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Berufen für eine Zeit wie diese - Geistlicher Impuls für den 27. November 2020

“Denn wenn du jetzt schweigst, so wird von einer anderen Seite her Befreiung und Rettung für die Juden kommen, du aber und das Haus deines Vaters werden untergehen. Und wer weiß, ob du nicht gerade wegen einer Zeit wie dieser zum Königtum gekommen bist?” (Esther 4,14)

Das Buch von Esther ist eines meiner Lieblingsbücher. Meine Absicht bei der Auswahl des obigen Textes ist es, Leserinnen zu ermutigen, Frauen wahrzunehmen, indem ich ihre Leistungen anerkennen. Nur weil Esthers Geschichte aufgeschrieben wurde, haben wir die Gelegenheit, darin zu lesen und daraus zu lernen. Mein Schwerpunkt liegt darauf, das Potenzial von Frauen zu entdecken und sichtbar zu machen.

Wer ist Esther?

Das Buch Esther schildert eine Begebenheit, die das jüdische Volk im babylonischen Exil unter dem König Ahasveros erlebte.

In Babylon werden Jungfrauen ausgewählt, aus deren Reihen eine neue Königin ausgesucht werden soll. Das Waisenkind Ester wird ebenfalls als mögliche Königin in den Palast gebracht. Sie wird durch ihre Anmut zur neuen Frau des persischen Königs Ahasveros, verheimlicht aber ihre jüdische Abstammung, wie es ihr ihr Vetter Mordechai geraten hat.
Mordechai hat einen Posten am Tor des königlichen Palastes. Dabei belauscht er zufällig die Leibwächter des Königs, die planen, diesen zu ermorden. Er warnt mit Esters Hilfe den König und erwirbt so seine Gunst.
Mordechai ist dem höchsten Regierungsbeamten Haman allerdings ein Dorn im Auge, da er nicht bereit ist, sich vor ihm zu verbeugen. Mit königlichem Siegel wird daraufhin im ganzen Reich verkündet, dass die jüdische Bevölkerung vogelfrei sei und vernichtet werden dürfe.
Esther erfährt, dass Mordechai, in Trauerkleider gehüllt, mitten in Susa (eine der drei Residenzstädte Persiens) über die kommende Katastrophe wehklagt. Sie sendet Boten zu ihm, um den Grund zu erfahren. Mordechai fordert sie auf, sich für ihr Volk beim Großkönig einzusetzen. Da das Hofprotokoll bei unerlaubtem Erscheinen vor dem König die Todesstrafe vorsieht, zögert sie zunächst.

Die Juden im Allgemeinen, Esther und Mordechai im Besonderen befanden sich in einem fremden Land und erlebten eine andere Kultur und Religion, die sich von ihrer eigenen unterschied.  Esther war eine jüdische Waise, die von Mordechai, ihrem Vetter, aufgezogen wurde. Es gab Chancen und Risiken im Leben der Juden im Allgemeinen und im Leben von Esther und Mordechai im Besonderen.
Die Chance bestand darin, dass Esther als mögliche Königin in den Palast gebracht wurde. Die Bedrohung bestand in dem Erlass des Königs, die Juden auszurotten.

Er (Mordechai) riskierte sein Leben durch gewaltlosen Ungehorsam, indem er sich weigerte, sich vor dem General des Königs zu verbeugen. Sie (Esther) hielt sich an die Kultur des Landes und an die des Ortes, an dem sie lebte.

Esther und Mordechai waren nicht nur Verwandte, sondern auch ein starkes Team, das sofort Maßnahmen ergreifen musste, um Risiken abzuwenden und sie in eine Chance zu verwandeln. Sie verfügten beide über sehr gute Führungsqualitäten: sie konnten zulassen, sich gegenseitig zu beeinflussen, sie waren beide gute Zuhörer, zeigten sowohl Besorgnis als auch Engagement und sie waren mit Hingabe bei der Sache. Und nicht zuletzt: wenn sie einen Sieg errungen hatten, konnten sie gemeinsam feiern.

Als Frau in einem Königshaus konnte Esther alles außerhalb des Palastes ignorieren und sich auf die königlichen Pflichten konzentrieren. Dennoch war sie eine sehr gute Kommunikatorin und wachte über das, was außerhalb des Palastes geschah. Und sie war entschlossen und engagiert, Veränderungen herbeizuführen. Sie schrieb Exil- und Gefangenschaftsgeschichte. Die Geschichte der Juden wurde neu geschrieben und durch die gemeinsame Anstrengung von Esther und Mordechai allen anderen Nationen bekannt gemacht.

Wer weiß das schon?

Das Wissen der Menschen ist begrenzt und kann die Zukunft nicht perfekt vorhersagen. Doch Gottes Wissen ist unbegreiflich, und er weiß, was die Zukunft für die Menschen als Individuen oder Kollektiv bereithält. Das geplagte Volk Israel wusste nicht, was es im Land seiner Gefangenschaft tun sollte. Mordechai und Esther auch nicht. Da die Juden einst an Gott geglaubt hatten, besaß Mordechai diesen Glauben, der ihm innewohnte. Deshalb sandte er die Botschaft an Esther, um sie zu ermutigen, eine Stimme für ihr Volk zu sein. Aus dem Text geht hervor, dass auch sie den Glauben ihres Volkes, d.h. den Glauben an Gott, geteilt hat. Im Exil in einem fremden Land sind alle Meschen gleich schwach und sie haben keine Stimme. Sie suchen jemanden, der für Gerechtigkeit eintritt. Esther war als Jüdin in Persien in exakt derselben Situation. Niemand wusste, dass sie eine Königin werden würde, dass sie die Stimme der Juden wird. Als Wächter und Berater von Esther hatte Mordechai allerdings im Herzen, dass Esther die Meinung des Königs ändern könnte. 

"Berufen für eine Zeit wie diese"

In der Geschichte von Esther taucht das Konzept des Anrufs auf. Es gibt verschiedene Definitionen des Begriffs wie Einladung zu Treffen oder Mahlzeiten, Anruf um Hilfe von Menschen oder Bitten an Gott um Befreiung, die alle im Buch Esther stehen. Das Hauptthema, das ich hervorheben wollte, ist der Anruf von Esther durch Gott auf subtile Weise, um den Weg und die Mittel zur Rettung der Juden vorzubereiten. Unwissentlich nahm sie ihren Ruf an, rief aber später wissentlich Gott und ihr Volk an. Was wäre geschehen, wenn sie nicht gerade zu diesem Zeitpunkt Gott und das Volk angerufen hätte?

