Wie kann man interkulturelle Theologie und Praxis neu verstehen?

Dieser Frage ging Prof. Dr. Johannes Weth in seiner Antrittsvorlesung an der FIT nach

Weth, der bereits seit geraumer Zeit an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie das Fach  "Systematische Theologie in Interkultureller Perspektive" lehrt, stellt sich zunächst die Frage, wie interkulturelle Kommunikation überhaupt gelingen kann. Anders als Menschen, die Angst davor haben, dass Menschen aus unterschiedlichen Kontexten sich missverstehen könnten, geht er davon aus, dass das Missverständnis in interkulturell-ökumenischen Zusammenhängen beim ersten Mal der Normalfall sei und sieht darin den "Ausgangspunkt eines neuen und besseren Verstehens". 

Unsere gewohnten Kommunikationsmuster, beruhen (scheinbar) auf einem gemeinsamen Verstehen davon, wie Kommunikation funktioniert - einschließlich Hierarchien, Vorverständnissen und erwartbarer Kommunikationsergebnisse. In der interkulturellen Kommunikation, so Weth, sei das anders, denn Kommunikationsmuster und Voraussetzungen stimmen in der Regel nicht überein. Das führe zu einer anderen Art der Kommunikation:

"Ich höre etwas anderes, höre in ein anderes Leben hinein und gewinne so ein neues Gegenüber. Unsere [Kommunikations - Red.] Linien verweben sich, bilden eine Fläche von Möglichkeiten und wechselseitigen Perspektivierungen, ein weites Land."

Anders als bei unserer sonstigen (lösungsorientierten) Kommunikation sei so häufig der Sachverhalt, der dem Missverständnis zugrunde liegt, nicht geklärt, aber "in allen Feldern unserer Gemeinschaft und unseres gegenseitigen wortvollen und wortlosen Verstehens sind wir etwas weiter gekommen." Voraussetzung dafür sei allerdings, nicht zu schnell aufzugeben oder das Missverständnis automatisch für eine "Katastrophe der Kommunikation" zu halten.  

Suchen wir immer nur die Kommunikation unter Gleichen, die für uns erwartbare Ergebnisse bringt und konstatieren in der interkulturellen Kommunkation ständig nur den "Mangel an Schnittpunkten" führe das zu "einem Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit".

"[...]  Dabei verpassen wir eine Welt der Zwischenräume, der wechselseitigen Perspektivierungen, den Gewinn neuer Dimensionen, die nur durch den anderen in das eigene Wissen und Leben kommt. Dabei könnte jede Reibung, jedes Missverständnis und auch jede Distanz zur Einladung werden, die eigene Wahrnehmung zu erweitern."  

Weth kennt, beginnend mit dem parallelen Studium der Kunst und der Theologie, den Wechsel zwischen den Welten. Seine gesamte Biografie ist mit diesem Thema verbunden. Und schon im Studium erkannte er, dass die beiden Welten Kunst und Theologie nicht unverbunden blieben, sondern sich in ihm "zu einem Feld der wechselseitigen Perspektivierungen" verbanden: 

"In der Kunst enfaltete sich meine Theologie, und in der Theologie gewann meine Kunst ihre großen Motive und ihr Gegenüber in Gott."

Zur Verdeutlichung der Fähigkeit, Perspektiven zu wechseln, zeigt Weth dem gebannt und überrascht lauschenden Publikum sogenannte Kippbilder, englisch ambiguous images.

Die Erkenntnisse, die sich aus Kippbildern und multistabiler Wahrnehmung für die Erneuerung von wissenschaftlichen Erkenntnissen ziehen lassen, beschreibt Thomas Joseph Kuhn (1922-1996) als Blickwechsel, bejahte Ambiguität (Mehrdeutigkeit), das Kippen des Bildes, den Wechsel des Standpunktes. Weth referiert, wie der von Kuhn benannte Begriff des "Paradigmenwechsels" zu neuen Erkentnissen führen kann und überträgt die Einsichten auf den Bereich der interkulturellen Theologie und Praxis:

"Interkulturelle Theologie ist notwendigerweise mehrdeutig und vielfältig. Und das ist nicht ihr Problem, sondern kann als ihr großes Potenzial verstanden werden."

Für Weth bilden Text und Kontext eine Einheit, es gibt keine Rangfolge in der Wichtigkeit, sondern eine vielschichtige Gleichzeitigkeit. Der Begriffswechsel von der Missionstheologie zur interkulturellen Theologie drückt nach Weth diesen Wandel aus - von der monolinearen Art zu denken, hin zu einem multiperspektivischen.

Am Ende wendet Weth sich ermutigend an seine Studierenden, mit denen er heute schon die Einheit in Verschiedenheit erleben könne:

  • Ihr seid eingeladen, an der Gemeinschaft des Heiligen Geistes teilzunehmen

  • Lasst euch weder von der Komplexität, noch von der Linearität frustrieren, sondern lasst euch durch das Zusammenspiel von beidem zu einem Verständnis führen, das nicht einseitig und arm ist

  • Du bewegst die Theologie und die Theologie bewegt Dich

  • Sorgt euch nicht um mögliche Missverständnisse! Sie werden euch zu einem besseren Verständnis führen.

Den gesamten Text können Sie hier nachlesen.