Demonstration gegen genderbasierte Gewalt in Malawi.

"Die Dunkelziffer ist hoch"

Interview mit Gabriele De Bona, Referentin Gender international im Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM).

Gabriele De Bona ist Referentin für Gender international im Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM). Das Thema Gendergerechtigkeit zieht sich als roter Faden durch ihre Arbeit. Sie kreiert Veranstaltungsformate und begleitet Projekte in den weltweiten Partnerkirchen des ELM. In diesem Jahr hat sie erneut die Beteiligung des ELM an der 16-Tage-Kampagne der Vereinten Nationen „Orange the World“ gegen Gewalt an Frauen und Kindern initiiert. Vielerorts werden Gebäude orange angestrahlt. Das ELM hat seine Webseite in Orange „getaucht“, aber nicht nur das ...


Gabriele, auf welche Art und Weise hat sich das ELM an der Kampagne „Orange the World“ beteiligt?

In den Vorjahren hat sich das ELM – bedingt durch Corona – mit Onlineformaten an der Kampagne beteiligt. Es war ein erster Schritt, den 25. November als Tag zur Prävention von Gewalt gegen Frauen zu etablieren. Von Anfang an war es das Konzept, sowohl Vertreter*innen aus unseren Partnerkirchen sprechen zu lassen als auch aus unserem lokalen Kontext. Dieses Jahr haben wir das erste Mal eine Veranstaltung in Präsenz durchgeführt. Nachdem wir in der Vergangenheit vor allem informiert hatten, um das Bewusstsein für das Thema zu schärfen, wollte ich diesmal die Opfer der Femizide stärker in den Fokus rücken und so kam die Idee einer Gedenkveranstaltung an einem kirchlichen Ort. Mit der Äbtissin Cornelia Renders bin ich sofort auf gute Kooperation gestoßen und wir konnten die Gedenkandacht im Kloster Isenhagen am 25.11. als Start für die Orange Days halten.
 

Information, Gebet und Gedenken ist sicherlich wichtig. Aber erreicht man damit tatsächlich die Menschen, die man eigentlich erreichen möchte?

Wir wissen ja aus anderen Themenbereichen, wie wichtig eine Erinnerungskultur für Betroffene und Angehörige ist. Es wichtig, zusammen zu sein, und der Opfer zu gedenken, sie aus der Namenlosigkeit und dem Vergessenwerden herauszuholen und ihnen einen Platz zu geben. Gleichzeitig sollte Raum sein für Menschen, die es anrührt und betrifft. Die Dunkelziffer ist hoch und es wird viel verdrängt und weggeschaut. Ich denke, es sind sehr viel mehr Menschen von häuslicher oder Partnerschaftsgewalt betroffen, als zumeist zugegeben wird.

Mit dem Statement von der ersten und bisher einzigen Pastorin der Ev.-luth. Kirche in Malawi, Bertha Munkhondya, wurde der Bogen geschlagen, dass Gewalt an Frauen und Mädchen ein globales Problem ist. Nicht nur in Malawi und nicht nur in Deutschland. Außerdem hat sie uns als „fellow sister“ Mut zugesprochen. Ein starkes solidarische Zeichen!

Ich bin sicher, das hat allen, die dort in der Klosterkirche gesessen haben, gut getan. Den Frauen, aber auch den Männern.
 

Sexualisierte Gewalt ist offenbar auf der ganzen Welt verbreitet. War auch Kirche zu lange blind dafür?

Sexualisierte Gewalt ist eine Form der Gewalt und überall auf der Welt auch eine Form, Dominanzverhältnisse zum Ausdruck zu bringen. Das heißt, sie ist systemisch angelegt, in Gesellschaft und in Kirche. Für mich ist gar nicht die Frage, ob die Kirchen blind auf einem Auge waren, sondern vielmehr, wo haben sie sich mitschuldig gemacht, wo haben sie Machtverhältnisse und die damit verantwortlichen Menschen unterstützt, die diese gewaltvollen Dominanzverhältnisse ausgeübt haben und befördert haben. Wo haben die Kirchen zugelassen oder unterstützt, dass eine Theologie gelehrt und gefördert wird, die genau diese gewaltvollen Machtverhältnisse rechtfertigt? Die Bibel müsste auf traumatisierende „texts of horror“ hin kritisch hinterfragt und gelesen werden. Eine gendersensible Bibelauslegung ist wichtig, weil hier auch auf diese Texte kritischer geschaut wird. Diese „texts of horror“ sind ja einerseits wertvoll, weil sie Erfahrungen von Trauma und traumatisierten Menschen widerspiegeln, aber wenn sie unreflektiert oder genderunsensibel nur fast wörtlich wiedergegeben werden, können Menschen re-traumatisiert werden und/oder Gewalt wird als Mittel zum Zweck gerechtfertigt oder Gewaltverhältnisse verherrlicht.

 

Das ELM unterstützt Projekte gegen Gewalt an Frauen und Mädchen in den weltweiten Partnerkirchen finanziell und begleitet sie inhaltlich. Würdest du uns ein Beispiel vorstellen?

Es wurde bereits ein Projekt in Brasilien zur Prävention von genderbasierter Gewalt vom ELM unterstützt. Zurzeit betreuen wir aber ein Projekt in Malawi, welches an drei verschiedenen Standorten, (Lilongwe, Mangochi und Lowershire) der Pastorin Bertha Munkhondya dazu verhilft, gegen geschlechterbasierte Gewalt vorzugehen. 

 

Heute, am 10. Dezember, enden die „Orange Days“ mit dem Tag der Menschenrechte. Steht damit zum Schluss ein versöhnliches Zeichen für alle Geschlechter?

Was heißt ein versöhnliches Zeichen für alle Geschlechter? Ich sehe es so, dass klar gesagt und gezeigt wird, dass Frauenrechte zu den Menschenrechten dazu zählen. Es ist kein Nischenthema. Von der Gewalt an Frauen und Mädchen sind alle in den Familien und in der Gesellschaft betroffen. Wenn eine Mutter vor den Augen der Kinder geschlagen, gedemütigt, finanziell abhängig oder sexuell missbraucht wird, dann hat das nicht nur negative Folgen für die Ehefrau /Mutter und die Töchter. Für die Söhne, die so etwas miterlebt haben, hat es ebenfalls fatale Folgen.

Und trotzdem ziehe ich keinen Graben zwischen Geschlechtern. Es geht alle an. Ich hoffe vielleicht auf mehr Mittun und Mitbeteiligung an Aktionen und Aufklärungsarbeit von Männern, ja. Aber viele sind auch schon da!

 

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