Überflutungen nach starken Regenfällen im Phalombe Distrikt / Malawi. Das Projekt "Spirit & Soul" will dabei unterstützen, Klimaangst mit anderen zu teilen und gemeinsam zu überwinden.

Seelsorge in Zeiten der Klimakrise

Pastorin Lioba Diez hat mit "Spirit & Soul" ein Projekt ins Leben gerufen, das Menschen unterstützen möchte, ihre Ängste - zum Beispiel die "Klimaangst" gemeinschaftlich zu überwinden.

Die ökologische Krise – wie viele andere Krisen unserer Zeit – betrifft nicht nur unsere äußere Welt, sondern auch unser Inneres, unsere Seele. Doch oft bleiben wir damit allein. Das ist gravierend. Denn die Klimakrise ist kein privates, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Wenn wir mit der Klimakrise[1] konfrontiert sind – sei es bei einem Spaziergang in der Natur oder durch Nachrichten über Waldbrände, Hitzetote oder Überschwemmungen –, stehen wir meist einsam mit unseren Gedanken und Gefühlen da. Das ist schwer auszuhalten. Oft verdrängen oder bagatellisieren wir dann, weil es uns überfordert und Angst macht.

Der Schmerz um die Welt als Form von Trauer

Ein hilfreiche Perspektive bietet hier der Begriff „Schmerz um die Welt“. Er ist eine eigene Form von Trauer; wobei Trauer eine natürliche Reaktion auf Verlust ist. Auch wenn kaum öffentlich darüber gesprochen wird, sind die Folgen der Klimakrise im Inneren enorm.  Dafür haben sich neue Begriffe etabliert wie Klimaangst (Climate Anxiety) oder Klimatrauer (Climate Grief).

Die Shell-Jugendstudie 2024 zeigt: Neben der Angst vor Krieg in Europa und wachsender Armut machen Klimawandel (63 %) und Umweltverschmutzung (64 %) einer großen Mehrheit der Jugendlichen Angst[2]. Trotzdem gibt es in unserer Gesellschaft nur wenige Räume, in denen diese Gefühle Platz haben dürfen – Angst, Verzweiflung, Unsicherheit, Ohnmacht, Wut und Trauer.

Aus der Seelsorge wissen wir aber, wie wichtig solche Räume sind – zum Beispiel bei Trauerfällen. Doch Kirche bietet Orte gemeinschaftlicher Trauer bisher fast ausschließlich bei individuellen Anlässen. Es braucht jedoch auch spirituelle Räume, in denen Menschen ihren Schmerz um die Welt miteinander teilen können.

Den Schmerz um die Welt miteinander teilen 

Seit einiger Zeit biete ich mit Spirit & Soul[3] Workshops an, um den Schmerz um die Welt in Gemeinschaft zu teilen. Sie sind inspiriert von der „Work that Reconnects“ (dt. „Praxis, die wieder verbindet“), der Umweltaktivistin und Tiefenökologin Joanna Macy[4]. Der Ablauf folgt dabei vier Schritten:

  • Aus der Dankbarkeit kommen: erkennen, dass unser Leben nicht selbstverständlich ist.
     
  • Den Schmerz würdigen: Raum geben für Gedanken und Gefühle in Gemeinschaft.
     
  • Mit neuen Augen sehen: die Verbindung untereinander und mit der Schöpfung neu spüren.
     
  • Weitergehen und handeln: Schritte in eine lebensfördernde Richtung finden.
     

In diesem ritualisierten Rahmen haben Gefühle Platz, die sonst oft tabuisiert sind: Angst, Trauer, Wut, Scham, Taubheit, Ohnmacht.

Trost, Liebe und Lebensenergie finden

Immer wieder wird deutlich: Trauer und Schmerz über die Entwicklungen in der Welt sind keine individuelle Angelegenheit, sondern werden von vielen geteilt – auch wenn Ausdruck und Intensität individuell verschieden sind. Es verbindet und erleichtert, wenn Menschen erleben: „Ich bin nicht allein damit“ und „Es gibt einen Ort, an dem ich mit dem, was mir eigentlich zu viel ist, sein kann.“

Die Rückmeldungen der Teilnehmenden zeigen: Es tut gut, mit der Trauer und dem Schmerz um die Welt nicht allein zu bleiben. Solche Räume eröffnen überraschend viel Trost, Liebe und Lebensenergie.

Ausblick

Der Bedarf an gemeinschaftlichen Orten für Trauer ist groß – sowohl bei persönlichen Verlusten als auch im Kontext gesellschaftlicher Krisen wie der Klimakrise. Kirche und Seelsorge besitzen hier ein enormes, bislang kaum genutztes Potenzial.

Über die Autorin

Lioba Diez ist Pfarrerin und Volkswirtin und hat 2020 Spirit & Soul gegründet, ein Projekt für lebensnahe, erfahrungsorientierte und engagierte Spiritualität. Die Suche nach spirituellen Orten für den Schmerz um die Welt, beschäftigt sie schon lange. Eine intensive Beschäftigung mit dem Thema wurde u.a. durch das Facilitator Training der "Work that reconnects" und eine dreimonatige Studienzeit ermöglicht. Seit vielen Jahren begleitet Lioba Menschen in Seelsorge, Coaching, geistlicher Begleitung und Trainings in Transformational Leadership. Anregungen oder Rückmeldungen gern an lioba.diez@spiritandsoul.org.

 


[1] Statt Klimakrise kann man hier auch an andere gegenwärtige Krisen denken wie das Artensterben, Rechtsruck o.a.

[2] Zusammenfassung der Shell Jugendstudie https://www.shell.de/about-us/initiatives/shell-youth-study-2024/_jcr_content/root/main/section/simple/call_to_action/links/item0.stream/1730903501282/d8b545435fc2799eb6044e48b4a9fccc80b95b2d/ap-shell-jugendstudie-zusammenfassung-barrierefrei.pdf (04.12.2024).

[3] Spirit & Soul ist ein Projekt für lebensnahe christliche Spiritualität - digital und in Berlin-Neukölln. Mehr unter www.spiritandsoul.org

[4] Joanna Macy hat diesen Ansatz in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt. Es geht darum, Schmerz und Verzweiflung angesichts der Zerstörung der Erde zu würdigen und in Verbundenheit und mit kreativer Kraft der ökologischen Krise entgegen zu treten. Es gibt heute ein weltweites Netzwerk von Menschen, die die »Work That Reconnects« praktizieren und anleiten. Mehr unter www.workthatreconnects.org und in den Büchern Macy, Johanna u.a.: The Updated Guide to the Work That Reconnects. New York 2014; auf deutsch: Dies., Für das Leben! Ohne Warum: Ermutigung zu einer spirituell-ökologischen Revolution. Paderborn 2017.

 

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