Gottes Geist überwindet Grenzen - Geistlicher Impuls für den 29. Mai 2020

Fernando ist 56 Jahre alt und lebt in Brasilien. Er hat zwei Kinder. Sie sind fünf und sieben Jahre alt. Fernando hat keine feste Arbeitsstelle und muss jeden Tag sehen, wo er etwas verdienen kann.

Seit der Corona-Krise ist es schwierig für ihn geworden. Die Ungewissheit was morgen sein wird, ist zur Sorge vieler Menschen geworden, auch für Fernando. Er erzählt: „Auf den Straßen sind viel weniger Menschen unterwegs. Man empfiehlt uns zuhause zu bleiben. Das heißt: an manchen Tagen können wir nicht arbeiten und dann verdiene ich auch nichts. An diesen Tagen habe ich nichts, was ich meinen Kindern zu essen geben kann. Dazu kommt noch die Miete. Wovon soll ich das alles bezahlen? Ich bin verzweifelt.“

So wie Fernando geht es etwa 40 Millionen Menschen in Brasilien, die ohne feste Anstellung ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Es sind Männer und Frauen, die an den Stränden und auf der Straße Kokosmilch, Popcorn oder Kunsthandwerk verkaufen. Sie liefern Bestellungen aus oder arbeiten als fliegende Händler. Sie sind von den Auswirkungen der Krise ganz besonders betroffen.

Am Sonntag ist Pfingsten. Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes, der Geburtstag der Kirche; Pfingsten ist Freude an Gottes Mission. Was an diesem Pfingsttag geschah, war etwas Wunderbares: Menschen aus den unterschiedlichsten Völkern hörten das Evangelium in ihrer eigenen Sprache. Menschen, begnadet mit dem Geist Gottes, hörten und empfingen die gute Nachricht der Errettung, wie der Prophet es angekündigt hatte: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“ (Sacharja 4,6b)

Schon jetzt können wir etwas von der Hoffnung dieses Pfingstwunders aufblitzen sehen. Inmitten der Pandemie entstehen Aktionen, die zu einer Stimme der Gerechtigkeit werden, zu Netzwerken der Solidarität und des Schutzes des Lebens.

Für viele Kinder und Jugendliche in Brasilien z.B. ist die einzige Mahlzeit des Tages diejenige, die sie in der Schule und in den sozialen und diakonischen Projekten, in denen sie betreut werden, erhalten. Als alle Aktivitäten eingestellt werden mussten, haben sich Menschen organisiert, um während der Zeit der Isolierung Nahrungsmittel zu sammeln und an die bedürftigsten Familien zu verteilen. Ebenso haben sich in den Gemeinden der lutherischen Kirche die Frauen von zu Hause aus organisiert, um Schutzmasken anzufertigen und sie an Gesundheitsämter und öffentliche Krankenhäuser in der Stadt zu verteilen.
Eine andere Hoffnungsaktion in einigen lutherischen Gemeinden ist die Bitte an die Mitglieder jeden Tag zwei Personen anzurufen und ihnen ein Wort der Ermutigung und Hoffnung zuzusprechen und sich zu erkundigen, wie es ihnen geht und ob sie etwas brauchen.

Auch wenn wir Menschen für einige Wochen, wahrscheinlich sogar für Monate körperliche Nähe vermeiden müssen und getrennt voneinander sind, so sind wir doch durch zahlreiche Gesten miteinander verbunden.

Diese und noch viele weitere Beispiele zeigen, dass Mitgefühl und Solidarität weiterhin vorhanden sind.

Gerade in Zeiten, in denen die Krise unseren Frieden und unsere Würde bedroht, erwarten die Menschen um uns herum, dass wir den Glauben, der uns bewegt, zur Sprache bringen. Sie erwarten, dass wir die Liebe Gottes durch unsere Taten zum Ausdruck bringen. Gottes Liebe in uns muss in der Gesellschaft als ein „Echo“ der Liebe Gottes wahrnehmbar werden. „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr.“ (Sacharja 4,6b).

Wir hoffen und beten, dass Pfingsten auch in diesem Jahr eine Zeit der Verwandlung und der Veränderung der Gemeinschaft sei.

Deshalb rufen wir: Komm, Heiliger Geist!