Zeit ist ein weiteres Konzept, über das man nachdenken sollte. Es gibt sowohl gute als auch schlechte Zeiten. Wie es in Prediger 3,1 heißt: "Denn alles hat seine Zeit und Zeit für alle Dinge unter dem Himmel".  Wenn Mordechai sagt: "So ist die Zeit", betont er die Dringlichkeit der Angelegenheit. Er meinte, eine Verzögerung könne das schlechte Schicksal der Juden, den Völkermord, zur Folge haben. Deshalb drängte er sie, innerhalb der vorliegenden Zeit zu handeln. Die Botschaft von Mordechai war klar: Schweig nicht - sprich, sei proaktiv und ergreife sofort Maßnahmen – verschwende keine Zeit!

Esther war schön und jung. Mit ihrer Schönheit hatte sie die Gelegenheit, Königin zu werden. Außerdem war sie nicht stolz und hatte keine Ressentiments wegen ihrer königlichen Stellung und Schönheit, sondern sie fürchtete Gott und ebnete so den Weg zu ihrem Lob, indem sie großartige Arbeit leistete.  

Ihre Charaktereigenschaften:

Esther ist gehorsam - sie hört auf Mordechais Rat verbirgt ihre jüdische Identität, die wenn sie zutage träte, verhindern würde, dass sie in den Palast gebracht und ausgewählt wird und sie akzeptierte die Warnungen Mordechais hinsichtlich der Rettung ihres Volkes.

Sie ist eine gute Planerin - sie stellte einen Zeitplan auf, wie der nächste Schritt aussehen könnte; ging strategisch und taktisch vorbereitet auf den König zu, um seine Gunst zu gewinnen.  

Sie ist einflussreich - Sie schickte Mordechai die Botschaft, zu fasten und dafür zu beten, dass sie beim König eintritt und im Namen ihres Volkes vorspricht. Mordechai hörte ihren Rat und verstand ihr Engagement und kündigte Fasten und Gebet für drei Tage an, bis sie beim König eintrat. Die Juden gehorchten ihren Worten und taten ihren Teil. Ihre Rolle bestand darin, zum König zu gehen, während die der Juden darin bestand zu fasten und zu beten. Sie wusste, dass das Gebet die Macht hat, ihr zu helfen, vor dem König zu stehen. Ihre Stärke kam von Gott, sie dachte, ihre schöne Erscheinung und ihr Gehorsam erleichterten ihr die Situation.

Sie ist kühn - nach Tagen des Fastens und Betens - sie im Palast, die Juden an ihren jeweiligen Orten. Auch wenn es nicht ihre Zeit war, zum König zu gehen, ging sie mutig zum König. Der König zögerte nicht, ihr zu erlauben, in sein Zimmer zu kommen.

Daher war Esthers Wahl zur Königin Gottes Ruf. Sie wurde für die Zeit berufen, die das Volk Israel dringend benötigte. Die richtige und reife Zeit für sie, die Freilassung ihres Volkes zu verkünden. Sie forderte Mordechai umgehend auf, Fasten und Gebet unter den Israeliten zu verkünden, dem verzweifelten Volk, das bei Gott Hilfe suchte, um aus der Sklaverei befreit zu werden. Das Volk handelte entsprechend, fastete und betete drei Tage lang. Dann war ihre Zeit, bei dem König einzutreten, gekommen. Sie war in der Rüstung der Macht Gottes, die ihr half, vor dem König standhaft zu bleiben und seine Gunst durch ihr weises Vorgehen zu gewinnen.  Sie kam aus ihrer Komfortzone heraus und machte dem König die Situation ihres unterdrückten Volkes auf ruhige, aber kluge Weise bekannt. Und der König verstand die Situation und nahm den Genozid ihres Volkes zurück. Endlich bekamen die Juden die Freiheit in dem Land, in dem sie einst Gefangene waren.

(Ein Impuls von Ebise Ashana, seit Juli 2000 zuständig für Gender und Entwicklungszusammenarbeit beim DASSC der Mekane Yesus Kirche in Äthipien (EECMY)) 

 

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Tanzen! - Geistlicher Impuls für den 26. November 2020

Männer in Soldatenuniform – tanzen
Mitarbeitende im Krankenhaus – tanzen
Priester und Nonnen in traditioneller Tracht – tanzen
Jugendliche auf Schlittschuhen – tanzen
Polizistinnen an einer Strandpromenade – tanzen
Kinder in Schuluniform – tanzen
Mitarbeitende des ELM - tanzen

Das Lied „Jerusalema“ aus Südafrika hat in den vergangenen Monaten nicht nur die Welt erobert, sondern auch über Ländergrenzen hinweg Menschen zum Tanzen bewegt. Menschen, die sich in den unterschiedlichsten Lebenssituationen befinden und gleichzeitig durch einen Wunsch vereint sind: Freude und Gemeinschaft zu erleben und in Zeiten von Corona die Alltagssorgen weg zu tanzen. Gleichzeitig drückt der Liedtext, der angelehnt ist an ein bekanntes traditionelles isiZulu/ isiXhosa Lied der methodistischen Kirche in Südafrika eine Sehnsucht und Bitte an Gott aus: „Lass mich nicht hier, dies ist nicht mein Zuhause. Bring mich nach Jerusalema, wo ich Frieden und Glück finden kann.“ Hier kommt die Sehnsucht nach einem Ort zum Ausdruck, wo es keine Sorgen und Leid gibt, sondern nur tiefen Frieden. Die Sehnsucht nach einer Welt, wo in Zeiten von Corona die ohnehin Armen und Benachteiligten nicht noch mehr leiden müssen, wo Menschen nicht ihre Existenzgrundlage verlieren und wo Todkranke nicht ihre letzten Atemzüge ohne Angehörige machen. Die Sehnsucht nach einer Welt ohne Masken, ohne Desinfektionsmittel, ohne Abstand. 

Vielleicht ist es diese Sehnsucht, die Menschen zu Zeiten von Corona aktiv werden lässt. Im Boitumelo-Projekt in Südafrika werden anstelle von Souvenirs Schutzmasken für bedürftige Menschen hergestellt. In Partnerländern des ELM werden unter anderem mit finanzieller Unterstützung Lebensmittelgutscheine, Masken, Seifen und Desinfektionsmittel verteilt. In Brasilien erhalten Ehrenamtliche eine Online Schulung, um seelsorgerlich Menschen in Zeiten der Pandemie begleiten zu können.

„Lass mich nicht hier, dies ist nicht mein Zuhause. Bring mich nach Jerusalema, wo ich Frieden und Glück finden kann“ Fühlen sie sich eingeladen mitzutanzen, in Bewegung zu kommen und daraus neue Kraft und Hoffnung zu schöpfen – für den Alltag und auch weit darüber hinaus!

(Ein Impuls von Insa Brudy, ELM-Referentin Jugendarbeit & Globales Lernen)

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Den Fuß bewegen - Geistlicher Impuls für den 25. November 2020

Ich setzte den Fuß
in die Luft
und
sie trug.

