Paint your World orange: #Nicht eine weniger!
„Hätte ich Flügel, gleich der Taube…
„Hätte ich Flügel, gleich der Taube – fliegen wollte ich und Ruhe finden.“ Dieser Satz aus Psalm 55 erscheint wie ein roter Faden durch die Gedenkandacht zum 25. November, fast ein – innerer Leitton, der die Erfahrungen vieler Betroffener verdichtet. Denn wer Gewalt erlebt, kennt diesen Wunsch nach Flucht, nach einem Ort ohne Angst, nach einer Pause vom ständigen Alarmzustand. So wie die Andacht selbst, die Gabriele De Bona, Referentin des ELM für den Themenbereich Gender International, Cornelia Renders, Äbtissin des Klosters Isenhagen, Lektorin Anke Eggers und Katrin Dageförde (Musik) an diesem Abend gestalteten.
Diese Sehnsucht nach Ruhe war spürbar, als die warmen Klänge der Handpan die Kirche erfüllten. Sie schuf das, wonach der Psalm ruft: einen Moment, in dem die Seele atmen darf. Doch der Abend blieb nicht beim Trost stehen – er benannte das, was Menschen die Flügel stutzt.
Die Ansprache griff die Geschichte von Königin Vashti auf, die Grenzen zieht und „Nein“ sagt – und dafür alles verliert. Ein uralter Text, der heute schmerzlich aktuell klingt. Auch heute müssen Betroffene von Gewalt oft entscheiden, ob sie ihre Würde verteidigen oder den Preis dafür tragen. Wer sich abgrenzt, riskiert Konflikte, Entzug von Zuneigung, ökonomische Abhängigkeit oder offenen Zorn. Kein Wunder, dass sich viele wünschen, fortzufliegen wie die Taube im Psalm, weit weg von Kontrolle und Erniedrigung.
In den Impulsen aus dem Kirchenschiff wurden die vielen Gesichter dieser Erniedrigung sichtbar: psychische Gewalt, die keine blauen Flecken hinterlässt, aber die Seele verengt. Gaslighting, das Menschen ihre eigene Wahrnehmung aus der Hand schlägt. Digitale Übergriffe, die ihnen den Rückzugsraum Internet vergiften. Hatespeech, Cybermobbing, Cybergrooming – moderne Formen einer alten Dynamik: Macht missbrauchen, um andere klein zu halten. Wer das erlebt, trägt den Wunsch nach den „Flügeln der Taube“ oft jahrelang mit sich, ohne die Worte dafür zu finden.
Ein Gewalt-Barometer machte diesen inneren Flugversuch sichtbar. Die Besucher*innen ordneten verschiedene Situationen auf einer Skala ein – von leichter Belästigung bis zur existenziellen Bedrohung. Die Ergebnisse zeigten, wie früh Gewalt beginnt und wie tief sie reicht. Manche Situationen, die gesellschaftlich noch immer bagatellisiert werden, lösten hohe Bewertungen aus. Es wurde spürbar: Gewalt beginnt nicht erst beim Schlag, sondern dort, wo Menschen innerlich fliehen möchten.
Die Fürbitten gaben all denen Raum, die keine Flügel haben und trotzdem überleben müssen: Frauen, queeren Personen, Kindern. Sie erinnerten auch an diejenigen, die sich wehren, die begleiten, die Schutzräume schaffen und laut bleiben, wenn andere leise geworden sind. Der Segen am Ende spannte einen Schutzraum, den viele Betroffene im Alltag vergeblich suchen.
So wirkte dieser Psalmvers zum Transmissionsriemen durch den Abend: ein Sinnbild für den Schmerz, die Sehnsucht und die Hoffnung von Menschen, die Gewalt erleben. Und zugleich ein Auftrag an alle Anwesenden: Dafür zu sorgen, dass niemand Ruhe nur noch im Wegfliegen suchen muss.
Diese Andacht fand am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen statt, mit der die Initiatorinnen vor Ort bewusst die weltweiten "16 Days of Activism against Gender-Based Violence" einleiteten, eine internationale Aktionszeit, die Kirchen, zivilgesellschaftliche Organisationen und engagierte Menschen weltweit miteinander verbindet. Sie ruft dazu auf, Gewalt zu benennen, Solidarität zu zeigen und Schritte der Veränderung zu gehen.
Ein bewegender Teil des Abends war das Videostatement von Pastorin Bertha Munkhondya aus Malawi. Sie berichtete aus ihrem pastoralen Alltag, in dem sie Frauen begleitet, die unter unterschiedlichen Formen von Gewalt stehen. Ihre Worte machen deutlich, dass geschlechtsspezifische Gewalt nicht auf einzelne Länder begrenzt ist, sondern ein weltweites Problem darstellt, das uns als Kirche und Zivilgesellschaft herausfordert.
Das Evangelisch-lutherische Missionswerk in Niedersachsen (ELM) erinnert in seiner Gender-Arbeit daran, dass alle Menschen in Gottes Ebenbild geschaffen sind und dass in Christus trennende Kategorien wie Geschlecht, Herkunft oder Status ihre Macht verlieren.
Geschlechtergerechtigkeit ist eine zentrale Querschnittsaufgabe unserer Gender-Arbeit: Nicht nur einzelne Frauen sollen gestärkt werden, sondern ungerechte Strukturen sollen sich verändern – damit alle Menschen würdevoll und sicher leben können.