Predigt Dr. Emmanuel Kileo im Einführungsgottesdienst beim Hermannsburger Missionsfest am 22.06.2024

"Das ist aber das ewige Leben: dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.“

Liebe Missionsfreundinnen und Missionsfreunde,

bei uns am Kilimandscharo gibt es ein Sprichwort: "Man weiß, woher man kommt, aber nicht, wohin man geht." Dahinter steckt die Botschaft, dass Gott allein weiß, wohin unser Weg führt. Wir planen, aber er lenkt. Das gilt auch für die Mission, zuerst hier in Deutschland, in Europa und dann weltweit. Gott weiß wohin, aber er geht mit uns!

Als ich nach Deutschland kam, wusste ich auch nur, woher ich kam, aber nicht, wohin es gehen würde. Ich war schon in Deutschland, in einer Gemeinde, der Dreifaltigkeitskirche in Kaufbeuren im Allgäu, wo ich knapp acht Jahre verbracht habe. Wie Sie sehen, habe ich Bayern schon überstanden. Wer Bayern überstanden hat, der schafft es auch in Niedersachsen – vielleicht sogar als Afrikaner. Ob ich wirklich Afrikaner geblieben bin, weiß ich nicht genau.
In Afrika sagt man: "Egal wie lange ein Baum im Wasser liegt, er wird nie ein Krokodil.“ Auch Niedersachsen ist nicht langweilig. Für unsere Gäste: Hier in Niedersachsen heißt es nicht "Mein Herz schlägt für Niedersachsen“ wie bei Antenne Niedersachsen, sondern "Niedersachsen. Klar.“. Klarer Himmel, klare Luft, klare Landschaft und klares Meer. Journalisten fragen mich oft, was mir wichtig ist. In Niedersachsen muss man klar antworten: 1. Begegnung, 2. Begegnung 3. Begegnung. Alles beginnt mit Begegnung. Seit ich hier bin, spreche ich von Begegnungen. Durch Begegnungen in verschiedenen interkulturellen Formaten wollen wir als ELM eine starke Gemeinschaft aufbauen – eine Gemeinschaft von 19 Kirchen in 15 Ländern - auf vier Kontinenten. Eine Gemeinschaft mit vier Ausprägungen:

  • eine bereichernde Gemeinschaft (solidarisch und gerecht)
  • eine lernende Gemeinschaft (globales Lernen)
  • eine heilende/versöhnende Gemeinschaft ( belastende Geschichte und aktuelle Konflikte) und
  • eine feiernde Gemeinschaft (Taufe, Abendmahl und andere Segensformen)

Heute feiern wir auch das Missionsfest, 175 Jahre Missionswerk und die Entsendung der Freiwilligen. Dazu die Einführung von der neuen Leitung des ELM. Wir haben Grund zu feiern, was Gott in den vergangenen Jahren unter uns getan hat. Das ist die Vision und zugleich der Auftrag, die Mission. Es ist klar: Kirche ist Kirche, wenn sie mit andern Kirchen unterwegs ist. Selbstständige Kirchen sind eine Kirche.
Das Johannesevangelium war auch für Ludwig Harms sehr zentral. Harms war der Pastor, der vor 175 Jahren hier in Hermannsburg die Mission gründet hat. Er hat keine 100 Meter von hier gepredigt. In diesem Jahr feiern wir 175 Jahre Missionswerk. Harms hat diesen Text oft gelesen und sein Leben und seine Vision davon geprägt: "Das ist das ewige Leben: dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen."

Der Text ist ein Abschnitt aus dem letzten Gebet Jesu im 17. Kapitel. Jesus betet:

  • Für sich selbst: "Vater, die Stunde ist da, verherrliche deinen Sohn."
  • Für die Jünger: "Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit."
  • Für die Kirche: "Nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien."

Harms studierte evangelische Theologie in Göttingen, in einer Zeit, in der man sich mit der Aufklärung auseinandersetzen musste. Er kam zu dem Schluss: Es genügt nicht aus, nur religiös und gut zu sein, vernünftig zu leben und richtig zu handeln, sondern es kommt darauf an, Jesus Christus in der Mitte des eigenen Lebens zu haben und ihn zu bezeugen.

Der bekannteste deutsche Dramatiker, Bertolt Brecht hat einmal geschrieben: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Viele sagen, es sollte umgekehrt sein: "Erst kommt die Moral, und dann das Fressen!" Zugespitzt müsste es heißen: "Erst kommt das Fressen, dann lange gar nichts mehr". Heißt das dann, die Pastorinnen und Pastoren wollen zuerst für die Gemeinde hier vor Ort sorgen, bevor sie an die Internationalität der Gemeinde denken? Noch eine Zuspitzung von Harms: Nicht nur Ethik, sondern auch der Glaube an Jesus Christus. Dem stimme ich zu. Aber das heißt nicht, dass die anderen automatisch Unrecht haben, wenn ich Recht habe.