(ein Impuls von Indra Grasekamp ELM-Referentin Weltweite Spiritualität, die einen Text ihrer brasilianischen Kollegin Carmen Siegle bearbeitet hat. Übersetzung des Ursprungstextes: Kurt Herrera) 

Heilger Geist, du Tröster mein - Geistlicher Impuls für den 28. Mai 2020

„Heilger Geist, du Tröster mein“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 128)

Dieses Lied ist das Wochenlied für diese Woche. Wir sind in der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Der auferstandene Christus ist im Himmel entschwunden und nicht mehr für die Menschen auf der Erde sichtbar und der göttliche Geist ist versprochen. Wir sind in einer Zeit dazwischen. Wir sind im „Noch nicht“ und dem „Schon jetzt“. In dieser Spannung, zwischen Warten und Erwartung, bewegen wir uns. Im Kirchenjahr ist das gerade jetzt besonders intensiv und wird durch viele Heilig-Geist-Lieder zum Ausdruck gebracht.

Mich hat das Kirchenlied angeregt ein kleines Gedicht zu schreiben. Wenn Sie mögen, können Sie dem Gedicht gerne meditativ nachgehen. Zünden Sie eine Kerze an. Werden Sie einen Moment ruhig und achten nur auf Ihren Atem. Beginnen Sie mit dem Lied. Dann können Sie entweder abwechselnd Lied- und Gedichtstrophen rezitieren oder sie suchen sich nur eine Gedicht-Strophe aus, die sie im Moment besonders anspricht und enden am Schluss mit einer Liedstrophe.

Unter diesem Link können Sie das Lied anhören. Es singt das Ensemble Vocifer, Evangelisches Stift Tübingen: 

https://www.lieder-vom-glauben.de/evangelisches-gesangbuch-eg-wue-nr-128/ 

Lied: Heilger Geist, du Tröster mein

Heiliger Geist,
der du mich tröstest.
In den Stunden,
die mir dunkel sind.
Heiliger Geist,
meine Erfahrung des Glaubens
ganz persönlich.
Besungen und erhofft
seit Jahrhunderten.
Komm zu uns herab.

Lied: Heilger Geist, du Tröster mein

Heilige Geistkraft,
die du mich leitest.
Sanft wie ein Windhauch,
aber klar in der Richtung.
Heilige Geistkraft,
die du mir Kraft schenkst,
in Momenten,
wo ich ohne Mut bin
und mich ohnmächtig fühle.
Komm und breite dich in uns aus.

Lied: Heilger Geist, du Tröster mein

Heiliges Geistwesen
du bist die ewige Quelle
meines Glaubens,
du bist das Füllhorn
aus dem ich mich immer wieder geistlich nähre.
Du begleitest mich
im Alltag und
am Festtag.
Jeden Tag.
Komm und stärke uns.

(ein Impuls von Gabriele de Bona ELM-Referentin Gender International, Ökumenische Zusammenarbeit Äthiopien) 

Alles, was geschieht, geschieht zum Besseren - Geistlicher Impuls für den 27. Mai 2020

Ich liebe Sprachen. Sie sind wie Blumen – jede ist einzigartig und schön. Und wie oft ich es bedauere, dass noch keine Technik erfunden wurde, mit der man die Blumen nicht nur als Foto oder Video,  sondern auch in ihrem Duft festhalten könnte – um ihn später noch einmal zu genießen oder mit lieben Menschen in der Ferne zu teilen. So ist es auch mit den Sprachen. Oft gleicht die Übersetzung nur dem Foto oder dem Video. Um den „Duft“ der Sprache genießen zu können, muss man sie selbst erkunden…

Ich liebe auch Sprichwörter, Redewendungen, Zitate und kluge („geflügelte“) Worte. Sie helfen mir in verschiedenen Lebenssituationen, heitern auf, motivieren und schaffen Gedankenklarheit.

