Vielfalt statt Abgrenzung: Begegnung ist eine politische Kraft

Unter dem Motto „Vielfalt statt Abgrenzung: Die politische Kraft interreligiöser Begegnungen“ kamen am 30. Oktober in der St.-Martini-Kirche in Stadthagen zum zehnten Mal Vertreterinnen und Vertreter von sechs Religionsgemeinschaften zusammen. Im Mittelpunkt standen Begegnung, gegenseitiges Verständnis und die gemeinsame Verantwortung für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Dr. Oliver Schuegraf, Bischof der Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe, betonte in seiner Begrüßungsrede die Bedeutung des Zuhörens und des offenen Austauschs. Begegnung bedeute, Menschen auch dann wahrzunehmen und sich auf sie einzulassen, wenn ihre Erfahrungen, Überzeugungen und Lebensweisen von den eigenen abweichen. Schuegraf machte deutlich: Religiöse Gemeinschaften vermitteln Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl und Verantwortung. Sie schaffen Orte der Gemeinschaft und gegenseitigen Unterstützung – und leisten damit einen wichtigen Beitrag für die gesamte Gesellschaft.

„Wo religiöse Gemeinschaften miteinander ins Gespräch kommen, können Vorurteile abgebaut werden, Vertrauen aufgebaut und so der Zusammenhalt einer ganzen Gesellschaft gestärkt werden“, so Schuegraf.

Auch das ELM war zu Gast

Das Evangelisch-lutherische Missionswerk in Niedersachsen (ELM) nahm auf Einladung der Landeskirche, die eine der drei niedersächsischen Trägerkirchen des ELM ist, an diesem besonderen Begegnungsabend teil. Es stellte seine Arbeit und seinen „Traum von der einen Welt“ vor: die Vision einer Welt, in der Menschen über Grenzen hinweg miteinander in Verbindung treten, voneinander lernen und gemeinsam an einer gerechteren und friedlicheren Zukunft arbeiten. Dieser Gedanke knüpfte unmittelbar an das Motto des Abends an. Denn eine Welt, in der Vielfalt nicht trennt, sondern verbindet, entsteht dort, wo Menschen einander begegnen und bereit sind, über die eigenen Grenzen hinauszuschauen. Das taten denn auch zahlreiche Gäste des Abends im Gespräch am Stand des Missionswerks.

Zusammenhalt entsteht durch gemeinsames Handeln

Landrat Jörg Farr blickte in seinem Beitrag auf die Entwicklung der interreligiösen Begegnungen im Landkreis Schaumburg zurück. Aus ersten Kontakten, gegenseitigen Einladungen und persönlichen Gesprächen sei über die Jahre eine feste Tradition geworden. Diese Entwicklung zeige, wie wichtig es sei, Vertrauen aufzubauen und Beziehungen kontinuierlich zu pflegen.

Farr erinnerte daran, dass große gesellschaftliche Herausforderungen nur gemeinsam bewältigt werden können. Die Corona-Pandemie habe ebenso wie Krisen durch Naturkatastrophen, längerfristige Stromausfälle oder Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur deutlich gemacht, wie sehr Menschen und gesellschaftliche Bereiche aufeinander angewiesen sind. Ob Gesundheitsversorgung, Wirtschaft oder soziales Leben: Zusammenhalt und Vertrauen seien unverzichtbar.

Seine zentrale Botschaft brachte Farr mit einer klaren Aussage auf den Punkt: „Wenn wir die Gruppenvielfalt bewusst wahrnehmen und gestalten, dann ist das eine positive politische Kraft für unsere Gesellschaft. Dann wächst Vertrauen, dann wächst Sicherheit.“

Dialog heißt auch, Unterschiede offen anzusprechen

Ein gelingender Dialog bedeute nach Farr nicht, bestehende Unterschiede zu verschweigen oder zu übergehen. Vielmehr komme es darauf an, diese offen anzusprechen, die jeweiligen Positionen zu erläutern und einander mit Respekt zu begegnen. Nur so könnten Verständnis und Vertrauen entstehen. Eine wichtige Grundlage dafür seien gemeinsame Werte wie Frieden, Gerechtigkeit und Fürsorge, auf die sich Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit verständigen könnten.

Zugleich warb Farr dafür, interreligiöse Begegnungen nicht auf einen jährlichen Termin zu beschränken. Die Religionsgemeinschaften sollten sich vielmehr auch im Alltag gegenseitig besuchen, bestehende Kontakte pflegen und den Austausch kontinuierlich fortsetzen. Denn ein dauerhaftes Miteinander entstehe nicht durch einzelne Begegnungen, sondern durch regelmäßigen persönlichen Kontakt. Auf diese Weise könne religiöse Vielfalt zu einer lebendigen und positiven Kraft für das gesellschaftliche Zusammenleben werden.

Friedenswünsche und Begegnungen, die verbinden

Musikalisch gestaltet wurde der Abend vom Jugendchor St. Martini und von Armağan Can Kaplan an der Bağlama. Ein besonderer Moment war das gemeinsame Friedensgebet: Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen brachten ihre Wünsche für den Frieden ein. Im Anschluss daran war die interreligiöse Gemeinschaft eingeladen, Friedenslichter zu entzünden. Stella Perevalova begleitete diesen Teil am Klavier und gab dem vielfachen Austausch an den zahlreichen Gesprächsstationen im weiten Kirchenraum der St. Martini-Kirche einen stimmungsvollen Rahmen. So wurden bei gemeinsamen Essen nicht nur kulinarische Spezialitäten ausgetauscht, sondern auch Begegnungen vertieft und neue Kontakte zu geknüpft.

Der Abend machte deutlich: Zusammenhalt setzt nicht voraus, dass alle gleich denken oder glauben. Er wächst durch Offenheit, gegenseitiges Zuhören und die Bereitschaft, die eigene Perspektive zu hinterfragen. Gerade in Zeiten, in denen Ausgrenzung und Vorurteile zunehmen, sind solche Begegnungen wichtig.

Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern eine Chance. Interreligiöser Dialog zeigt, dass Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen gemeinsam Verantwortung übernehmen können – für Frieden, Demokratie und eine gerechtere Welt.

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