(Hilde Domin)

Es gibt Ereignisse, bei denen bin ich wie gelähmt. Der Kopf will nicht mehr denken. Die Hände können das Alltägliche nicht verrichten. Die Füße finden den Weg nicht.
Der Tod eines geliebten Menschen kann solch ein Ereignis sein. Der Verlust des Arbeitsplatzes. Das Ende einer Beziehung. Die Situationen, in denen eine Lähmung eintreten kann, sind sehr unterschiedlich und individuell.
Die gegenwärtige Corona-Situation wirkt hierbei noch einmal verstärkend. Sowohl bei uns in Deutschland wie auch in unseren Partnerkirchen.
Allgemeinde Durchhalteparolen sind wenig hilfreich. Nach dem Motto „Kopf hoch. Das wird schon wieder!“ Und selbst der Bezug auf den Glauben mag nicht immer und nicht für jeden hilfreich sein.
Ja, selbst als Pastor habe ich die Erfahrung gemacht, dass mein Glaube mich nicht getragen hat, weil ich Gott als Verursacher meines erfahrenen Leids gesehen und angeklagt habe. Wie soll ich ihm da noch vertrauen, dass er einen Weg für mich hat?
Hilde Domin ist mit ihren Gedichten zu meiner Lebensretterin geworden. Sie selbst war ihn ihrem Leben mit Situationen konfrontiert, die keinen Weg für eine Zukunft aufscheinen ließen.
Und doch wagte sie es, ihren Fuß zu bewegen. Zaghaft, ängstlich, zögerlich. Nicht wissend, ob ihr Fuß nicht einbricht wie beim Betreten einer dünnen Eisschicht und zu ertrinken droht. Auf Luft können wir eben nicht gehen.
Und dennoch: die Luft trägt. In meinen Fuß kommt wieder Bewegung. Mein Leben bewegt sich wieder. Das ist ein Wunder, wie sie es in einem anderen Gedicht schreibt.
Sie mögen sich fragen, warum ich diese Erfahrung nicht mit Gott gemacht habe? Darauf habe ich keine Antwort. Manchmal verbirgt sich Gott, ist nicht mehr erkennbar und erfahrbar. Dann gibt es andere Wege, die mich in das Leben zurückbringen. Und auf denen mir Gott dann entgegenkommt. Wieder entgegenkommt. So ist meine Erfahrung.
Eines bleibt mir dabei nicht erspart: Ich muss den Fuß bewegen. Auch wenn ich keinen Grund sehe, keinen Boden unter meinen Füßen spüre.
Die Luft wird mich tragen. Und, so glaube ich es, wieder zu Gott tragen. Und vielleicht mag am Ende die Erkenntnis stehen: Gott selbst ist die tragende Luft.

(Ein Impuls von Thomas Wojciechowski, 

 

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Spaghetti für zwei - Geistlicher Impuls für den 24. November 2020

"Aller Augen warten auf dich Herre und du gibest ihnen ihre Speise zu seiner Zeit.
Du tust deine milde Hand auf und sättigest alles, was da lebet mit Wohlgefallen."
(Psalm 145, 15,16) 

Passend zu dem Bibelvers möchte ich eine Geschichte mit Ihnen/Euch teilen, die mir gut gefällt:

Spaghetti für zwei von FEDERICA DE CESCO (1986)

(EIn Impuls von Kornelia Pufal, ELM-Teamassistentin Globale Gemeinde)

 

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Das Geheimnis - Geistlicher Impuls für den 23. November 2020

„Ich danke dir dafür, dass ich erstaunlich und wunderbar gemacht bin …“ (Psalm 139,14)

Kennt ihr das? Ihr seid im Urlaub und verlasst - aus Versehen oder mit Absicht - die im Reiseführer empfohlene Route und landet zufällig in einem unscheinbaren, schäbigen Lokal. Wo ihr dann die beste Pizza eures Lebens esst. Und ihr seid überrascht und erfreut, weil euch etwas Schönes passiert ist, wo ihr es nicht erwartet habt.

Neulich hatte ich ein ähnliches Erlebnis:
Small-Tank zu halten mit fremden Menschen oder Menschen, die ich nicht gut kenne, fällt mir eigentlich schwer. Nun war ich aber in einer Situation, wo ich nicht umhinkam, das Gespräch zu suchen. Also nahm ich mich zusammen und sprach denjenigen an. Ich machte keine Bemerkung zum Wetter, sondern stellte eine ehrliche, neugierige Frage. Und nach nur ein paar Sätzen, habe ich überrascht festgestellt, was für eine interessante Person ich da vor mir hatte! Das habe ich nicht erwartet – ich kannte diesen Mann nur vom Sehen und hatte ein paar spärliche Informationen über ihn.

Das ruft in mir zwei Erinnerungen an meine Kindheit hervor:
Ich bin klein, noch im Vorschulalter. Es ist Sommer, die Luft in der kleinen Kreisstadt in Belarus, wo ich damals wohnte, ist heiß und staubig. Zwischen den Hochhäusern (die, wie ich später als Erwachsene feststellte, gar keine richtigen Hochhäuser waren, sondern normale Mietshäuser) gab es wenig Grün. Das hat uns Kinder nicht gestört – wir hatten unsere eigene Welt voller Abenteuer und Fantasie. Ein Spiel war sehr beliebt. Es hieß „das Geheimnis“. Dafür sucht man zunächst ein paar Schätze – Blütenköpfe, schöne Blätter, Fetzen Alufolie, kleine flache Steinchen, Knöpfe… was man so unter den Füßen finden konnte. Dann braucht man das Wichtigste – eine schöne Glasscherbe. Am besten weiß, aber auch buntes Glas ging. Sie sollte nicht zu klein sein und möglichst flach. Mit diesen Utensilien suchte man dann einen geeigneten Ort, wo nicht zu viel los war und wo der Boden nicht aus Beton und Asphalt bestand (solche Ecken gab es auch in der Stadt). An diesem Ort grub man dann ein kleines flaches Loch in der Erde, arrangierte aus den dafür gesammelten Schätzen ein schönes Muster und legte darauf die mit dem Ärmel oder Rocksaum saubergemachte Glasscherbe. Dann noch alles vorsichtig festdrücken und mit Erde bedecken. Die Stelle gut merken (sonst ist man ja wie das Eichhörnchen, das im Winter nicht mehr weiß, wo es im Sommer alle Nüsse vergraben hat). Später sucht man sich eine Freundin aus, der man „das Geheimnis“ zeigen kann. Zusammen geht man zum geheimen Ort und hofft, dass es in der Zwischenzeit kein mutwilliger oder unbeabsichtigter Vandalismus stattgefunden hat, kniet sich auf den Boden und schiebt mit den Händen behutsam die Erde zur Seite, bis „das Geheimnis“ zum Vorschein kommt. Dann bewundert man ein paar Sekunden gemeinsam das Meisterwerk, bevor man sich mit dem nächsten Spiel beschäftigt.
 

