Rote Blume aus Brasilien.
Bild: iStock - Anna Richard

Einfachheit und Schönheit des Lebens in all seiner Kraft und Fülle annehmen!

Predigt für den 20. Sonntag nach Trinitatis von Pastorin Cristina Scherer, ELM-Referentin für Internationale Ökumene (aus Brasilien), zu Markus 2,23-28:

23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat. 

Auf meinem fast 25-jährigen Weg als ordinierte Pastorin habe ich viele Erfahrungen an unterschiedlichen Orten und mit verschiedenen Menschen gemacht. Das Leben eines jeden Menschen, sei es privat oder beruflich, besteht aus besonderen Momenten. Manche berühren uns mehr als andere. Manche lehren uns etwas. Andere möchten wir am liebsten ganz vergessen …
Hier möchte ich eine Erfahrung teilen, die mich auf besondere Weise berührt hat.

In der letzten Gemeinde, in der ich als Pastorin in Brasilien tätig war, war die Struktur nicht immer zu 100 Prozent gegeben. Manchmal fehlten finanzielle Mittel, ein anderes Mal fehlte es an personellen Ressourcen. Wenn Mitglieder des Kirchenvorstands (KV) nicht an den Gottesdiensten teilnehmen konnten, wurden die Aufgaben schnell von anderen Menschen aus der Gemeinde übernommen. Der Empfang wurde von Mitgliedern anderer Gruppen der Gemeinde übernommen und oft auch von mir selbst als Pastorin, die in diesen Momenten die Kirche öffnen und schließen sowie bei der Organisation des Gottesdienstes helfen musste.
Und die Aufgaben vor, während und nach den Gottesdiensten?
Nun, nach und nach wurde alles geregelt. Die Gesangbücher wurden, sofern sie zum Einsatz kamen, von denjenigen auf den Kirchenbänken verteilt, die als Erste eintrafen und gebeten wurden, mitzuhelfen. Und alle taten dies gerne. Wenn der Beamer verwendet wurde, wurden alle Lieder an die Wand projiziert.
Die Bibellesungen wurden unter denjenigen aufgeteilt, die den Wunsch äußerten, vorzulesen. Ich bat jeweils einige Minuten vor Beginn des Gottesdienstes jemanden darum.
Die Kollekte wurde von den Leitern der Gemeindegruppen eingesammelt; auch Konfirmandinnen und Kinder halfen spontan dabei, und anschließend wurden sie unter dem Altar abgelegt. Am Ende des Gottesdienstes wurde der Betrag gezählt, in das Notizbuch eingetragen und der Pastorin übergeben – falls der Kassenverwalter nicht im Gottesdienst anwesend war –, damit sie ihn unter der Woche an die zuständige Person weitergeben konnte. Alles wurde geregelt, auch ohne die zuständigen Personen oder die notwendige Struktur.

Und die Blumen auf dem Altar? Nun, das war die schönste Erinnerung, die ich hatte!
Um Kosten zu sparen und nicht jede Woche Blumen kaufen zu müssen, verließen wir uns gerne auf die Freundlichkeit der Menschen und auf die Überraschungen des Heiligen Geistes.
Im Laufe der Woche sagten mir einige Leute, meist Frauen aus der Frauenhilfe Gruppe: “Überlassen Sie das ruhig mir, Pastorin, ich bringe die Blumen für den Gottesdienst mit.” Manchmal kamen zwei Sträuße mit wunderschönen, abwechslungsreichen Blumen, ganz frisch gepflückt aus dem Garten dieser engagierten und gütigen Frauen. Wenn das geschah, lächelte ich, bedankte mich und stellte die beiden wunderschönen, abwechslungsreichen Blumensträuße voller Freude unter den Altar. In der Sakristei gab es genügend Vasen.
Und wenn niemand Blumen mitbrachte, wie gingen wir dann vor? In solchen Momenten geschah etwas Besonderes. Neben der Kirche befand sich das Pfarrhaus. Eine für diese Gegend typische Blumenart blühte das ganze Jahr über, die Alpinia purpurata, eine wunderschöne rote Blume. Wenn es keine anderen Blumen gab, wurden diese schnell gepflückt. Sie blühten fast das ganze Jahr über. Drei oder vier davon reichten aus und wurden auf dem Altar der Gemeinde aufgestellt. Schon war das Problem gelöst und der Gottesdienst konnte beginnen. So geschah es manchmal, ohne lange Diskussionen, Versammlungen, Pläne, Abläufe, Konzepte, Listen, Beschwerden usw.
So wurden mit Einfachheit, Leichtigkeit, Kreativität und Überraschungen die alltäglichen Probleme einer Gemeinde gelöst – im Vertrauen auf die Gnade, Liebe und Güte Gottes sowie auf die Freundlichkeit und Großzügigkeit der Menschen. Alle trugen dazu bei: vom schnellen und effizienten Einsatz der Menschen bis hin zur Kreativität und Schönheit der göttlichen Schöpfung.

