„Mission bedeutet, Menschen zu erreichen – nicht nur Programme zu unterstützen"
Bischof Zwanini Shabalala über die Herausforderungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Südlichen Afrika (ELCSA), soziale Verantwortung und die Zukunft kirchlicher Arbeit
Nachfolgender Text ist aus einem Interview mit Pastor Zwanini Shabalala entstanden. Er ist Bischof der Ostdiözese der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Südlichen Afrika (ELCSA). Diese Diözese ist grenzüberschreitend und umfasst sowohl Eswatini als auch eine Region Südafrikas. Wir trafen ihn Ende Juni während eines Besuchs in der Hermannsburger Geschäftsstelle des ELM.
Eine Kirche über eine Ländergrenze hinweg
Die Ostdiözese der ELCSA ist eine Kirche über Grenzen hinweg: Sie umfasst Eswatini und einen Teil der südafrikanischen Provinz Mpumalanga. Für Bischof Zwanini Shabalala ist diese Lage mehr als eine geografische Besonderheit – sie prägt den Alltag der Gemeinden, ihre Wege, ihre finanziellen Möglichkeiten und ihre seelsorgerliche Arbeit.
Die meisten Gemeinden liegen in ländlichen Regionen. Viele Menschen lebten von kleinen Einkünften oder Gelegenheitsarbeiten, während die Arbeitslosigkeit hochbleibe – besonders unter jungen Menschen. In Eswatini sei ein großer Teil der Bevölkerung jünger als 35 Jahre. „Doch gerade diese Generation verlässt ihre Heimat oft", sagt Shabalala, weil sie anderswo Arbeit und Perspektiven suche.
Rund 57 Gemeinden und zahlreiche kleinere Predigtstellen gehören nach seinen Angaben zur Diözese, betreut von etwa 14 Pfarrern. Ein Pfarrer sei deshalb häufig für mehrere, teils weit entfernte Gemeinden zuständig. Weil viele Gemeinden finanziell nur wenig Spielraum hätten, setze die Kirche auf Solidarität: Die Beiträge würden zusammengelegt, damit auch schwächere Gemeinden getragen werden könnten.
Zwischen Tradition und Veränderung
Auch das Gemeindeleben verändert sich. Zwar gibt es weiterhin viele eingetragene Mitglieder, doch die Zahl der Menschen, die regelmäßig zum Gottesdienst kommen, nimmt ab. Besonders junge Menschen und Erwerbstätige ziehen in die Städte oder über Grenzen hinweg. „Wir verlieren nicht unbedingt Mitglieder auf dem Papier", sagt Shabalala, „aber wir verlieren aktive Menschen in den Gemeinden."
Trotzdem beschreibt er das kirchliche Leben als lebendig. Neben den sonntäglichen Gottesdiensten gebe es Jugendgruppen, Frauengebetsgruppen, Männergruppen, Gruppen junger Erwachsener und Sonntagsschulen. Diese Gruppen hielten Gemeinschaften zusammen und übernähmen Aufgaben, die weit über den Gottesdienst hinausreichten – etwa Besuche bei Kranken, älteren Menschen, Trauernden oder Menschen, die den Kontakt zur Kirche verloren haben. Dabei ende die Verantwortung nicht an der eigenen Kirchentür: Wenn jemand Unterstützung brauche, spiele die konfessionelle Zugehörigkeit oft keine entscheidende Rolle.
Pfarrer zwischen Seelsorge und praktischen Hindernissen
Die Erwartungen an die Pfarrer sind hoch. Zu ihren Aufgaben gehören Gottesdienste, Seelsorge, Hausbesuche, Schulandachten und die Begleitung von Familien. Gleichzeitig erschweren große Entfernungen und schwache Verkehrsverbindungen den Alltag. „Schon die Fahrt zur nächsten Gemeinde ist in manchen Gegenden eine Herausforderung", sagt Shabalala.
Ein verlässliches öffentliches Verkehrsnetz gibt es vielerorts nicht, weshalb Pfarrer nicht immer planen können, wann sie an einem Ort ankommen. Steigende Benzinpreise belasten die kirchliche Arbeit zusätzlich; manchmal müssen Pfarrer eigene Mittel einsetzen, um Gemeinden überhaupt zu erreichen.
Gerade in akuten Situationen – bei Krankheit, Trauerfällen oder anderen Krisen – werde persönliche Nähe entscheidend. „Die Menschen erwarten, dass die Kirche da ist", sagt Shabalala. Das gelte auch dann, wenn ein Besuch nicht lange im Voraus geplant werden könne.