Bei der zweiten Erinnerung bin ich gerade eingeschult worden. Es ist eine Veranstaltung in der Schule, wir sitzen im Klassenraum, Erwachsene (wohl die Lehrer) halten irgendwelche Reden und einige ältere Schüler*innen tragen vor der Versammlung etwas vor. Und da war dieses Mädchen, das ein Gedicht aufsagte, das mich tief beeindruckt hat. Im Gedicht handelte es sich darum, dass mit jedem Menschen, der stirbt, auch eine ganze Welt stirbt. Für immer. In den späteren Jahren habe ich immer wieder versucht, dieses Gedicht zu finden – leider immer erfolglos. Bis heute. Und dann auf einmal habe ich es gefunden! Ich bin mir sicher, es ist das Gedicht!

Und auch wenn das Gedicht einerseits schmerzhaft traurig ist, hat es für mich auch eine positive Botschaft: jeder von uns trägt in sich eine einzigartige, spannende, geheimnisvolle Welt. Wenn wir ehrlich neugierig und interessiert an anderen Menschen sind, haben wir vielleicht die Chance, ein bisschen von ihrer Welt mitzubekommen und etwas von unserer Welt mit ihnen zu teilen, und so unsere Welten gegenseitig ein bisschen zu bereichern. Den Gedanken, dass jeder Mensch einen Schatz in sich trägt, ein „Geheimnis“ finde ich faszinierend, Das ermutigt mich, Menschen mit anderen Augen zu sehen, mit Neugier: wie ist ihre Welt, welche schönen „Geheimnisse“ gibt es wohl dort zu entdecken und zu bewundern? ...

Hier findet ihr das Gedicht auf Russisch
https://www.culture.ru/poems/26538/lyudei-neinteresnykh-v-mire-net
und auf Deutsch
http://www.planetlyrik.de/b002n2l6gu/2013/10/

(Ein Impuls von Marina Gruel-Dovner, ELM-Teamassistentin Internationale kirchliche Zusammenarbeit)

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Die Suche nach der verloren gegangenen Motivation - Geistlicher Impuls für den 20. November 2020

Es ist mal wieder ein Tag, an dem meine Motivation sich - ohne vorige Absprache wohlbemerkt - einen Tag frei genommen hat. Schade, heute hätte ich sie gut gebrauchen können. Fristen für die Planung eines Info-Standes auf dem Ökumenischen Kirchentag 2021 stehen an. Es fällt mir momentan schwer, kreative Arbeit und Absprachen in die Planung einer Veranstaltung zu stecken, bei der ich skeptisch bin, wie und ob sie tatsächlich stattfinden. Corona macht so oft einen Strich durch die Rechnung. Mein Arbeitsalltag fordert aktuell verstärkt Flexibilität, Kreativität und Geduld. Zu dumm, wenn dann auf einmal die eigene Motivation verschwindet! Ich könnte meine Arbeit einfach ohne sie tun…, ich bezweifle aber, dass es mir Freude bringt und gute Resultate liefert. Beides ist mir aber sehr wichtig.  Also bleibt mir nichts anderes übrig, als sie zu suchen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wo ich damit anfangen soll...

Vielleicht hilft mir ja der Ökumenische Kirchentag an sich weiter, mal sehen.  Da gab‘s doch ein Leitwort für den Kirchentag 2021: „Schau hin!“ Na toll, das hilft mir nicht weiter, wenn ich mich ja gerade frage, wo ich suchen soll. Das ist ungefähr so, als wenn meine Tochter lauthals durchs Haus ruft: „Mama, wo ist denn mein zweiter Gummistiefel?“ und ich daraufhin genervt aus dem Keller hochgestapft komme, weil ich in normaler Lautstärke antworten möchte und einen Meter neben ihr den zweiten Gummistiefel vor ihrem Spielzeughaufen sehe und mich dann schließlich sagen höre: „Na, dann schau doch einfach mal hin, dann findest du ihn auch!“. Damit unterstelle ich, dass meine Tochter nicht geschaut hat und sie dampft ebenfalls genervt ab.

Aber vielleicht nehme ich mir einfach mal die Bibel und schaue nach, woher das Leitwort für den ÖKT überhaupt kommt. Aha, aus „die Speisung der 10.000 und die wundersame Vermehrung von Brot und Fisch“, Mk 6,38 „Geht und seht nach!“, Ja, das hört sich schon besser an. Das erklärt, warum meine Tochter den 2. Gummistiefel nicht gefunden hat, weil sie nämlich auf der anderen Seite ihres Spielzeughaufens saß und nicht gegangen ist. Sie hatte nicht die gleiche Perspektive wie ich, die sich ja vom Keller auf den Weg nach oben gemacht hat und viel mehr unterwegs hat sehen können. Ich sollte also das nächste Mal nicht zu meiner Tochter sagen „Schau doch einfach mal hin!“ sondern sie ermutigen zu „Steh auf, geh los und sieh nach“. Danke Markus, für den dokumentierten pädagogischen Tipp! In Bezug auf meinen Arbeitsbereich motiviert mich der Satz allerdings gerade weniger. Wie gerne hätten wir auch in diesem Jahr Freiwillige in Partnerländer des ELM entsendet, damit sie gehen und sehen können. Wie schwierig war der Start der aktuellen Süd-Nord Freiwilligen in Niedersachsen, die kurz vor dem Lock down im Frühjahr einreisten und unter schwersten Bedingungen nur gehen und sehen konnten. Das ist ja genau das, was wir mit dem Freiwilligenprogramm Seitenwechsel ermöglichen wollen. Jungen Menschen die Möglichkeit geben hinzugehen und nachzusehen! Dieses Hingehen in einen Freiwilligendienst ermöglicht durch das Sehen, Begegnung, Verständnis, voneinander lernen. Viele Freiwillige sehen die Welt um sich herum, aber auch ihre innere Welt nach einem Freiwilligendienst mit ganz anderen Augen. Eine meiner wesentlichen Aufgabe als Referentin im ELM sehe ich darin, junge Erwachsene zu begleiten und sie zu motivieren, hinzuschauen. Und zwar von Anfang bis Ende eines Freiwilligendienstes und gerne auch darüber hinaus. Hinschauen und neue Perspektiven erkennen und verstehen lernen! Das mitzuerleben ist wunderbar und bereichernd.

