Fremde willkommen heißen

Selbstverpflichtung von Religionsführerinnen und Religionsführern

Einer der zentralen Werte meines Glaubens ist, die Fremde, den Flüchtling, die Binnenvertriebene, den Anderen willkommen zu heißen. Ich behandle ihn oder sie, wie ich selbst behandelt werden möchte. Ich werde Andere, ja auch die Verantwortlichen meiner Glaubensgemeinschaft dazu anhalten, sich ebenso zu verhalten.

Gemeinsam mit Religionsführerinnen und Religionsführern, religiösen Organisationen und Weltanschauungsgemeinschaften in der ganzen Welt bekräftige ich:

Ich werde Fremde willkommen heißen.

Mein Glaube lehrt mich, dass Mitgefühl, Barmherzigkeit, Liebe und Gastfreundschaft allen Menschen gelten: dem Einheimischen und der Fremden, dem Mitglied meiner Gemeinschaft und dem Neuling.Ich werde mir bewusst machen und die Mitglieder meiner Gemeinschaft daran erinnern, dass wir alle irgendwo als „Fremde“ gelten, dass wir den Fremden in unserer Gemeinschaft so begegnen sollten, wie wir wünschen, dass man uns begegnet. Und nicht hinnehmen werde ich Intoleranz.Ich werde mir bewusst machen und andere in meiner Gemeinschaft daran erinnern, dass niemand sein Heimatland grundlos verlässt: Viele müssen fliehen, weil sie verfolgt werden, Gewalt oder Ausbeutung erleiden; andere wegen einer Naturkatastrophe, wieder andere aus Liebe zu ihrer Familie, der sie ein besseres Leben ermöglichen möchten.Ich erkenne an, dass jede und jeder Einzelne als Mensch Anspruch auf Würde und Achtung hat. Alle Menschen in meinem Land, auch die Fremden, unterstehen seinen Gesetzen und niemand sollte Feindseligkeit oder Diskriminierung ausgesetzt sein.Ich bin mir bewusst, dass es manchmal Mut erfordert, Fremde willkommen zu heißen, aber die Freude und Hoffnung, die daraus erwachsen, überwiegen die Risiken und Probleme. Ich werde jene unterstützen, die Mut zeigen, wenn sie Fremde aufnehmen.Ich werde mich Fremden gegenüber gastfreundschaftlich erweisen, denn das bringt Segen über meine Gemeinschaft, meine Familie, die Fremden und mich.Ich werde die Tatsache respektieren und anerkennen, dass Fremde einer anderen Religion angehören oder andere Glaubensüberzeugungen vertreten als ich und andere meiner Gemeinschaft.

Ich werde das Recht der Fremden achten, den eigenen Glauben ungehindert auszuüben. Ich werde danach streben, einen Raum zu schaffen, wo sie frei Gottesdienst und Gebete feiern können.

Ich werde von meinem eigenen Glauben sprechen, ohne den Glauben anderer abzuwerten oder zu verspotten.Ich werde Brücken bauen zwischen den Fremden und mir. Durch mein Vorbild werde ich andere ermutigen, ebenso zu handeln.Ich werde mich bemühen, Fremden nicht nur gastfreundlich zu begegnen, sondern ihnen auch aufmerksam zuzuhören und mich in meiner Gemeinschaft für Verständnis und Gastfreundschaft einsetzen.Ich werde die Stimme erheben, damit Fremden soziale Gerechtigkeit zuteilwird, genau wie ich dies für andere Angehörige meiner Gemeinschaft tue. Wo ich in meiner Gemeinschaft in Wort oder Tat Anfeindungen gegenüber Fremden erlebe, werde ich dies nicht übersehen, sondern stattdessen darauf bedacht sein, Dialog und Frieden zu fördern.Ich werde nicht schweigen, wenn ich erlebe, dass andere, auch Leitungsverantwortliche meiner Glaubensgemeinschaft, negativ über Fremde reden, über sie urteilen, ohne sie kennenzulernen, oder wenn ich sehe, dass ihnen Unrecht getan wird, sie ausgeschlossen oder unterdrückt werden.Ich werde meine Glaubensgemeinschaft ermutigen, gemeinsam mit anderen Glaubensgemeinschaften und religiösen Organisationen zusammenzuarbeiten, wenn es darum geht, bessere Möglichkeiten für die Unterstützung der Fremden zu finden.Ich werde Fremde willkommen heißen.

Grundprinzipien

Der Aufruf, „Fremde willkommen heißen“, ihnen also Schutz und Gastfreundschaft zu gewähren, und Fremde oder Angehörige anderer Glaubensrichtungen zu achten und als gleichwertig zu behandeln, ist in allen großen Religionen tief verwurzelt.

In den Upanishaden bringt das Mantra Atithi devo bhava oder „der Gast wird verehrt wie Gott“ die grundlegende Bedeutung der Gastfreundschaft in der hinduistischen Kultur zum Ausdruck. Eine zentrale Stellung im hinduistischen Dharma oder Gesetz haben die Werte Karuna (Mitgefühl), Ahimsa (Gewaltlosigkeit gegenüber allen Menschen) und Seva (Bereitschaft, der Fremden und dem unbekannten Gast zu dienen). Hilfsbedürftigen Fremden Nahrung und Unterkunft zu bieten, war traditionell die Pflicht des Haushaltsvorstands, die nach wie vor vielfach praktiziert wird. Darüber hinaus kann Dharma als Konzept für die Pflichterfüllung verstanden werden, einschließlich der Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft, die umgesetzt werden sollte unter Beachtung von Werten wie Gewaltlosigkeit und dem selbstlosen Dienst um des Gemeinwohls willen.

