"Das BLH läuft im Notbetrieb"
Die Theolgiestudentin Annika Weise hat 2024 im Bamalete Lutheran Hospital (Botsuana) ein Praktikum absolviert. Im August 2025 ist sie ans BLH zurückgekehrt und berichtet von der schwierigen Situation dort:
Im August 2024 habe ich über das Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) ein Gemeindepraktikum als Theologiestudentin in Botsuana machen dürfen. In meinem Praktikum habe ich Pastor Thabiso Segatlhe begleitet. Er arbeitet hauptberuflich im Bamalete Lutheran Hospital (BLH) als Klinikseelsorger. Zudem ist er als Pastor in der Ev.-luth. Kirche in Botsuana (ELCB) tätig. An beiden Orten habe ich neben ihm auch seine Kolleginnen und Kollegen begleiten dürfen.
Das Bamalete Lutheran Hospital ist eine christliche Gesundheitseinrichtung. Das Krankenhaus dient der öffentlichen Versorgung und verfügt über insgesamt 134 Betten in verschiedenen Abteilungen. Das BLH setzt sich aus vielen kleinen gelben Gebäuden, einigen neuen Backsteingebäuden, einer kleinen Kapelle und einer großen gelben Kirche zusammen. Das Krankenhaus wurde 1934 von deutschen lutherischen Missionaren gegründet und ursprünglich auch finanziert, in jüngerer Zeit jedoch von der Regierung Botsuanas. Seit 2013 gibt es im Krankenhaus ein Hospiz, das überwiegend vom Pflegepersonal betrieben wird.
Zum BLH gehört auch die lutherische Krankenpflegeschule, die direkt daneben angesiedelt ist und 1934 von Schwester Emma Pfitzinger aus Deutschland im Auftrag der lutherischen Mission gegründet wurde. Im Februar 2022 wurde das Krankenhaus ganz vom Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) an verschiedene Kirchen und die Regierung Botsuanas übergeben.
Das Gesundheitssystem ist für die Bevölkerung Botsuanas gratis. Laut UNICEF ist für 84 Prozent der Bevölkerung der nächste Gesundheitsposten weniger als fünf Kilometer entfernt – eine enorme Leistung für ein Land, das ungefähr so groß wie Frankreich ist und weniger Einwohner hat als Berlin. Ein großes Problem stellt die hohe Zahl der HIV Infektionen dar. Mindestens jeder Fünfte soll davon betroffen sein. Botswana war auf einem sehr guten Weg, die Epidemie einzudämmen: mit kostenlosen Kondomen oder Verhütungsmitteln, Aufklärung in der Schule und Programmen speziell für die gefährdete Gruppe heranwachsender Mädchen. Viele dieser speziell begleiteten Programme mussten durch die ausbleibenden Zahlungen der USA allerdings auch gestoppt werden.
Mitte August 2025 bin ich erneut nach Botsuana geflogen. Eine Freundin begleitet mich dieses Mal. Wir haben es privat organisiert, für fünf Wochen Praktika im BLH und der ELCB zu machen. Lena Feist studiert Medizin im 4. Jahr und begleitete die Ärzte im BLH. Ich durfte wieder mit Thabiso Segatlhe mitgehen.
Kurz vor unserer Reise wurde der nationale Gesundheitsnotstand in Botswana ausgerufen – wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage und aufgrund von ausbleibenden Zahlungen durch USAID (United States Agency for International Development). Normalerweise stellt der Staat sämtliche Medikamente und Materialien den Krankenhäusern zur Verfügung, was momentan wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage nicht mehr möglich ist. Viele Medikamente wären noch auf Privatrechnung erhältlich, was sich allerdings viele Menschen hier nicht leisten können. Simple Untersuchungen wie Blutzuckermessungen können nicht mehr angeboten werden, was schon zu Todesfällen bei Menschen mit Diabetes geführt hat.
Das BLH läuft im Moment gewissermaßen in einem Notbetrieb. Es werden keine geplanten OPs mehr durchgeführt, nur noch kritische Notfälle. Die Patient*innen werden in die Hauptstadt Gaborone zum Marina Hospital für Untersuchungen geschickt, da kein medizinisches Material vorhanden ist. Auf der Entbindungsstation liegen nur noch Frauen mit Komplikationen in der Schwangerschaft. In der Notaufnahme ist es häufig gähnend leer.
