Malawi: Mehr als nur ein Forschungsgegenstand

Hermannsburg. Gertje Ley hat einen tiefen Einblick in das Bildungssystem Malawis, und in dessen Gefängnisse. Was beides miteinander zu tun hat, davon erzählte die Afrikanistin und Politologin in einem persönlichen, wunschgeleiteten Vortrag im Hermannsburger Ludwig-Harms-Haus.

„Was ich dir wünsche, Malawi“ – schon der Titel des Abends machte deutlich, wie sehr hier der Forschungsgegenstand ihrer Masterarbeit mit ihrer eigenen Biografie verknüpft ist. Seit ihrem Freiwilligendienst für das Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM), das sie 2008 nach Malawi entsendete, empfindet sie eine tiefe Zuneigung zu dem südostafrikanischen Land und deren Menschen. Seitdem besuchte sie regelmäßig das Land, so auch zu Forschungsarbeiten für ihre Masterarbeit, die von der „Ellen und Karl-Heinz Hornhues Stiftung: Pro Afrika“ ausgezeichnet wurde. Darin setzte sie sich mit der Menschenrechtssituation in den Gefängnissen Malawis auseinander. Initialzündung war die Verhaftung einer Freundin, der Menschenrechtsaktivistin Habiba Osman, im Jahr 2012. Hier erhielt sie erste Einblicke in die malawischen Polizeizellen und das Gefängnissystem.

Schockiert über die Verhältnisse dort, begann sie die Situation von Menschen im malawischen Strafvollzug zu untersuchen. Deren Chancen auf Bildung seien denkbar schlecht, so Gertje Ley. Für junge Menschen gebe es in Malawi zwar freien Grundschulunterricht und ein in der Verfassung garantiertes Recht auf Bildung, aber in den Gefängnissen gebe es keine staatliche schulische Versorgung für straffällig gewordene Jugendliche. Lediglich Nichtregierungsorganisationen böten Bildungsprogramme und Regelbeschulung in den Gefängnissen an und würden diese auch mit den staatlichen Prüfungen abschließen.

Auffällig sei, dass 99 Prozent der Insassen männlich seien, die zum Teil schon wegen geringfügiger Vergehen einsäßen und das, aufgrund der langen Wartezeiten bis zu einem Verfahren, oft ohne verurteilt zu sein. Frauen würden in der Regel für die gleichen Vergehen viel seltener und meist nur für Kapitalverbrechen inhaftiert, so Ley. Grund: sie fehlten sonst zur Versorgung der Familie.    

Aber auch der Unterschied zwischen verurteilten Insassen und nicht verurteilten sei eklatant. Die an der einheitlichen Anstaltskleidung erkennbaren Verurteilten würden versorgt, während Nichtverurteilte von den Angehörigen versorgt werden müssten.                

Gertje Ley, die selbst in der Vergangenheit Musikunterricht in einem der Jugendgefängnisse gab, zeichnete insgesamt ein düsteres Bild von den Bildungsperspektiven junger inhaftierter Menschen. Aber auch außerhalb der Mauern gebe es großen Nachholbedarf in Sachen Bildung. Darum wünsche sie sich für Malawi, dass das Recht auf Bildung nicht nur auf dem Papier existiere. Vor allem wünsche sie sich eine bessere Ausstattung für die staatlichen Schulen und eine bessere Qualifizierung der Lehrkräfte. Darüber hinaus, wünsche sie sich, dass auch die weiterführenden Schulen kostenlos seien, damit der Zugang zu Bildung und Ausbildung allen offen stehe.

Gertje Ley beeindruckte bei ihrem Vortrag, der im Rahmen der aktuellen Fotoausstellung „Zeig mit Deine Zukunft. Malawi – Deutschland. Bildung in Momentaufnahmen“ stattfand, nicht nur durch große Sachkenntnis, sondern auch durch ihr reiches Erfahrungswissen über das Land, das sie mit Empathie seit Jahren begleitet. Gleichzeitig wird an ihrer Biografie deutlich, wie prägend ein „Seitenwechsel“ sein kann, so wie ihn das gleichnamige Freiwilligenprogramm des ELM jungen Erwachsenen jedes Jahr ermöglicht. Heute arbeitet Gertje Ley als stellvertretende Einrichtungsleiterin in der Flüchtlingshilfe des Malteser Hilfsdienstes.

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