Warum erzähle ich diese Geschichte und was hat sie mit dem für diesen Sonntag vorgesehenen Predigttext aus dem Markusevangelium 2, 23–28 zu tun?
Jesus sagt, dass das Leben und seine Grundbedürfnisse über jedem anderen Gesetz und jeder anderen Priorität stehen müssen.
Und was haben wir oft getan?
Wir haben tatsächlich die Strukturen, die Systeme, die Tabellen, die perfekte PowerPoint-Präsentationen, die Abrechnungen, die Gebäude mit alle ihre Sorgen und viele andere Dinge an die erste Stelle unseres Handelns als Kirche, KV, Beschlussgremien, Personalamt und Personal/Strukturell fragen gesetzt. Ich beobachte und sehe, welche Last die „Strukturellen Fragen“ verursacht: die Enttäuschungen, das Leid, die Frustrationen, den Ärger, die Forderungen, den Drang nach Perfektion und Konformität, der oft das Evangelium überschattet, das doch nichts anderes ist als Einfachheit, Gnade, Güte, Teilen, Geben, Wohlwollen, Gerechtigkeit, ein erfülltes Leben und Frieden.
Schon der Prophet Micha hat uns darauf hingewiesen, was Gott will, was Gott sich wünscht, was er tatsächlich von seinem Volk erwartet: “Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.” (Micha 6,8)
Der Apostel Paulus erinnert uns in Römer 14,17 deutlich daran: “Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.”
Jesus selbst sagte: “Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.” (Johannes 10,10).

Jesus aß mit Menschen, die vom unterdrückerischen System jener Zeit als Sünder galten, segnete Kinder und spielte mit ihnen – was von seinen Jüngern missbilligt wurde. Unterhielt sich mit fremden Frauen und diskutierte mit ihnen über Theologie, wobei er sich sogar von ihnen zurechtweisen ließ. Er feierte das Abendmahl mit den unterschiedlichsten Menschen seiner Gesellschaft, vertrieb die Händler aus dem Tempel, ermahnte die Menschen und rief zu einer vollständigen Lebenswende auf. 
Ja, dieses Evangelium ist auch heute noch viel zu radikal. Dieser echte, bodenständige Jesus, der den Finger in die Wunden der Gesellschaft legt und laut und deutlich verkündet, dass es möglich ist, anders zu sein, dass das Reich Gottes bereits unter uns ist. Er ermahnt uns, lässt uns den Kopf heben und bekräftigt, dass es möglich ist, voranzuschreiten und frei, unbeschwert, ungezwungen, ansteckend und wirkungsvoll zu leben.
Ich glaube, dass es auch heute noch viele Menschen erschreckt, wenn man sagt, dass Jesus gekommen ist, um das Leben über Gesetze und Strukturen zu stellen. Wie bitte? Ist das möglich – ein Leben ohne Regeln, ohne Strukturen, ohne Pläne und Sicherheiten und all das, was wir als selbstverständlich, vorrangig und zentral für unsere Mission ansehen?