Und was ist nun mit meiner heutigen Aufgabe und meiner fehlenden Motivation? Die habe ich gerade gefunden. Denn mein Herz geht auf wenn ich daran denke, für was ich arbeite. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass im nächsten Jahr wieder viele Freiwillige „die Seiten wechseln“ können und setze dafür - gerade auch in diesen ungewissen Zeiten - gerne meine Kreativität, Flexibilität und Geduld ein, um das bestmögliche dafür zu tun. Also, los geht’s an die Arbeit...und: Hallo Motivation!

(Ein Impuls von Regina Temmler, Koordinatorin Internationale Freiwilligendienste ELM) 

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Kaum zu glauben - Geistlicher Impuls für den 19. November 2020

Die Losung für den heutigen Tag lautet:
"Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!" (Psalm 34,9)

Und der Lehrtext:
"Kommt, alles ist schon bereit!" (Lukas 14,17)

Ach du Schreck! Ich bin mit der Andacht dran. Sehr kurzfristig werde ich daran erinnert. Morgen soll sie auf die Website.

                             Und dann diese Einladung.

Mitten in der Hektik des Tages trifft sie mich. Ich sitze zu Hause im sogenannten Home Office, bearbeite eine Mail nach der anderen, führe immer wieder Telefonate. Hektik statt der erhofften Ruhe. Keine Chance, sich mal mit einer Sache genauer zu beschäftigen. Ein Thema kommt nach dem anderen – gefühlt bearbeite ich immer gleich drei auf einmal, werde ständig herausgerissen.

                             Diese wohltuenden Worte.
                             Freundlich werde ich eingeladen.
                             Alles ist fertig!

Ich habe gar keine Zeit für Einladungen. Es ist längst nicht alles fertig. Einige Leute warten dringend auf meine Zuarbeit, meine Meinung, meine Entscheidung. Ich muss noch … Ich kann nicht …

                            Kaum zu glauben, das.
                            Ich reiße mich los. Mache eine Pause.
                            Genieße die Entlastung.
                            Alles ist fertig! Schon lange!
                            Mitten in der Woche – '
                            freue ich mich auf Sonntag.

Auch wenn bis dahin noch einiges zu tun ist.

                            In den Losungen finde ich
                            dann auch noch diese Strophe:
                            Kommt, nehmt an Gottes Festmahl teil,
                            erfahrt in Christus euer Heil
                            und schmeckt die Güte unsres Herrn:
                            Esst Brot, trinkt Wein; ergibt es gern.

Amen, sage ich und nehme die Einladung an.

(Ein Impuls von Detlef Kohrs, Geschäftsführer des ELM)

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Umkehren - wer will das schon gerne? - Geistlicher Impuls für den 18. November 2020

Ein paar Wochen nach Beginn meines Dienstes in Südafrika kam nach dem Gottesdienst eine ältere Frau mit einer schwangeren Frau um die dreißig Jahre alt zu mir. Bitte hilf meiner Tochter mit Vergebung, Mfundisi. Ich wußte damit nicht so recht etwas anzufangen und fragte nochmal nach. So wurde ich in das in Deutschland schon lange abgeschaffte Konzept der „Bußschule“ eingeführt, das damals, vor zwanzig Jahren, aber auch in der ELCSA nur noch sehr punktuell und zeitlich häufig in einem einzigen seelorgerlichen Gespräch umgesetzt wurde.

Der Begriff der Buße ist nun wirklich kein beliebter – wohl auch zunehmend kein allgemein bekannter. Darüberhinaus ist jedoch auch der darin enthaltene Inhalt nicht nur nicht beliebt, sondern auch zunehmend unbekannt. Ein „Bußgeld“ fürs Falschparken oder zu schnell Fahren ist oft einfach nur ärgerlich. Die Bußschule früher war für viele junge Frauen häufig nicht nur peinlich, sondern geradezu traumatisch, je nachdem, wie sie gestaltet wurde: eine Zeit, in der Mädchen und junge Frauen, die außerehelich schwanger wurden, in der Kirche an einem Unterricht teilnehmen mussten, der sie wieder in die Gemeinschaft der Glaubenden eingliedern sollte. Dies war ein Konzept, das von den Reinheitsvorstellungen der jüdischen Gesellschaft zu Jesu Zeiten recht direkt in die der Zulu-Kultur übersetzt werden konnte. Bis vor wenigen Jahrzehnten war dies in der ELCSA noch recht gängige Praxis

Was hat all dies mit uns heute und mit dem Buß- und Bettag zu tun? Ich bin davon überzeugt, dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir uns von der zutiefst hoffnungsvollen eigentlichen Botschaft der Buße abwenden, weil wir die fehlgeleiteten Umsetzungen dazu in der Geschichte absolut setzen. Möglicherweise müssen wir den Begriff Buße fallenlassen, wenn er nicht mehr Botschaftsträger, sondern verstaubtes Relikt ist – der Inhalt ist aber umso aktueller.

Es hindert uns aber nicht nur der Name und ein Teil der Wirkungsgeschichte des Begriffs der „Buße“ daran, den Gedanken der Buße an uns heran zu lassen, sondern eben auch unsere Weigerung, ehrlich hinterfragt zu werden. Häufig erleben wir das gar als Bedrohung und als einen Trigger für den „fight or flight response“ – das „Kampf- oder Fluchtsyndrom“, ein neurobiologischer Ablauf, der tief in unserer DNA verwurzelt ist. Dann reagieren wir eben mit Aggression und sind automatisch defensiv, oder wir ziehen uns zurück/ setzen uns der Herausforderung nicht aus. Findest Du Dich darin wieder?  Der Begriff der Umkehr triggert bei einigen vielleicht auch Bilder von mühseligen Übungen mit denen man sich – quasi an den eigenen Haaren – aus dem Sumpf der eigenen Schwächen und Verfehlungen herausziehen soll. Wer will das schon gerne? Umkehren? ...wenn man sich erstmal an die Richtung gewöhnt hat?

„Komm zu mir und trink!“ (Johannes 7,37) Diese einfachen einladenden Worte verstehen Kinder häufig besser – sie krabbeln schon zu der Rufenden. Doch wir „Erwachsenen“ verstehen häufig eher: „Geh! ... und versuchs nochmal oder tu das oder das ...“. Am Buß- und Bettag mal neu hinhören: „Kommt, alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will Euch erquicken!“ Vielleicht schreibt ihr euch eine zeitgemäßere Fassung davon mal auf eine Karte und hängt diese an den Kühlschrank. Dem Ruf Jesu zu folgen – zur entlastenden und befreienden Umkehr. In diesem Sinne wünsche ich einen anregenden Buß- und Bettag!