Missionarische Aktivitäten begannen oft unter der Prämisse, dass andere Religionen schlecht seien. Leider schuf die Mission damals zunächst ein "Wir" und ein "Die Anderen". Wir als "gut, normal und unsichtbar" und die anderen als "schlecht, abnormal und sichtbar". Heute wissen wir: Anders sein ist nicht schlecht, es ist nur anders. Vieles verbindet uns, was uns früher trennte. Wenn wir den wahren Gott erkennen, sind wir eins. Wir sind alle nach Gottes Bild geschaffen. In diesem Sinne: "Die Würde aller Menschen ist unantastbar". Wenn das stimmt, dann sind wir alle aufgerufen, mit einer Stimme gegen jede Form von Unrecht überall aufzutreten: gegen Rechtsextremismus, gegen Krieg, Ausbeutung und Diskriminierung, gegen Diktatur und Rassismus, gegen jede Form von Gewalt und Missbrauch - ganz besonders gegen jede Form von sexualisierter Gewalt, gegen Scheinheiligkeit und alles, was dazu gehört. Das ist unsere Haltung als Missionswerk.


Liebe Missionsfreundinnen und Missionsfreunde,

den einen wahren Gott und Jesus Christus zu erkennen, heißt auch, die Früchte des Heiligen Geistes zu erkennen: Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Mit anderen Religionen und Mitmenschen unterwegs sein. Auch das ist Mission - Mission Gerechtigkeit! Auf Englisch: Mission Justice - für alle! Das schaffen wir nicht allein. Ein Missionswerk schafft das nicht allein, es kann nur einen Beitrag leisten. Das alte Bild in der Gesellschaft zeigt die Notwendigkeit der Gemeinschaft.
In der Vergangeneheit, zumindest bei uns in Tansania, hat Oma oder Opa alle Enkelkinder zusammengerufen und Geschichten erzählt. Das war ein Kreis, in dem erzählt und Fragen gestellt wurden. So entstand ein Mini-Dialog. Dann kam der Fernseher und der Kreis wurde halbiert. Zuletzt kam das Handy, und der Kreis verschwand ganz.
Wir glauben auch, dass die Missionsgesellschaften entstanden sind, als der Kreis noch existierte. Jemand hat auf die Frage geantwortet, dass die Missionsgesellschaften entstanden sind, als der Bauer in der Mitte stand und Kartoffeln und Spargel verteilt hat. Hat er Recht?
Heute müssen wir leider wieder den Kreis finden, einen "runden Tisch", an dem wir die Erfahrung machen können, gemeinsam Mission zu gestalten, so wie Jesus es mit seinen Jüngern getan hat. Es heißt: "Nie mehr über uns ohne uns!" Es geht um ein Miteinander.

Liebe Missionsfreundinnen und Missionsfreunde,

vor einigen Tagen fragte mich ein Journalist, ob ich, wenn ich heute Pastor Ludwig Harms treffen würde, ihm nach 175 Jahren etwas fragen oder sagen würde. Natürlich habe ich sofort ja gesagt. Ein Mensch aus dem globalen Süden, der seit sieben Monaten in Hermannsburg ist, ist zunächst einmal überrascht, was für ein Mensch Ludwig Harms war und was er auf den Weg gebracht hat. Noch mehr überrascht, dass Harms nie auf den Kontinenten war, auf die er Missionare schickte. Hat er sich nicht getraut? Es heißt doch: „Sehen ist etwas anderes als erzählt bekommen“.

Heute werden Freiwillige aus einem Kontinent ausgesandt - auf drei Kontinente; heute wollen sie selbst sehen, erleben und erfahren, statt es sich nur im Fernsehen erzählen zu lassen. Harms hat geglaubt, Gott weiß wohin. Diese Zuversicht wünsche ich mir, auch Herrn Nerlich, den Freiwilligen und uns allen in der Mission. Vielleicht wusste Harms, dass er nicht alles alleine machen musste. Er hatte den Auftrag, Menschen für die Mission zu begeistern, und das ist ihm gelungen.
Auch für das ELM gilt: Gott weiß wohin - aber er geht nicht selbst, sondern durch uns und mit uns. Es ist nie zu spät, es ist einfach Zeit zu handeln, auch wenn das bedeuten kann, anders zu handeln. Vielleicht nicht so wie in der Vergangenheit, als die Welt noch in Ordnung war, aber so, wie es jetzt notwendig ist. Das Evangelium bleibt, nur die Art und Weise, wie wir es verkünden, kann sich ändern. Dazu gehört auch die Solidarität mit unseren Partnern. Wir alle haben die Bilder der Klimakatastrophe in Brasilien gesehen. Von heute auf morgen musste man schwimmen können. Danke allen, die gespendet haben.
Es gibt keinen Grund zu verzweifeln. Gott hat seine Mission, es ist seine Mission - er ist der Akteur, wir sind die Objekte seiner Mission.

Noch ein Bild aus der Harms-Zeit. Sie merken, auch ich bin verzaubert von Harms. Ludwig Harms wird als "Erwecker der Heiden" bezeichnet. Bedeutet das, dass es in der Heide viele Heiden gab oder gibt? Vielleicht sind es die Rechtsradikalen, die in der Heide leider sehr präsent sind. Damals wie heute: Jesus ist der "Erwecker der Heiden". Die frohe Botschaft Jesu weckt uns alle auf und gibt uns Mut zum Handeln. Das ist auch unser Auftrag - wie gesagt: Mission Justice - Auftrag Gerechtigkeit!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen!

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