Zurzeit stehen 200 Frauen für gynäkologische elektive OPs auf der Warteliste, weil kein Material für diese Eingriffe zur Verfügung steht. Statt ca. 60 OPs im Monat laufen momentan nur etwa 15 OPs pro Monat. Die Krankenschwestern sind ständig aus ihrem Dienst genommen, weil sie Patient*innen bei Verlegungen ins Marina Hospital begleiten müssen. Es gibt keine staatlichen Rettungswagenbesetzungen, sodass die Pflegekräfte diese Arbeit mit Fahrern übernehmen müssen.
Viele Medikamente stehen nicht zur Verfügung, sodass auf schlechtere Alternativen ausgewichen wird. Medikamente und Versorgung von chronisch Erkrankten kann kaum mehr stattfinden. Epilepsie-Medikamente müssen beispielsweise privat gekauft werden, weil sie im staatlichen System nicht mehr zur Verfügung stehen. An manchen Tagen gab es im Krankenhaus nur noch zwei Beutel Infusionen, die für extreme Notfälle reserviert bleiben.
In dieser Woche wurde ein Transporter in Südafrika auf dem Weg nach Botsuana überfallen. Die Regierung Botsuanas hat einen großen LKW voll Medikamente in Südafrika fürs Land gekauft, die im Land verteilt werden sollten. Durch den Überfall verzögert sich die Ankunft wichtiger Medikamente in Botsuana weiterhin.
Im Vergleich zum letzten Jahr ist deutlich zu spüren, dass weniger Patient*innen im Krankenhaus sind. Normalerweise war der Wartebereich morgens super voll, wo auch die Morgenandacht stattfindet. Aktuell sind es häufig nur um die 20 Patient*innen, die morgens warten. Auch die Arbeit von Thabiso hat sich geändert. Er nimmt im Moment als Mentor und Manager an sehr vielen Meetings teil. Er und andere Mitarbeitendes des BLH versuchen, Spenden aufzutreiben, um gewissermaßen das Überleben des Krankenhauses zu sichern. Verschiedene Kirchengemeinden aus Ramotswa und Umgebung bringen inzwischen Essen ins Krankenhaus. Thabiso versucht als Seelsorger die Mitarbeitenden des Krankenhauses in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Seine pastorale Aufgabe ist im Moment noch mal auf einem ganz anderen Level.
Viele Mitarbeitende wirken erschöpft und angespannt in der unsicheren Zeit, da auch das Gehalt
teilweise nicht gezahlt werden kann. Sehr kritisch ist aktuell neben dem Medikamentenmangel auch die medizinische Ausstattung. Seitdem das ELM sich aus dem BLH zurückgezogen hat, kann das BLH den Service und die Versicherung der medizinischen Geräte nicht mehr leisten, da die Preise für Service und Versicherung plötzlich um das fünffache gestiegen sind, seit der langjährige Vertrag des ELM ausgelaufen ist. Die hohen Preise kann sich das BLH nicht leisten. Das BLH wünscht sich Unterstützung vom ELM, um eine neue Versicherung und den darin enthaltenen Service abzuschließen, für die sie selber zahlen wollen. Die medizinischen Geräte stellen ohne den Service ein sehr hohes Risiko beim Arbeiten dar, da sie sehr alt sind und nicht zuverlässig arbeiten.
Das BLH ist in der aktuellen Situation vor Ort durch die teilweise staatliche und die teilweise kirchliche Trägerschaft in der Geldzuteilung benachteiligt. Die Regierung unterstützt aktuell nur staatliche Krankenhäuser, kommt dabei aber auch inzwischen deutlich an seine Grenzen. Das BLH ist für die Menschen in Ramotswa und Umgebung von großer Bedeutung. Die Patienten schätzen das christliche Krankenhaus und die Kompetenz vor Ort und kommen deshalb gezielt dorthin.
Positiv ist das Zusammenrücken der Krankenhäuser untereinander. Seit der Krise arbeiten die Krankenhäuser in Ramotswa und Umgebung deutlich enger zusammen, tauschen sich mehr aus und versuchen Materialien untereinander zu tauschen. Eine gute Entwicklung ist auch, dass sich das Krankenhaus im ambulanten Bereich als Einweisungskrankenhaus etabliert. Man kann Termine für Spezialisten nur mit Überweisung aus den lokalen Stadtteilkliniken bekommen und so Ressourcen besser nutzen.
Wir hoffen für das BLH, dass es die Krise übersteht und mit Unterstützung und Spenden wieder voll aufblühen kann, um die Menschen weiterhin gut medizinisch versorgen zu können.