Die Tripitaka misst der Pflege von vier Geisteshaltungen große Bedeutung bei: Metta (liebevolle Güte), Mudita (Mitfreude), Upekkha (Gleichmut) und Karuna (Mitgefühl). In den vielfältigen buddhistischen Traditionen stellt Karuna durchgängig einen wesentlichen Grundsatz dar. Er umfasst die Eigenschaften der Toleranz, Gleichbehandlung, Integration und des Mitfühlens mit dem Leiden anderer – parallel zu dem zentralen Platz, den das Mitgefühl in anderen Religionen einnimmt.

Die Tora spricht 36 Mal von der Achtung „der Fremdlinge“. Im Buch Levitikus wird einer der wesentlichen Glaubenssätze des Judentums formuliert: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ (Levitikus 91,33f.) Weiterhin legt die Tora fest: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid.“ (Exodus 33,1)

Das Matthäusevangelium (32,32) richtet den Ruf an uns: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen…“ Im Hebräerbrief (93,9f.) wiederum lesen wir: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Als der Prophet Mohammed aus Mekka floh, weil er verfolgt wurde, suchte er in Medina Zuflucht, wo er willkommen geheißen wurde. Die Hidschra oder Auswanderung des Propheten steht symbolisch für den Wegzug aus Ländern, in denen Unterdrückung herrscht, und die Gastfreundschaft, die ihm entgegengebracht wurde, gibt das islamische Modell des Flüchtlingsschutzes vor. Der Heilige Koran ruft dazu auf, den/die Asylsuchende/n oder Musta‘min, egal ob muslimischen Glaubens oder nicht, zu schützen; die Sicherheit dieser Menschen ist unumstößlich garantiert unter dem Rechtsinstitut des Aman (Gewährung von Sicherheit und Schutz). In der Sure Al-Anfál heißt es: „…jene, die Herberge und Hilfe gaben – diese sind in der Tat wahre Gläubige. Ihnen wird Vergebung und eine ehrenvolle Versorgung.“ (8,43)

Die Zahl der Flüchtlinge und Binnenvertriebenen weltweit bewegt sich im zweistelligen Millionenbereich. Unser jeweiliger Glaube mahnt uns, eingedenk zu sein, dass wir alle Migrantinnen und Migranten auf dieser Erde sind, hoffnungsvoll gemeinsam unterwegs.

Hintergrund

Im Dezember 2012 organisierte der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, António Guterres, einen Dialog mit Religionsführerinnen und Religionsführern, humanitären Organisationen, die aus dem Glauben heraus handeln, Wissenschaftler_innen und Vertreter_innen von Staaten weltweit zum Thema „Glaube und Flüchtlingsschutz“. In seiner Eröffnungsrede stellte der Hohe Flüchtlingskommissar fest: „…die Wertesysteme aller großen Religionen vertreten Humanität, Fürsorge und Achtung sowie die Tradition, Menschen in Gefahr Schutz zu gewähren. Die Grundsätze des modernen Flüchtlingsrechts haben ihre ältesten Wurzeln in diesen historischen Texten und Traditionen.“ Zum Abschluss dieser wegweisenden Veranstaltung unterstützte der Hohe Flüchtlingskommissar eine Empfehlung zur Erarbeitung eines Verhaltenskodex für Leitungsverantwortliche der Religionen, der die gastfreundliche Aufnahme von Migrant_innen, Flüchtlingen und anderen gewaltsam vertriebenen Menschen sowie das gemeinsame Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit festschreibt.

Als Reaktion auf diesen Aufruf formulierte zwischen Februar und April 2013 eine Gruppe von führenden humanitären Organisationen und akademischen Einrichtungen aus dem religiösen Bereich (darunter HIAS, Islamic Relief Worldwide, der Jesuiten-Flüchtlingsdienst, der Lutherische Weltbund, das Oxford Centre for Hindu Studies, Religions for Peace, die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien, der Ökumenische Rat der Kirchen, die Weltweite Evangelische Allianz und World Vision International) das vorliegende Dokument „Fremde willkommen heißen – Selbstverpflichtungen von Religionsführerinnen und Religionsführern“. Es wurde bereits auch ins Arabische, Chinesische, Französische, Hebräische, Russische und Spanische übersetzt und inspiriert Leitungsverantwortliche aller Religionen, „Fremde willkommen zu heißen“ und ihnen Würde, Achtung und liebevolle Unterstützung entgegenzubringen. Weltweit werden Glaubensgemeinschaften das Dokument und die zugehörigen Handreichungen als praktische Instrumente nutzen, um die Hilfeleistung für Flüchtlinge und andere Vertriebene in ihrer Gemeinschaft zu fördern.

 

 

ELM Aktuell

Projekt

Projekt des Monats - Sicheren Raum zum Spielen

Ludwig- Harms-Haus

Ludwig-Harms-Haus in Hermannsburg

Fachhochschule

Fachhochschule für interkulturelle Theologie

ELM Service