Erlernte Hilflosigkeit

Über die schwierigen Bedingungen in Russland für den Frieden einzutreten.

Als "erlernte Hilflosigkeit" bezeichnete Bradn Buerkle, im ELM Referent für theologische Aus- und Fortbildung in Kirchen International, die Mentalität der Bürgerinnen und Bürger des postsowjetischen Russlands. Er sprach bei einer Friedensandacht in der Peter-Paul-Kirche in Hermannsburg im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade Ende November.

Um zu verstehen, wie russische Bürger*innen reagieren, schlägt Buerkle einen Bogen vom Alten Testament in die Neuzeit. Im Alten Testament wird beschrieben, wie mehrere Anführer Israels den Bund mit Gott aufgeben und sich anderen Göttern zuwenden und das, obwohl Gott erkennbar viel für Israel getan habe. Buerkle hat dafür eine geopolitische Erklärung: "Israel und Judäa waren kleine Länder. Ihr Sicherheitsbedürfnis war groß, zumal wenn nicht klar war, welche Pläne die größeren, stärkeren und reicheren Nachbarn hatten. Für viele Herrscher war deshalb die Versuchung groß, sich als Teil der Diplomatie vor den fremden Göttern der Nachbarländer zu verneigen, um sich Verbündete zu schaffen." Buerkle betont die Treue zu dem einen und wahren Gott, versteht allerdings auch, warum für Menschen, die nur auf die Politik schauen, die Versuchung groß ist, nach Stabilitätsankern zu suchen.

Diese Suche nach Stabilität und Berechenbarkeit sieht Buerkle, der als Referent 20 Jahre in Russland tätig war, auch in der russischen Gesellschaft in den Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion, obwohl die geopolitische Lage von Israel und Russland sehr unterschiedlich ist: "Russland ist das größte Land der Erde; es hat immer noch 1/7 der gesamten Landfläche der Welt. Solange es nicht völlig zerbricht, besteht keine Gefahr, dass das Land von ausländischen Mächten überrannt, besetzt und ausgebeutet wird." Ähnlichkeiten sieht Buerkle allerdings darin, dass in Zeiten der politischen Uneinigkeit sowie der wirtschaftlichen und weltanschaulichen Instabilität, die Versuchung groß sei, den manipulativen Sicherheitsversprechen einer undemokratischen Diktatur zu erliegen.

Zu dieser Diktatur gehörte es, den Bürger*innen Russlands eine "Form der Hilflosigkeit" zu vermitteln. "In vielerlei Hinsicht war dies nicht schwer zu erreichen. Mit Ausnahme der Revolutionen des 20. Jahrhunderts und der ersten Jahre der postsowjetischen Demokratie haben die Menschen nicht die Erfahrung gemacht, dass ihre Ansichten und ihre Gesellschaft oder das Handeln ihres Landes ernsthaft beeinflussen können. Sie haben gelernt, dass Initiative zeigen strafbar ist und 'sich an die Linie halten' belohnt wird“, lautete die Analyse Buerkles, der zu dem Schluss kommt: "Als ihr Land aggressiv in die Ukraine einmarschierte, erlagen einige der jahrelangen anti-ukrainischen Propaganda und hegen auch heute noch eine vage Hoffnung auf einen 'Sieg'. Doch selbst die Mehrheit, die einfach nur will, dass die Kämpfe unabhängig vom Ergebnis beendet werden, glaubt, dass es keine Hoffnung gibt, dass ihr persönliches Handeln den Krieg beenden könnte."

"In der Kirche", formuliert Buerkle, "versuchen wir, die Menschen zu ermutigen, die Werte, die in ihrem Glauben zum Ausdruck kommen, beizubehalten. Viele russische christliche Führer - und insbesondere die der größten russischen Kirche - haben dabei versagt. Dennoch engagieren wir uns weiterhin und tun, was wir können, um den Russ*innen zu helfen, den falschen Versprechungen der Regierung (auf der einen Seite) und der totalen Hoffnungslosigkeit (auf der anderen Seite) zu widerstehen. In den Bildungsabteilungen, in denen ich tätig bin, ermutigen wir zu kritischem Denken, auch wenn es einfacher wäre, den Kopf in den Nacken zu legen und der 'Parteilinie' zu folgen. Wir unterstützen sie in der kognitiven Dissonanz zwischen ihrer Sicht der Dinge und ihrer Unfähigkeit sinnvoll zu handeln und bestärken sie darin, dass sie tatsächlich in der Lage sind, etwas zu bewirken, wenn auch nur im Kleinen. Wie es ein bekannter russischer Emigrant ausdrückte, als er gefragt wurde, wo ein sicherer Ort für sie wäre, an dem sie leben könnten:  'Man kann nie wissen ... Es gibt keine Garantien im Leben, aber eines ist sicher - die Welt wird ein sicherer Ort für alle sein, wenn die Menschen - anstatt einen konfliktfreien Ort zu suchen - an dem Ort, an dem sie sich befinden, alles in ihrer Macht Stehende tun würden, um Frieden um sie herum zu schaffen.' Indem wir unsere Partner auf dem (vielleicht sehr langen) Weg des Gefühls, etwas bewirken zu können, ermutigen, tun wir, was wir können, um zum Aufbau einer Gesellschaft beizutragen, die den Frieden von Grund auf schätzt.“

Der Input Buerkles wurde gerahmt von einer Friedensliturgie, die von Ingrid Lüdemann gestaltet wurde. Lüdemann ist Bildungsreferentin im Friedensort2GO, der im ELM und der Landeskirche Hannovers angesiedelt ist.