Einer meiner Lieblingssprüche ist in der russischsprachigen Welt sehr bekannt – „Alles, was geschieht, geschieht zum Besseren“ (Все, что ни случается, все к лучшему). Und weil ich dieses Sprichwort neulich schon wieder bestätigt sah, überkam mich die Neugier herauszufinden, woher dieser Spruch eigentlich kam. Neben der Version, dass dies eine Paraphrase des Philosophen und Mathematiker G. W. Leibniz sei, die durch Voltaire bekannt wurde, fand ich im Internet auch eine ganze Reihe von Gedichten, Geschichten und Parabeln zu dieser Redewendung. Hier ist eine davon:

Es war einmal ein König und er hatte einen Berater, der sehr an Gott glaubte. Was auch immer geschah, der Berater wiederholte immer wieder:
- Was auch immer geschieht, geschieht zum Besseren. Gott macht alles sehr gut und weise: Wenn wir etwas erreichen – ist es gut, wenn nicht – ist es noch besser.
Wenn beim König etwas nicht wie geplant lief, sagte der Berater immer:
- Es ist zum Besseren!
In solchen Momenten hörte der König ihm nicht gerne zu:
- Es kann doch nicht sein, dass wenn etwas Schlimmes passiert und wir einen Misserfolg erleben, dass das alles zu unserem Besseren ist?
Einmal gingen sie im Wald spazieren und unterhielten sich, als sie unbemerkt tief in ein Dickicht gerieten. Der König begann nach einem Weg zu suchen und trat auf einen Dorn einer sehr giftigen Pflanze. Ohne zu zögern zog der Berater einen Dolch heraus, schnitt den Zeh, in dem der giftige Stachel steckte und sagte:
- Wie gut Gott alles geregelt hat!
Der König war wütend:
- Du hast mir gerade einen Zeh abgeschnitten, wie kann das gut sein?
Der Berater antwortete:
- Hätte ich Euch nicht den Zeh abgeschnitten, hätte sich das Gift in Eurem ganzen Körper verteilt und Ihr wäret gestorben.
Der König ließ sich durch diese Worte nicht beruhigen, und jagte den Berater fort und sagte, er wolle ihn nie mehr sehen oder hören.
Der König ging allein weiter und versuchte, aus dem Dickicht herauszukommen. Doch leider veranstaltete gerade an diesem Ort ein sehr grausamer Stamm von Wilden ein Fest, für das ihnen noch eine geeignete Opfergabe fehlte. Der König wurde gefangen genommen und zum Altar geführt. Die Wilden begannen, sich auf das Ritual vorzubereiten. Doch plötzlich, für den König unerwartet, ließen sie ihn gehen und schrien unzufrieden: Die Opfergabe war unvollständig, ihr fehlte ein Zeh!
Verängstigt aber lebendig kam der König in den Palast und rief sofort den Berater zu sich. Der König überreichte dem Berater großzügige Geschenke und fragte ihn:
- Du hast kluge Dinge gesagt, aber erklär mir, was daran gut war, dass ich dich damals im Wald weggejagt habe?
Darauf antwortete der Berater:
- Es war sehr gut, o König, dass Ihr mich weggejagt habt: Wäre ich bei Euch geblieben, hätten die Wilden Euch gehen lassen und mich behalten.
Seitdem begann der König auch an die Weisheit des göttlichen Plans zu glauben.

Vielleicht meinen Sie, es ist ein Kindermärchen? Ja, mag sein. Aber für mich beschreibt diese Parabel auf heitere Weise genau das, was ich immer wieder – und jedes Mal aufs Neue überrascht - feststelle: in Allem gibt es einen Sinn, auch wenn wir ihn nicht sofort erkennen oder verstehen. Gott hat einen Plan für uns, einen guten Plan. Wir müssen ihn nicht begreifen, wir müssen darauf vertrauen. In einer schwierigen Situation sollen wir versuchen, uns nicht zu ärgern, vor Zweifel zu zerbrechen oder aufzugeben. Wir sollen dagegen versuchen, die Situation so anzunehmen, wie sie ist und mit Zuversicht nach vorne zu schauen und weiterzumachen. Weiterzuleben, nicht aufzugeben. Alles hat seinen Sinn, alles, was geschieht, geschieht zum Besseren - Gott hat einen Plan für uns.

(ein Impuls von Marina Gruel-Dovner, ELM-Teamassistenz Internationale kirchliche Zusammenarbeit)

Nach Corona wird alles anders, oder? - Geistlicher Impuls für den 20. Mai 2020

„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Amos, 5,24

„Ja genau!“, entfährt es mir leise seufzend, als ich diesen Satz des alttestamentarischen Propheten Amos lese, während entspannt meine linke Hand auf der Rundung meines Wohlstandsbauches ruht. Schön wäre, denke ich, wenn sich einiges ändern würde, nach diesem Corona-Spuk, und sich die Politik dadurch eines Besseren belehren ließe und den Erfolg unseres Wirtschaftens nicht mehr an den Verlaufskurven unseres Aktienhandels bemäße und an den Dividenden der Aktionär*innen. Schön wäre, wenn Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit zum Entscheidungskriterium für unser Einkaufsverhalten werden würde! Das (und ich spüre, wie sich der Zeigefinger meiner rechten Hand gen Zimmerdecke streckt) wäre eine Revolution.