Kirche inmitten gesellschaftlicher Krisen
Die Ostdiözese arbeitet in einem Umfeld, das von mehreren Krisen geprägt ist: Armut, Arbeitslosigkeit, die Folgen von HIV und AIDS sowie politische Spannungen. Für die Gemeinden sind das keine abstrakten Debatten, sondern Teil des Alltags vieler Familien.
Besonders die HIV/AIDS-Krise hat tiefe Spuren hinterlassen. Familien haben Angehörige verloren, Kinder sind ohne Eltern aufgewachsen, Gemeinschaften geschwächt worden. Medikamente ermöglichen heute vielen Menschen ein längeres Leben mit HIV – doch die sozialen Folgen sind weiterhin sichtbar.
Auch politische Instabilität beschäftigt die Kirche. In Eswatini herrscht eine absolute Monarchie; viele Menschen warteten seit Jahren auf Veränderungen, so der Bischof. Die Unruhen von 2021 hätten tiefe Verletzungen hinterlassen – Menschen hätten Angehörige, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Sicherheit verloren.
Hinzu kommt geschlechtsspezifische Gewalt. Die Kirche sehe es als ihre Aufgabe, dafür zu sensibilisieren und Gewalt gegen Frauen sowie andere Formen von Missbrauch zu verhindern – nicht nur durch öffentliche Stellungnahmen, sondern durch konkrete Begleitung und Aufklärung in den Gemeinden.
Darf Kirche politisch sein?
Die Frage, ob Kirche sich aus politischen Themen heraushalten sollte, beantwortet Shabalala klar. Politik bedeute für ihn nicht nur Parteien, Wahlkämpfe oder Parlamente. „Politik betrifft das tägliche Leben der Menschen", sagt er.
Wenn Menschen unter steigenden Preisen, Armut oder Ungerechtigkeit litten, seien das ebenfalls politische Fragen. Die Kirche könne nicht schweigen, wenn Menschenrechte verletzt oder Menschen benachteiligt würden – ihr Auftrag sei es, an der Seite derer zu stehen, deren Würde bedroht sei.
Shabalala verweist dabei auf die biblische Tradition: Propheten und geistliche Führungspersonen hätten immer wieder Herrschende angesprochen und Verantwortung eingefordert. Darum müsse auch die Kirche heute für das Wohl der Menschen eintreten – nicht parteipolitisch, aber öffentlich und hörbar.
Bildung als Zukunftsaufgabe
Ein weiterer Schwerpunkt der Diözese liegt in der frühkindlichen Bildung. Frühere Programme für Vorschulen sollen wieder aufgebaut werden, berichtet Shabalala. Ziel sei es, Kindern bessere Bildungschancen zu eröffnen und Lehrkräfte zu unterstützen.
Während der HIV-Krise sind viele Bildungsangebote zusammengebrochen. Später haben staatliche und kirchliche Initiativen versucht, Lücken durch Gemeinschaftszentren zu schließen – doch solche Modelle seien häufig von externer Finanzierung abhängig gewesen und damit schwer langfristig zu sichern.
Heute versuche die Kirche, nachhaltigere Strukturen aufzubauen: Zunächst sollten einige bestehende Vorschulen gestärkt werden, später könne das Programm erweitert werden. Bildung sei dabei nicht nur ein soziales Projekt, sondern Teil der kirchlichen Verantwortung für die Zukunft der Kinder.
Die Botschaft bleibt der Mittelpunkt
Am Ende kommt Shabalala auf den Kern kirchlicher Arbeit zurück: die Mission. Die Verkündigung des Evangeliums bleibe der zentrale Auftrag der Kirche. Soziale Projekte, Bildungsprogramme oder Initiativen gegen Gewalt seien wichtige Wege, Menschen zu erreichen – sie dürften diesen Auftrag aber nicht ersetzen.
„Mission bedeutet, Menschen zu erreichen – nicht nur Programme zu unterstützen", sagt der Bischof. Es gehe um Begegnung, um Nähe und um die Weitergabe einer Botschaft der Hoffnung. Die Kirche müsse sich deshalb immer wieder fragen, wie sie diesen Auftrag unter veränderten Bedingungen erfüllen könne. Formen und Schwerpunkte könnten sich wandeln, sagt Shabalala: „Aber die Botschaft bleibt dieselbe."