Anmerkung der Redaktion: Thabelo Mukhuba ist seit Anfang März Süd-Nord-Freiwillige im ELM und berichtet über die Eindrücke, die sie in Deutschland gewinnen konnte.
Gleiche Mission, anderer Kontinent
Was passiert, wenn man junge Freiwillige aus sechs verschiedenen Ländern in einen kleinen deutschen Ort schickt und sie gemeinsam das Leben meistern lässt?
Eine ganze Menge, wie sich herausstellt. So verbrachten die Süd-Nord-Freiwilligen 2026 ihre allererste Woche in Deutschland.
Dieser Ort war schon immer ein Missionsort
Hermannsburg ist kein gewöhnlicher Ort. Eingebettet in die Lüneburger Heide Niedersachsens ist es der Geburtsort der Hermannsburger Mission, die im 19. Jahrhundert von Ludwig Harms gegründet wurde, dessen Namen das Ludwig-Harms-Haus noch heute trägt. Dieser Ort ist einer der wenigen in Deutschland, in dem der Glaube noch immer den Alltag prägt. Es ist also kein Zufall, dass auch die Freiwilligen in Hermannsburg in ihr Jahr starten.
Jeden Februar kommt eine neue Gruppe junger Freiwilliger hierher – ausgewählt von Partnerkirchen und -organisationen in Südamerika, Afrika und Indien. Sie verbringen ihre erste Woche gemeinsam in einem Willkommensseminar, bevor sie zu ihren Einsatzstellen in Niedersachsen aufbrechen. Vom 20. bis 27. Februar 2026 versammelten sich die neuesten Süd-Nord-Freiwilligen des ELM im Ludwig-Harms-Haus in Hermannsburg zu ihrem Orientierungsseminar – sieben Tage mit Sitzungen, Andachten, Besichtigungen, kulturellen Workshops und gemeinsamen Mahlzeiten, alles mit einem Ziel vor Augen. Die ELM-Referentinnen möchten die Freiwilligen so gut wie möglich vorbereiten - mental und praktisch -, damit sie Sicherheit und Motivation für ihr Jahr mitnehmen.
Genau dieses Ziel macht diese Woche zu mehr als nur einer Orientierung. Sie steht für das nächste Kapitel in einer jahrzehntelangen Geschichte globaler kirchlicher Partnerschaft.
Es beginnt mit einem Hallo
Die Freiwilligen kamen am Freitag, dem 20. Februar, an und verbrachten den ersten Tag damit, sich gegenseitig vorzustellen die Namen zu merken. Bei Menschen aus sechs Ländern und mehreren Sprachen war dieser erste Schritt sowohl praktisch als auch bedeutsam. Er gab den Ton für alles vor, was folgte – eine Woche, in der menschliche Verbindung an erster Stelle stand.
Mit einem Segen ausgesandt
Am Sonntag ging die Gruppe zur St.-Peter-und-Paul-Kirche für einen Morgengottesdienst. Für viele der Freiwilligen war dies ihre erste Erfahrung mit einer deutschen Kirche – ein Moment, der das ökumenische Herzstück des Programms auf sehr greifbare Weise zum Leben erweckte.
St.-Peter-und-Paul ist eine Partnerkirche des lutherischen Netzwerks des ELM, und der Segen des Pastors an jenem Morgen spiegelte die Bedeutung dieser Beziehung, die dieselbe globale Mission teilt, die sie überhaupt erst nach Deutschland gebracht hat.
Es braucht ein ganzes Dorf. Wir lernen das ELM-Team kennen
Am Montag besuchte die Gruppe die ELM-Geschäftsstelle, ebenfalls in Hermannsburg, wo sie die Mitarbeitenden trafen, die im Hintergrund daran gearbeitet hatten, ihr Jahr möglich zu machen.
Das Seminar wurde von Katharina geleitet, eine der ELM-Mitarbeiterinnen, die für die internationalen Kultur- und Freiwilligenprogramme der Organisation zuständig sind. An ihrer Seite standen zwei ehemalige Nord-Süd-Freiwillige – junge Deutsche, die zuvor einen Freiwilligendienst in Brasilien absolviert hatten und jetzt als Assistenten und Übersetzer tätig waren.
„Die Referentinnen waren so freundlich und haben dafür gesorgt, dass wir alle Informationen hatten, die wir wirklich brauchten, um in Deutschland zu leben."
