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Südafrika/Indien: ELMinar „Bildung in Zeiten von Corona“

Am 3. Dezember 2020 lud das ELM zu einem „ELMinar“ (Online-Videoaustausch) zu den Folgen für die Bildung in Südafrika und Indien ein. ELM-Direktor Michael Thiel fasst die Berichte prägnant zusammen: „Die Corona-Pandemie ist wie ein Brennglas: Wir sehen Dinge schärfer, als wir sie ohne Corona bisher gesehen haben. Und zugleich die Misere, dass zu wenig Geld für Bildung ausgegeben wird – wobei sich Indien und Südafrika da nicht von Deutschland unterscheiden.“

Konkret berichtete Dr. Gudrun Löwner, die seit 2012 im Auftrag des ELM als Professorin am United Theological College in Bangalore arbeitet, über die Situation des Bildungswesens in Indien: „Die meisten Schulen sind seit März geschlossen. Die Bildungschancen für ärmere Schichten der Bevölkerung haben sich deutlich verschlechtert. Kinder, die bisher schlechte Chance hatten, haben nun noch schlechtere.
Um darüber hinwegzutäuschen, werden in den Schulen keine Prüfungen abgelegt – somit haben alle das Schuljahr erfolgreich absolviert.

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Indien: Sieben Prozent des Einkommens für Bildung

Jeder Haushalt gibt durchschnittlich 7 Prozent des Einkommens für Bildung aus. Das liegt daran, dass viele ihre Kinder in private Schulen schicken (zu denen auch viele kirchliche gehören). Dort wird zumeist in Englisch unterrichtet – anders als in den staatlichen Schulen, wo der Unterricht in den Muttersprachen stattfindet. Angesichts der hohen Ausgaben können sich aber nicht alle leisten, noch weiteres Geld in notwendige digitale Infrastruktur zu geben, um Rechner, Handys u.a. anzuschaffen.

Viele Kinder der Ärmsten kamen in die Schule, weil es dort kostenloses Essen gibt. Nun müssen diese Kinder zuhause ernährt werden. Darum schicken viele Eltern ihre Kinder arbeiten, um mit für die Familie zu sorgen. Kinder sind billige Arbeitskräfte im Haushalt, auf Feldern und kleinen Firmen (zum Kleben von Tüten oder Herstellen von Armreifen aus Glas). Und weil Prostitution in Indien illegal ist, werden auch sexuelle Dienstleistungen nicht erfasst.

Auch für ältere Kinder besonders bei Dalit, Angehörige indigener Gruppen und Student*innen aus armen Familien fehlt der Zugang zu Bildung – sie haben keine Rechner, (stabilen) Zugang zum Internet usw. Zuhause fehlen auch Bücher, der Zugang zur Bibliothek usw. Diese Probleme waren auch vor Corona schon vorhanden, wirken jetzt aber verstärkt zum Nachteil der Betroffenen.“

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Auch in Südafrika ist digitales Lernen eine Herausforderung

Dr. Joe Lüdemann, regionaler Repräsentant des ELM für das Südliche Afrika, bestätigt viele der Aspekte in ähnlicher Weise für die Situation in Südafrika: „In der Bevölkerung herrschte angesichts der Bilder aus Norditalien zunächst Angst. Viele Eltern fragten sich, ob sie das Leben ihrer Kinder gefährden, wenn sie sie in die Schule schicken. Ab Ende März gab es dann einen strengen Lockdown, bei dem Schulen für Monate geschlossen waren.
Die Hochschulen in den Zentren haben sehr schnell die Vorlesungen online fortgesetzt – von Seiten der Universitäten gelang das fast übergangslos. Allerdings hatten Studierende oftmals Schwierigkeiten, die Angebote wahrnehmen zu können.
Auf dem Papier gab es mit Fernseh- und Radioangeboten viele Angebote – allerdings nur in Englisch und nicht in allen 11 offiziellen Sprachen. Auch sonst wurde der „digitale Graben“ zwischen denen deutlich, die digitale Angebote nutzen können und denen, die es nicht können. Staatliche Schulen haben keinerlei Tablets oder ähnliches anbieten können. Und es fehlt vielen auch am technischen Wissen, mit Funktionen von Zoom oder anderen Programmen umzugehen. Die Zahl von Haushalten mit gutem Internetzugang von lediglich bis zu 3,5 Prozent zum Beispiel in der Provinz Limpopo zeigt die Dringlichkeit des Netzausbaus.

Je länger die Schulen geschlossen blieben, desto schwieriger wurde es. Es zeigt sich, dass die Einstellung zum Lernen gelernt werden muss und nicht alle Schüler*innen selbstständig lernen können. Die Schulschließungen stellten bald ein moralisches Dilemma für den Staat dar: Die Schließungen bringen Kinder in Gefahr – weil Schulen ein sicherer Aufenthaltsort sind, besonders für Kinder ohne oder mit ganztägig berufstätigen Eltern usw. Ebenso litten gerade diese Kinder unter der mit der Schulschließung einhergehenden Aussetzung der Schulspeisungen.

Privatschulen in Südafrika sind oft teuer – aber anders als viele wenig ausgestattete staatliche Schulen nicht nur ein sicherer Abgabeort, sondern auch Lernort. Was das bedeutet: 78 Prozent der Kinder in der 4. Klasse staatlicher Schulen können zwar lesen, verstehen aber nicht, was sie lesen. An Privatschulen liegt dieser Anteil bei lediglich 10 Prozent.

Corona hat auch Fragen des Rassismus wieder bewusst gemacht. Trotz der Durchdringlichkeit der sozialen Schichten sind die meisten weißen Familien eher abgesichert – viele afrikanische Familien aber im Nachteil. Ihre Kinder trauten sich aus Angst vor Infektion nicht in die Schule – viele weiße Familien brauchten sie gar nicht zu schicken, weil sie die digitalen Angebote wahrnehmen konnten.

Dazu kamen Berichte ehemaliger Schüler*innen von reicheren Schulen aus den ersten Tagen der Öffnung für alle Hautfarben. So glanzvoll sei das wohl im Alltag dann nicht gewesen. Insofern hat die Corona-Pandemie auch demaskierend gewirkt.“

Beide schildern zum Ende des ELMinars die zunehmende Kommerzialisierung von Bildung, die Reichen eher zur Verfügung steht. Erst langsam werden Bildungssystem und Lehrpläne hinterfragt und überlegt, wie es zu einer Entkolonialisierung von Bildung kommen kann. Während Hochschulen bereits verstärkt auch kritisches Denken fördern, verändert sich die Situation in den allgemeinbildenden Schulen nur langsam. So bleibt die Herausforderung, Lernprinzipien zu entwickeln, die aus jungen Menschen selbstständig denkende kritische Menschen wachsen lassen.

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