Wenn es mal so einfach wäre: Wir stopfen uns die Bäuche voll mit Dingen, für die Menschen sich für Billiglohn verkaufen müssen, dafür kaufen wir dann auch mal den fair gehandelten Orangensaft oder den etwas teureren Kaffee von fairtrade, um dann beim abgepackten Schweineschnitzel zuzuschlagen, weil sie so richtig schön billig ist die Bio-Marke vom Discounter. Und natürlich können wir dann wie aus dem ff den aktuellen Warentest zitieren, der diesem Fleisch dann auch noch die Absolution erteilt und dem Unternehmen attestiert: Hier ist der Kunde noch König! Und während dieser mit seinem vollgepackten Einkaufswagen zur Kasse schiebt, hat der ein gutes Gewissen, mal wieder billig und fair eingekauft zu haben. Und weil billig geil ist, möchten wir natürlich, dass das auch so bleibt.

Und dann lese ich von weltweit fallenden Erzeugerpreisen und dass Tagelöhner und Bauern in den sogenannten Entwicklungsländern praktisch nix mehr verdienen, womit sie ihre Familien ernähren können. Ich lese von Schuldknechtschaft und Lohnsklaverei, von Kindern als menschliche Ersatzteillager, von Zwangsprostitution, davon, dass  Menschen selbst zu Menschenhändlern oder Schleppern werden und endlich an denen verdienen, die noch weniger haben und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben fernab von ihrem Zuhause suchen, die meisten tatsächlich in der Region, vergleichsweise wenige in Europa. Und wenn sie es tatsächlich lebend etwa bis Deutschland geschafft haben, treffen sie hier dann auf Menschen, die sich mit Billigjobs über Wasser halten müssen. Und weil sich beide – Migrant*innen und die sozial Abgehängten  – das Bio-Schnitzel und die Öko-Gurke nicht leisten können, steuern sie mit dem Einkaufswagen bei Aldi, Lidl oder Penny an den Produkten für Besserverdienende vorbei, auf die Cent-Schnäppchen zu und hauen sich selbst dabei in die Pfanne – denn die 5 Prozent chinesische, afrikanische, südamerikanische oder europäische Sklaverei, die in jedem Produkt stecken können, wie der amerikanische  Soziologe und Sklaverei-Experte Kevin Bales schon vor 20 Jahren schrieb, merkt ja keiner. Sozusagen Sklaverei in homöopathischen Dosen: tut nicht weh und hat keine Nebenwirkungen. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, und das Wasser nach dem Rasieren in den Abfluss rauscht, seh´ ich jedenfalls nix davon. Alles in Ordnung, mein Gewissen is´ rein! Oder nicht?

Und dann lese ich, dass all die Menschen, die mir schon vor Corona für fast nichts das Leben versüßt haben, mit Corona nun gar nichts mehr haben – hier wie dort.

„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Welche Privilegien bin ich dafür bereit aufzugeben? Worauf werde ich künftig verzichten? Wofür deutlich mehr bezahlen? Werde ich teilen mit denen, die nichts zum Teilen haben? Darüber werde ich jetzt mal nachdenken und mir dabei das Stück Fleisch zum Mittag schmecken lassen. Ach ja, und die Zeitung nicht vergessen. Moment, was steht da? „Soja für Tierfutter zerstört Regenwald“.

Nach Corona wird alles anders … oder zumindest das eine oder andere, mit Gottes Hilfe, ich bin fest entschlossen!    

Mein Gott, 
gib mir Einsicht, Kraft und Mut, 
einen anderen Weg zu gehen 
als auf den ausgetretenen Pfaden
meiner Bequemlichkeit, meiner Ansprüche, 
meiner Maß- und Gedankenlosigkeit. 
Hilf uns leer zu werden,
damit die Fülle Heimat finden kann.
In uns, in den Anderen, für die Anderen.  
  

(Ein Impuls von Dirk Freudenthal, ELM, Chefredaktion Mitteilen)

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