(Ein Impuls von Pastor Joe Lüdemann, ELM-Regionalrepräsentant im südlichen Afrika) 

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Verschiedene Epidemien – ähnliche Verhaltensregeln! - Geistlicher Impuls für den 17. November 2020

In der Reformationszeit – wie im gesamten Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein – kehrten epidemische und pandemische Gefahren fast regelmäßig in Städte und Dörfer zurück. Nach geschichtlichen Quellen suchte allein in der Wirkungszeit Martin Luthers in Wittenberg fünf Mal (!) die Pest die Stadt heim und es gab immer zahlreiche Tote. Im letzten Jahrzehnt von Luthers Leben allein dreimal. Auch ist es wahrscheinlich, dass einer der beiden früh verstorbenen Brüder von Luther an der Pest starb.

Offensichtlich mussten die Menschen lernen mit solchen Plagen zu leben. Wie aber konnte dies gelingen, ohne sich entweder vor lauter Angst einzuigeln oder im anderen Extrem die Gefahren leugnend leichtfertig zu sein und sich und andere zu gefährden? Dazu schreibt Luther (Quelle: Luthers Werke, Bd. 5, S. 334f.) einmal folgende Sätze, die uns in diesen Wochen und Monaten fast so erscheinen können, als seien sie 2020 geschrieben worden: „Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. – Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Bei aller Vergleichbarkeit oder auch Unvergleichbarkeit zwischen der bakteriellen Verseuchung der Pest und der viralen Pandemie COVID 19 scheint doch eines offensichtlich: Es gibt Wege zwischen übertriebener Ängstlichkeit und ignoranter Fahrlässigkeit. Sie bestehen meist aus einer gesunden Mischung von Verantwortungsbewusstsein und Sorgfalt in den Schutzmaßnahmen. Das Ganze aber auch gestützt auf ein Gottvertrauen, welches Zuversicht und Verstand gleichermaßen in Anspruch nimmt. Denn gute Regeln sind niemals nur Maßnahmen zur Vermeidung, sondern gleichzeitig immer Hilfen zur Ermöglichung von Leben und notwendigen Begegnungen, damit neben der Hauptgefahr nicht noch anderen Schäden und Krankheiten um sich greifen.

Gott schenke uns die Weisheit, auch in unserem Lebens- und Arbeitsbereich einen gut balancierten Weg im Sinne der Ratschläge des Reformators zu finden.

(Ein Impuls von Wilhelm Richebächer, Direktor der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie (FIT) in Hemrnannsaburg)

 

 

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Der Mensch ist Mensch durch Menschen - Geistlicher Impuls für den 16. November 2020

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“ (3. Mose 19,18)

„Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Hebräer 13,1-2)

Gott sagt: „Ich bin der Herr“! Glauben Sie das? Glaubst Du das? Wenn Gott mein Herr ist, dann ist das mehr als mein Chef, mein Boss, der/die höchstens in der Arbeitszeit etwas zu sagen haben. In meinem ganz persönlichen Leben aber nicht. Gott ist mein Herr, das meint mein ganzes Leben, Arbeit und Freizeit, Tag und Nacht, Angst und Freude, …

Die Losung heute „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR"  weist uns einmal darauf hin, dass er mein ganzes Leben meint. Dass ich ihm in jeder Phase und mit jeder Faser meines Lebens vertrauen darf. Sie spricht aber auch davon, dass ich mich selbst lieben, also Wert-schätzen und achten soll. Und davon, dass ich meinen Nächsten ebenso Wert-schätzen und achten soll, wie mich selbst. Die Gedanken dazu sind schnell ausgesprochen: liebe ich mich? lieben Sie sich / liebst Du Dich eigentlich? Oft genug bleibt uns – wenn wir auf unsere Lebensgestaltung und Werte blicken – die Antwort dazu im Halse stecken. Da mag jede/r selbst ehrlich antworten! Das spiegelt sich nicht selten auch im Verhalten unseren Nächsten gegenüber. Und in der Frage des Gesetzeslehrers (Lukas 10,29), wer denn der Nächste sei, zeigt sich nicht Offenheit für andere, sondern eher das Gegenteil. Die Frage nach dem Nächsten hat sich bis heute nur in Einzelfällen positiv beantwortet!

Werfen wir einen Blick in die Lager der Geflüchteten in Afrika finden, in Asien, … Schauen wir hin, an die Grenzen Europas, an die Grenzen innerhalb Europas, an die Grenzen unserer Heimatorte. Finden hier unsere Nächsten Heimat? Oder sind sie gar nicht unsere Nächsten? Da klappt es – auf den ersten Schein hin – vielleicht noch mit der Eigenliebe. Aber auch in diesen Fällen leidet sie an Weitblick! In Südafrika gibt es die Feststellung: Mensch ist Mensch durch Menschen. Ich werde erst selbst ganz Mensch durch die Begegnung mit … ja, auch anderen Menschen!

Der Lehrtext weist uns genau darauf hin: „Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“
Wir sind Geschwister und unser Leben gestaltet und entwickelt sich im Miteinander. Dass es in einer Familie nicht immer ohne unterschiedliche Vorstellungen abgeht, trifft durchaus auch für die Familie Gottes zu. Allerdings, bringen nicht nur in der Familie Gottes gemeinschaftliche Lösungen alle voran. Das gilt für alle Familien. Und manchmal werden uns auch scheinbar herausfordernde Verwandte zu Engeln, zu Boten Gottes, die zum Gelingen unseres Lebens beitragen.

Dass ich meinen Nächsten, die Geschwister aus der weltweiten Familie Gottes, auch die entfernten Verwandten liebe, mich ihnen zuwende, auch wenn es mich herausfordert, das ist nicht ein Teil meines Lebens, den ich meinen Dienstvorgesetzten schuldig bin. Das meint mein ganzes Leben. Gott ist nicht Boss, er ist Herr! Im Vertrauen auf ihn wird mein Leben bunt und facettenreich! Unter denen, die wir in unser Leben lassen, werden immer wieder Engel sein! Das gilt nicht nur für mich, …

(Ein Impuls von Michael Schultheiß, Referent Globale Kulturelle Vielfalt, Ökumenische Zusammenarbeit mit Südafrika, Botsuana und Eswatini (Swasiland))

 

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Kostbares Nass - Geistlicher Impuls für den 13. November 2020

"Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: Ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen." (Jesaja 44,3)

Wasser ausgießen auf Durstiges, was für ein guter und sinnvoller Gedanke. Ich muss dabei sofort an meine Kindheit denken. Wurde doch uns Kindern von unseren Eltern immer wieder ein verantwortlicher Umgang mit Wasser „eingetrichtert“. Ich hatte als etwa Sieben- oder Achtjährige wenig Verständnis dafür. Über Sätze wie „Dreh den Wasserhahn gleich wieder zu, wenn du fertig bist!“ habe ich mich damals geärgert. Warum? Es war doch genügend da. Und das war noch in Zeiten, als Wasserknappheit in unseren Regionen noch nicht die Pressemeldungen bestimmte.

