Tsibogang: AIDS, Gewalt und Drogenmissbrauch eindämmen
Dr. Wolfgang Oratile Hermann, Koordinator der christlichen Aktionsgruppe “Tsibogang”, erläutert ein Projekt, das seit über 20 Jahren Bildungsarbeit zur Prävention sexuell übertragbarer Krankheiten und Gewaltprävention leistet.
Südafrika ist das Land mit der höchsten Anzahl an HIV-Infizierten weltweit. 7,6 Millionen Menschen waren es laut UNAIDS 2023. Die Gesamtzahl der HIV-Neuinfektionen ist zwar in den letzten Jahren aufgrund von antiretroviralen Behandlungen zurückgegangen, in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen, insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen, ist die Zahl der Neuinfektionen aber immer noch unannehmbar hoch.
Häufig infizieren sich Mädchen durch Sex mit älteren Männern, was ihnen materielle Vorteile bringt. Unter Jugendlichen gibt es immer noch viel Unwissenheit über HIV-Infektionen und wenig Bewusstsein für den Wert des eigenen und des Lebens anderer.
Frauen, die körperlich oder sexuell missbraucht werden, haben laut UNAIDS ein um 50 Prozent höheres Risiko, sich zu infizieren. In Südafrika wird alle drei Stunden eine Frau ermordet, die Hälfte davon als Folge von Gewalt in der Partnerschaft.
Die hohe Arbeitslosenquote von mehr als 30 Prozent ist eine der Ursachen für von Gewalt gegen Frauen und Drogenmissbrauch. Die meisten Männer in Südafrika leben in dem patriarchalen Bewusstsein, dass sie die Familie ernähren müssen und verachten sich selbst, wenn sie dieser Rolle nicht gerecht werden können. In ihrer Frustration flüchten sie oft in Alkoholmissbrauch und projizieren ihre Wut auf ihre Partnerinnen. Neben Alkohol werden Cannabis und Nyaope (eine Mischung aus minderwertigem Heroin, Cannabis und antiretroviralen Drogen) und Crystal Meth auch unter Jugendlichen immer beliebter.
Was wird in dem Projekt gemacht?
Im Jahr 2001 begann eine Gruppe besorgter Christen aus verschiedenen Konfessionen (hauptsächlich aus der ELCSA und der katholischen Kirche) mit dem Aufbau der Aktionsgruppe Tshepanang (was in der lokalen Setswana-Sprache "Vertraut einander" bedeutet). Wir wollten eine christliche Antwort auf die fortschreitende AIDS-Epidemie im Distrikt Ngaka Modiri Molema in der Nordwest-Provinz von Südafrika finden.
Seitdem haben wir Peer Educators ausgebildet. Dabei handelt es sich um junge arbeitslose Menschen (20-35 Jahre), die ihr Abitur gemacht oder die Schule abgebrochen haben und ohne Arbeit zu Hause sitzen. In einem einwöchigen Workshop unterrichten wir sie über christliche Werte, Sex und Sexualität, sexuell übertragbare Infektionen sowie über geschlechtsspezifische Gewalt und Drogenmissbrauch. Einige der Lektionen werden ihnen von Mentoren präsentiert, andere müssen sie selbst in Gruppen erarbeiten. Im Laufe der Jahre haben wir sieben Curricula für verschiedene Altersgruppen entwickelt.
Nach dem Workshop werden die Teilnehmenden zu einem Treffen eingeladen, bei dem sie entscheiden müssen, ob sie Mitglieder der Aktionsgruppe Tshepanang werden wollen. Dazu müssen sie einem Verhaltenskodex zustimmen. Diejenigen, die sich bereit erklären, Mitglied zu werden, besuchen dann Schulen und bekommen in den Klassen 5-10 Stunden zugewiesen, in denen sie den “Tshepanang-Lehrplan” unterrichten. Die Peer Educators werdeb regekmäßig von Mentoren weitergebildet und einmal im Quartal auch bei seinen Unterrichtseinheiten besucht. Alle Schüler schreiben jedes Jahr einen Test über HIV-bezogene Kenntnisse sowie über Gewalt gegen Frauen und Drogenmissbrauch.
Welche Rolle spielt das ELM dabei?
Das ELM unterstützt finanziell. Neben dem ELM unterstützen auch der Förderkreis Mission & Gemeinschaft e.V. sowie die Bingo-Umweltstiftung unsere Arbeit. Wir hoffen, dass das ELM unser Projekt weiterhin unterstützen wird, damit viele junge Menschen ermutigt werden, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen und sich mit gestärktem Selbstvertrauen gegen Gewalt und Drogenmissbrauch zu wehren.
Woran machen Sie den Erfolg fest?
Im laufenden Haushaltsjahr haben wir 99 Peer Educators, die in 26 Schulen paarweise unterrichten. Sie erreichen insgesamt mehr als 5200 Schüler. Die meisten Schulleiter wissen das Angebot unserer Peer Educators zu schätzen und stellen ihnen Unterrichtsstunden zur Verfügung. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Peer Educators selbst enorm von ihrem Lernen und Lehren profitieren.