Es gibt viele Menschen, die weiterhin in einer Welt leben möchten, in der es keine Anordnungen, keine Konzile, keine Versammlungen, keine Projekte, keine Beschlüsse, keine Protokolle, keine Haushalte und so weiter. Viele möchten einfach nur leben, erleben, überleben.
Ja, all diese Struktur ist notwendig für die Organisation des kirchlichen Lebens und die Ausübung ihres Auftrags in dieser Welt, auch in der Kirche, aber es ist nicht alles, es kann nicht alles sein und wird niemals alles sein.
Bei einer Sitzung des örtlichen KV erwähnte mein Pastorenkollege in seiner kurzen Andacht: “Ich bin nicht wegen der Konzepte, der Struktur, der Regeln und Normen der Kirche Pastor geworden. Ich bin Pastor geworden wegen der vielen schönen Dinge, die das Evangelium heute den Menschen bietet und ihnen entgegenstellt.” Und er empfahl als Lesetipp das Buch von Ahmad Milad Karimi “Die Schönheit des Christentums – Eine muslimische Liebeserklärung”: In einem Interview über sein Buch sagt der Autor: 

“Schönheit ist im Christentum unendlich auffindbar. Nicht nur architektonisch, wegen der Kirchen, die schön sind. Sondern auch schön wegen der Pilgerwege, der Art der Liebe, diesem Glauben an die tiefe Nähe Gottes, dass Gott mir näher ist als nahe, dass er das Kleid der Endlichkeit anzieht und den Schmerz der Menschen von innen her erfährt. Das ist der größte Gedanke, den ich denken kann.” 

Vor allem dürfen wir im Kampf für grundlegende und würdige Lebensbedingungen für alle Menschen nicht vergessen, dass das Leben vor und über Regeln und Gesetzen steht. So war es auch bei den Jüngern Jesu, die am Sabbat lediglich ihren Hunger stillen wollten und deshalb Ähren pflückten. Wenn wir uns gemeinsam für die Bewahrung des Lebens in seiner ganzen Fülle einsetzen, dann gibt es dort Schönheit, Bewegung, Gerechtigkeit und Frieden.

Ich wünsche mir, dass wir niemals den Reiz  von Pfingsten verlieren, diesen Geist, der uns erfüllt, uns in Bewegung bringt und uns daran erinnert, dass das Leben viele Farben, Formen, Gaben und Bewegungen hat.
Ich wünsche mir, dass wir niemals die Freude und die Begeisterung des Auferstehungsmorgens verlieren, die uns antreibt, uns vorwärtsbringt, uns zum Schwingen bringt und träumen lässt, uns hilft, Barrieren zu durchbrechen, die wir oft selbst errichten und in denen wir uns verstricken.
Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir niemals die Einfachheit des Lebens verlieren, die sich durch die unerwartete Geburt eines Kindes offenbart – fernab vom Komfort seines Zuhauses, in einer scheinbar kalten Nacht, doch voller Wärme in einem Kreis der Liebe und des Friedens. Die Ankunft dieses Kindes war Anlass für Begegnungen zwischen unbekannten und weit voneinander entfernten Menschen, die aus verschiedenen Orten kamen, unterschiedliche Traditionen hatten und Geschenke mitbrachten, um ihn anzubeten. Dort trafen sich auch einfache, hart arbeitende Menschen, die vom Licht geleitet wurden, um die Liebe zu verehren.

Lasst uns nicht das Entzücken verlieren, das wir noch immer in den Augen so vieler Menschen leuchten sehen: derer, die lächeln und sich umarmen; derer, die weinen und sich in Gemeinschaft umarmen und ihren Schmerz teilen wollen; derer, denen es am Herzen liegt und die ihre Gaben teilen wollen; derer, die sich engagieren und Strukturen verändern wollen; derer, die sich gemeinsam mit so vielen anderen auf den Weg machen und das Evangelium verkünden wollen.

Das Leben besiegt immer den Tod, das Leben steht über den Gesetzen, über dem Sabbat, über den Strukturen, über den Ämtern und Positionen; das Leben pulsiert und wird immer in der Kirche pulsieren, die sich auch heute noch von der Einfachheit, der Leichtigkeit, der Kreativität und den Überraschungen des Evangeliums verzaubern lässt, genau wie die Blumen, die damals auf den Altar jener Gemeinde gelegt wurden.

Oben ist ein Bild der Altarblume, die uns lehrt und inspiriert – genau wie Jesus Christus –, die Einfachheit und Schönheit des Lebens in all seiner Kraft und Fülle anzunehmen.

Amen.

 

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