Im Laufe der Jahre hat sich mein Bewusstsein für das kostbare Gut „Wasser“ geändert. Was bedeutet es auf einer Wanderung mit Rucksack durch Schweden und leerer Trinkflasche, an einen Bach zu kommen und etwas von dem kostbaren Nass zu trinken. Plötzlich freue ich mich, wenn es regnet. Auch im Haushalt gehe ich heute viel bewusster und verantwortungsvoller mit Wasser um.

„Ich will Wasser gießen über das Dürre.“ Stellen wir uns ein sehr heißes und trockenes Land vor, beziehungsweise eine Wüste, wo jeder Tropfen Wasser kostbar ist. Oder wenn in bestimmten Gegenden von Afrika der erhoffte Regen ausbleibt. Dürreperioden sind die Folge. Inzwischen ist auch hier bei uns der Gedanke gar nicht mehr so abwegig.

Dieses Trostwort galt dem Volk Israel in der babylonischen Gefangenschaft, die viele Jahre andauerte – Jahre in einer geistlichen Wüste. Und da kann der Glaube schon mal einen Knacks bekommen. Hatte Gott sich von ihnen abgewandt, sie vergessen?

Als Christen dürfen wir uns zum geistlichen Gottesvolk rechnen. Auch für uns gilt die Verheißung Gottes. Und da wir Probleme wie Dürre und Durstigsein heutzutage durchaus vor Augen haben, ist sie auch besonders aktuell. Wir dürfen nicht aufhören zu hoffen, auch wenn es viel Geduld von uns abfordert.

Abschließen möchte ich mit folgendem Lied, das – wie ich finde – sehr gut zu diesem Losungswort passt:

Wohl dem der nicht wandelt im Rat der Gottlosen,
wohl dem der nicht wandelt im Rat der Gottlosen.
Der ist wie ein Baum gepflanzt an den Wasserbächen,
der ist wie ein Baum gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und seine Blätter verwelken nicht.
Der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und seine Blätter verwelken nicht.

(Aus: „Lebenslieder“, Nr. 18; Text: Ps. 1, Melodie: Peter Strauch)

(Ein Impuls von Sigrid Pfeil, ELM-Teamassistentin Internatiopnale kirchliche Zusammenarbeit)

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Vertraue auf Gott, egal was passiert - Geistlicher Impuls für den 12. November 2020

"17 Noch trägt der Feigenbaum keine Blüten, und der Weinstock bringt keinen Ertrag, noch kann man keine Oliven ernten, und auf unseren Feldern wächst kein Getreide; noch fehlen Schafe und Ziegen auf den Weiden, und auch die Viehställe stehen leer. 18 Und doch will ich jubeln, weil Gott mich rettet, der HERR selbst ist der Grund meiner Freude! 19 Ja, Gott, der HERR, macht mich stark; er beflügelt meine Schritte, wie ein Hirsch kann ich über die Berge springen." (Habakuk 3, 17-19; HFA)

Der Text, auf den ich mich beziehe, ist der letzte Abschnitt von Habakuks Prophezeiung, und er ist eine der großartigsten Glaubensbezeugungen in der Bibel. Und dieser Text hat uns heute, während wir in einer unsicheren Pandemiesituation leben, eine klare Botschaft zu übermitteln.

Habakuk vertraute nicht auf die Kraft der Natur oder auf seine eigenen Fähigkeiten, Geld zu verdienen und die Probleme zu lösen. Er vertraute auf den Gott, der der Gott der Natur ist, und erkannte den Schutz Gottes in jeder Lebenserfahrung an. In einer unsicheren Welt erlebte Habakuk die Freude und den Frieden, dem erhabenen Schöpfergott zu dienen. Wenn ein Mensch, der/die auf Gott vertraut, seine/ihre Lebensgrundlagen schwinden sieht, wird er/sie sich an den Schöpfer klammern.  

Gott kann und hat seinem Volk Dinge wie Nahrung und Kleidung genommen und sogar unsere Gesundheit. Aber es gibt eine Sache, die Gott dem Gläubigen niemals entziehen wird, nämlich sich selbst, Gottes immerwährende Gegenwart. Habakuk hält seine Verpflichtung im Glauben an Jahwe aufrecht, auch wenn es keine äußeren Beweise für Gottes Fürsorge gibt.  Er sagt, er wird sich im Herrn freuen und jubeln, auch wenn es vielleicht keine sichtbaren oder äußeren Zeichen der Gegenwart oder Gunst Gottes gibt. Glaube bedeutet, Gott unabhängig von den Umständen zu lieben und ihm zu dienen. Für den Gerechten bedeutet ein Leben im Glauben, dass er Gott in seinem Leben treu sein muss. Die Rechtschaffenen sollen durch ihre Treue zu Gott leben. Aus dem Glauben zu leben bedeutet, Gott zu lieben, statt Gottes Gaben zu lieben. So, wie Habakuk uns daran erinnert: "Vertraue Gott, egal was passiert". 

(Ein Impuls von Prof. Dr. P.T. George, Pfarrer der Kirche von Südindien, Professor für Mission und Ökumene am United Theological  College in Bangalore, Südindien)

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Mit Gott unterwegs sein, heißt immer wieder zu neuen Ufern aufbrechen - Geistlicher Impuls für den 11. November 2020

„Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?“ (Markus 8,36)

Das Thema der Weltmissionskonferenz 2018 in Arusha „Vom Geist bewegt - zu verwandelnder Nachfolge berufen“ kommt mir in den Sinn bei diesem Vers.
Das Abschlussdokument „Ruf in die Nachfolge von Arusha“ ist geprägt von einem Appell zum Handeln, zur Überwindung ungerechter Zustände in der Welt und von dem Ziel, sich für eine Zukunft einzusetzen, in der mehr Menschen das „Leben in Fülle“ (Joh. 10,10) leben und erfahren können.

Der Lehrtext aus den Losungen der Herrenhuter Gemeinde für heute steht in einem Zusammenhang mit dem Thema Nachfolge (discipleship). In Arusha war die verwandelnde Nachfolge ins Thema gesetzt. Deshalb musste ich daran denken. Das Thema zielt darauf, dass Menschen zur die Nachfolge Jesu verwandelt werden. Ihr Selbstverständnis, Weltverständnis und Gottesverständnis verändert sich. Mit Gott unterwegs sein, heißt immer wieder zu neuen Ufern aufbrechen.

Im Sinne unseres Textes könnte das bedeuten: Seine Seele in Gott zu gewinnen ist der erste Schritt, um die Welt zu gewinnen. Allerdings nicht für mich. Nicht als persönliches Eigentum. Die Welt gewinnen wir nur, wenn wir sie achtsam nutzen und bewahren. Wie ein anvertrautes Gut für alle.