Die ehemaligen Nord-Süd-Freiwilligen waren jedoch über die Sprachunterstützung hinaus hilfreich. Einst hatten sie selbst auf genau denselben Stühlen gesessen – für Paula weckte die Rückkehr in diese Rolle eigene Erinnerungen an ihr Seminar in Brasilien.
„Das Gespräch über unsere Gründe, hier zu sein, hat mir das ganze Jahr über Kraft gegeben."
Ein Vorgeschmack auf das kommende Jahr
Am Dienstag teilten sich die Freiwilligen in zwei Gruppen auf, um echte Einsatzstellen zu besuchen – ein Vorgeschmack auf die Arbeit, die sie bald in Vollzeit in ganz Niedersachsen leisten würden. Eine Gruppe reiste zur Lebenshilfe in Bergen, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, während die andere Gruppe vor Ort blieb und die Kindertagesstätte Pusteblume besuchte. Beide Besuche gaben den Freiwilligen einen ehrlichen, praxisnahen Einblick in das, was ihr Jahr beinhalten würde.
„Es ist spürbar, wie sehr ihnen das Wohlbefinden aller am Herzen liegt – ich bin sehr dankbar für all die Freude und das Lernen in unserem ersten Seminar." — Bruna, Freiwillige aus Brasilien, eingesetzt in einem Kindergarten
Das Spiel, das mehr sagte als Worte es könnten
Im Rahmen ihres interkulturellen Seminars nahm die Gruppe an einem strukturierten Simulationsspiel teil, das kulturelle Empathie durch Erfahrung statt durch Erklärung vermitteln sollte.
Das Spiel beinhaltete etwas, das wochenlange Vorlesungen vielleicht nicht hätten vermitteln können: die Desorientierung beim Eintritt in eine neue Kultur, wo die unausgesprochenen Regeln unsichtbar sind, bis man gegen sie verstößt. Es forderte jeden Teilnehmenden auf, genau zu beobachten, geduldig zu bleiben und es immer wieder zu versuchen – Fähigkeiten, die sie jeden einzelnen Tag des kommenden Jahres brauchen würden. Über das Spiel hinaus boten die Sitzungen im Laufe der Woche den Freiwilligen Raum, ihre persönlichen Erfahrungen zu teilen und offene Gespräche darüber zu führen, wie sich das Leben in Deutschland anfühlt.
„Es hat mir das Gefühl gegeben, verstanden und verbunden zu sein – und jetzt fühle ich mich an meinem Projektplatz motivierter und selbstbewusster."
Wo der Tag seinen Sinn fand
Nachdem die Sitzungen des Tages beendet waren, versammelte sich die Gruppe zu einer kurzen Andacht, die von den Freiwilligen selbst vorbereitet und geleitet wurde, wobei sich regionale Gruppen abwechselten.
Lateinamerikanische Freiwillige leiteten an einem Abend die Andacht und brachten dabei ihre eigenen Gebets- und Gottesdiensttraditionen ein. Es war einer von mehreren Momenten in der Woche, in denen die Philosophie des Programms sichtbar wurde: dass das Lernen in alle Richtungen fließt und dass jede und jeder Freiwillige etwas zu bieten hat.
Das Abendessen wurde jeden Abend im Ludwig-Harms-Haus serviert. Am Tisch wanderten die Gespräche weit vom Tagesprogramm ab – hin zu Fragen über Heimat, Glauben, Familie und was ein Jahr in Deutschland wirklich bedeuten könnte.
„Es war wie Familie – ich warte schon auf das nächste Seminar." —
In einem Tag zum Deutschen werden
Die Freiwilligen lernten, wie man Müll trennt und recycelt, navigierten durch das Pfandsystem (Deutschlands Flaschenpfandsystem, bei dem Glas- und Plastikflaschen gegen eine kleine Rückerstattung in Supermärkte zurückgebracht werden) und erkundeten lokale Geschäfte, um zu verstehen, wie alltägliche Besorgungen in ihrem neuen Land funktionieren.
Die Woche endete mit einer kleinen Abschiedsfeier, bei der die Freiwilligen feierten, was sie gemeinsam aufgebaut hatten, bevor sie ihre eigenen Wege gingen.
Bleibt dran. Die Mission geht weiter
Diese zwölf Freiwilligen kommen nicht nur zum Arbeiten nach Deutschland. Sie kommen, um zu wachsen, Verbindungen zu knüpfen und die Mission der Weltkirche in ihren Alltag zu tragen. Eine Woche in Hermannsburg hat ihnen das Fundament gegeben. Jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer – und ihr, liebe Leser*innen, habt einen Platz in der ersten Reihe. Bleibt bei uns.