seien alt und ständig reparaturbedürftig.

Die Probleme beginnen bereits bei der Grundversorgung. Es fehlt an Operationsmaterial, Medikamenten und Pflegeausstattung. Frühgeborene könnten häufig nicht ausreichend versorgt werden. Unterernährung bei Kindern sei ein massives Problem. „Manchmal können wir Frühgeborene nur begleiten, bis sie sterben“, sagt sie – ein Satz, der im Gespräch schwer im Raum stehen bleibt.

Besonders drastisch ist die Lage außerhalb der Hauptstadt Bangui. In vielen Regionen kontrollieren weiterhin bewaffnete Gruppen einzelne Gebiete oder Verkehrswege. Der Staat bleibt dort schwach präsent, humanitäre Hilfe erreicht viele Orte nur eingeschränkt. Selbst Gesundheitsarbeit wird dadurch erschwert. Internationale Berichte warnen weiterhin vor Angriffen bewaffneter Gruppen auf Zivilisten und medizinische Einrichtungen. 

Zusammenarbeit als Grundlage für Zukunft und Versöhnung 

Trotzdem beschreibt die Delegation ihre Arbeit nicht als resignierten Überlebenskampf. Vielmehr fällt auf, wie stark der Gedanke der Zusammenarbeit betont wird. Rock Barbou, verantwortlich für die Finanzen der Kirche, spricht immer wieder von Transparenz und Vertrauen. Die Partnerschaft mit dem ELM verstehe er als „Wiederaufnahme der Kooperation Hand in Hand“.

Auch das Verhältnis zwischen Religionen spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Gesundheitszentren der Kirche stehen ausdrücklich allen Menschen offen – unabhängig von ihrer Religion. „Uns geht es zuerst um das Leben der Menschen“, sagt Ngoe. „Jesus Christus hat uns nicht gelehrt, Menschen auszuschließen.“

Während ihres Aufenthalts in Deutschland erleben die Gäste nach eigener Aussage viel Offenheit und Herzlichkeit. Gleichzeitig machen sie deutlich, wie wichtig internationale Aufmerksamkeit bleibt. Denn die Zentralafrikanische Republik taucht in europäischen Medien meist nur dann auf, wenn über Krieg, Gewalt oder humanitäre Katastrophen berichtet wird.

„Über die guten Dinge hört man fast nie“, sagt Ngoé. Genau deshalb sei Kommunikation wichtig. Die Kirche wolle nicht nur als Krisenakteur wahrgenommen werden, sondern auch als Kraft, die Versöhnung, Bildung, Gesundheitsversorgung und Hoffnung ermöglicht – unter Bedingungen, die in Europa kaum vorstellbar sind.

Splashscreen