Informationen aus dem UTC (Bangalore/Indien)

Ich grüße Euch ganz persönlich und möchte Euch ganz persönlich in den Arm nehmen in diesen schweren Zeiten. Leider kann ich das physisch nicht, sondern nur symbolisch aus der Distanz. Seit sechs Tagen bin ich in Bochum unter Hausquarantäne. Das ELM in Hermannsburg hat mich aus ihrer Sorgepflicht für seine Mitarbeiter*innen zurückgerufen und mit dem letzten Linienflug via Amsterdam bin ich via Düsseldorf nach Bochum gekommen. Die Flughäfen waren gespenstisch leer. Dank meiner Cousine und ihrem Mann gibt es genügend Lebensmittel und es geht mir bisher gut; was ich mir auf dem langen Flug mit vielen hustenden Passagieren aufgeschnappt habe, weiß ich nicht. Jeden Tag erreichen mich mindestens 20 Anrufe und E-Mails mit Fragen, wie es der Hochschule und mir geht. Deswegen wende ich mich heute mit diesem Text und Euch alle. Der Text ist etwas länger als bei mir sonst üblich, aber Ihr habt auch mehr Zeit 

Nach einer absoluten Hektik der Abreise kam ich in die leere Wohnung. Kein Frühstück, aber ein reichlich gefüllter Kühlschrank. Rote Tulpen auf dem Tisch. Irgendwie war ich noch nicht richtig angekommen. vieles erinnerte mich an den südafrikanischen Künstler Azaria Mbatha, der, wenn ich hektisch von einer Ausstellungseröffnung zur anderen mit ihm reiste, sagte: „Langsam, langsam, meine Seele ist noch nicht angekommen.“ 

Genauso ist es mir ergangen. Meine Gedanken waren und sind in Indien und beim UTC. Sozusagen in letzter Minute konnte ich noch vier Magisterarbeiten von Studierenden unterschreiben, zwei Bachelorarbeiten und eine Doktorarbeit. Statt einer wunderschönen Feier auf dem Rasen des UTC, statt eines Abendessens mit 800 Personen, statt eines schönen Essen im Restaurant, wozu ich sonst meine Studierenden einlade, saßen wir im Wohnzimmer und aßen Ferrero Rocher.

Die Hochschule ist schon seit Wochen geschlossen; noch rechtzeitig haben wir die Bachelorstudierenden nach Hause geschickt – allerdings ohne Examen. Viele andere haben es dann nicht mehr nach Hause geschafft. Die Mensa und unser Gästehaus mussten wir schließen, Hochzeiten wurden abgesagt. Sorgen mache ich mir besonders um unsere Studierenden aus dem Nordosten, da sie so „chinesisch“ aussehen, wurden sie bereits als ich noch in Indien war, diskriminiert. Sie wurden aus Läden rausgeworfen und konnten keine Lebensmittel einkaufen. Nur durch die Solidarität der indisch aussehenden Studierenden, die für sie mit eingekauft haben, bekommen sie etwas zu essen.

Nun ist alles noch viel schwieriger. Es gilt die dreiwöchige Ausgangssperre. Drei Wochen Ausgangssperre in Indien. Ich glaube das ist die richtige Maßnahme, denn die bisher bekannten Fallraten sind gering, aber die Dunkelziffer unendlich hoch. Falls das Virus nicht durch Distanz verhindert wird, wird es Indien schlimmer als die Pest im Mittelalter, besonders in den Slums, wo Abstand, Hygiene, Seife etc. Fremdwörter sind.

Die Frage ist nur, was passiert mit den vielen Wanderarbeitern, die es nicht nach Hause geschafft haben? Mit den Tagelöhnern, die niemand mehr anstellt? Der Premierminister hat versprochen, dass die ganz Armen, Lebensmittel kostenlos erhalten sollen und 1.000 Rupien (12 Euro) im Monat auf ihr Konto. Aber wann? Außerdem hilft das nicht den Bauarbeitern etc., die oft in ihren Dörfern ein Stückchen Land und ein Häuschen haben und deshalb nicht zu den ganz Armen gehören. Sie verdienen in Bangalore je nach Qualifikation zwischen sechs und 12 Euro am Tag. Das Geld bekommen sie aber nicht täglich ausgezahlt. Das Virus auf Baustellen und in Slums zu stoppen? Unmöglich.

Trotzdem wird das Leben weitergehen hier und auch in Indien. Deshalb, liebe Freunde und Freundinnen in Indien oder in Deutschland, ob in Hausquarantäne oder vorsichtshalber/zwangsweise zu Hause, ob alleine oder mit Familie, empfehle ich Euch STRUKTUR für den neuen ungewohnten Alltag. Wenn ich aufwache danke ich Gott, dass ich ohne Halsschmerzen etc. aufgewacht bin und denke an alle, denen es leider nicht so gut geht. Ich lese die Losung für den Tag. Dann Frühstück, Putzen, Schreiben, telefonieren etc. Mittagessen um 13:00 Uhr, arbeiten, telefonieren, fernsehen, 18.30h Abendessen, E-Mails am Computer. 22:00 Uhr Abendandacht für mich. Kerze anzünden, Luthers Abendsegen, Bibelwort. Dankgebet und Schafen.

Besonders gerührt war ich als meine Cousine mir „Der Mond ist aufgegangen“ auf der Mundharmonika vorgespielt hat am Telefon. Singen Sie doch auch einmal dieses Lied gemeinsam oder allein. Geben Sie Anderen wenn Sie es können gesundheitlich kleine Zeichen z. B. ein Blümchen oder ein paar Brötchen vor der Tür, wie die Heinzelmännchen. Und denken Sie daran: es gibt immer eine Zeit nach Corona. Seien Sie herzlichst gegrüßt und Gott befohlen mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit. Bleiben Sie gesund.

Yours faithfully / Herzliche Grüße

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