Der Text aus dem Markusevangelium ist wie ein Ausrufezeichen. Nachfolge bedeutet: Leben aus dem Glauben, Leben in der Nachfolge Jesu, Leben unter der Verheißung des neuen Lebens.
In einem Lied von Christoph Zehender „Folgen, Leben mit Jesus hat Folgen“ heißt es:  „Folgen heißt zu opfern, was lebenswichtig scheint, heißt manches aufzugeben, was man zu brauchen meint. Heißt viel mehr zu gewinnen, als man verloren hat. Zum Leben durchzudringen – so wie es Jesus tat!“

Es gibt viel zu gewinnen – für Einzelne, Gruppen, die Kirche und die Welt.

(Ein Impuls von Michael Thiel, Direktor des ELM)

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Hunger nach Gerechtigkeit - Geistlicher Impuls für den 10. November 2020

„Freuen dürfen sich alle, die danach hungern und dürsten, dass sich auf der Erde Gottes gerechter Wille durchsetzt – Gott wird ihren Hunger stillen.“ (Matthäus 5,6)

„Umkehr zum Frieden“ ist eine inspirierende Einladung, da es ein konkreter Schritt auf dem „Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens“ ist. Diesen Weg beschreitet die EKD spätestens seit der ÖKR-Vollversammlung in Busan / Südkorea im Jahr 2013. Die diesjährige Friedensdekade steht nun unter dem Motto der Umkehr. Die zitierte Bibelstelle aus dem Matthäus-Evangelium und der Bergpredigt setzt den Fokus nicht, wie man denken könnte, auf Vers 9 und den Hinweis auf die Friedfertigen (also die Friedensmacher), sondern auf den Fokus der Gerechtigkeit. „Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“ Welche Gerechtigkeit ist gemeint? Soziale Gerechtigkeit? Politische Gerechtigkeit? Moralische Gerechtigkeit? Ein Hinweis gibt die Wurzel des Wortes Gerechtigkeit: „dikaiosynē“ – ein für Gott annehmbarer Zustand. Die Gute Nachricht Bibel spricht von dem gerechten Willen Gottes auf der Erde. Dieser gerechte Wille ist frei von Befangenheit, Vorurteilen und Bevorzugung. Dieses unbefangene Beziehungsangebot Gottes gilt allen Menschen – vorurteilsfrei hinsichtlich z. B. Hautfarbe, Status, Geschlecht, Religion, Nationalität – egal was. Es gilt für alle! Stellen wir uns doch mal vor, wie es wäre, wenn die Menschen der Kirche auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens anderen Menschen genauso vorurteilsfrei begegnen würden und einen echten Hunger nach Gerechtigkeit leben? Gottes Zusage des Segens gilt für alle Menschen, die hungrig sind und Durst haben! Hier ist kein bequemer Hunger gemeint, der auch auf später verschoben werden kann. Nein, hier ist ein Durst gemeint, der gestillt werden muss, da man ansonsten verdurstet. Es liegt eine überlebensnotwendige Dringlichkeit vor. Die Einladung zur Umkehr zum Frieden ist also auch eine Einladung zum Hunger und zum Durst. Der dringliche Wunsch, dass sich Gottes Gerechtigkeit auf dieser Erde durchsetzt. Teilen wir diesen Hunger und Durst angesichts der unermesslichen Ungerechtigkeiten dieser Welt?

(Ein Impuls von H. Rose, ELM-Referentin Armut und Friedensarbeit International, Ökumenische Zusammenarbeit Zentralafrikanische Republik)

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Die Mauer ist gefallen, die Ungleichheiten nicht - Geistlicher Impuls für den 9. November 2020

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Psalm 18,30)

9. November 1989: Ich bin in Tranquebar, Indien, in dem Kindergarten der TELC. Ein Bote kommt und überreicht mir eine Nachricht: „Komm sofort her. Die Mauer ist gefallen. E-M“. Ich schnappe mir mein Fahrrad und fahre zu Eva-Maria. Da kommt auch Helga mit dem Auto an, die zu der Zeit in Porayar lebte. Wir sitzen in der Küche bei Eva-Maria am Weltempfänger Radio und können unseren Ohren nicht trauen. Die Mauer ist gefallen.  Wie gerne wären wir in Deutschland gewesen. Wir feiern zu dritt am Küchentisch. Was für eine großartige Nachricht, was für ein Erlebnis, was für eine Freude.

Großartig die Freude, ein gewaltfreies Erlebnis, die friedliche Revolution.  Dieses gewaltfreie Erlebnis hatte viel mit der Evangelischen Kirche zu tun. Die Evangelische Kirche gab Raum für Zusammentreffen mit den Friedensgebeten. Pastor Christian Führer von der Nikolaikirche in Leipzig war ein wunderbarer Gastgeber. In meiner Zeit beim Leipziger Missionswerk nach der Vereinigung durfte ich mit ihm auch Friedensgebete gestalten. In den Friedensgebeten wurde ausgesprochen, was eigentlich nicht gedacht werden sollte oder viele Fragen aufwarf. Und einfach war es besonders zu DDR-Zeiten nicht.

Die Mauer ist gefallen, die Ungleichheiten nicht. Noch immer sind die Löhne zwischen Ost und West nicht angeglichen und das ist nur ein Beispiel. Und es gibt so viele andere „Mauern“: Das Leben in der Pandemie, die Wahlen in den USA, Ausschreitungen in Belarus, Fundamentalismus im Namen von Religionen, Menschenrechte nur auf dem Papier, Klimawandel usw.

Die friedliche Revolution war nicht nur den Gebeten zu verdanken, sondern auch oppositionellen Gruppen und den vielen Menschen, die überall in der DDR mutig und gewaltlos für eine Veränderung der Verhältnisse demonstriert hatten. Christian Führer sagte dazu: „Wenn ich heute etwas als Wunder bezeichnen will, dann ist es jenes Wunder, das sich am 9. Oktober in Leipzig und am 9. November in Berlin ereignete.“ 

Gottes Handeln in der Geschichte kann ich mir nur so vorstellen: Gott steht hinter allen Zeichen von Versöhnung, und Liebe, Freundschaft, Gewaltlosigkeit. Gott ist die Quelle allen Lebens und seine Liebe und Wahrheit wird irgendwann direkt oder indirekt durchdringen.

Und dann…. können wir springen, ob in Tranquebar, in Belarus, in den USA oder in Deutschland.

(Ein Impuls von Ute Penzel, ELM-Referentin Bildung International, Ökumenische Zusammenarbeit Indien)

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Gott stellt sich zu mir - Geistlicher Impuls für den 6. November 2020

Vom 23.-25. Oktober 2020 fand das 32. Konzil der  Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IELCB) statt. Es stand unter der Überschrift "Taufe leben - die Hoffnung stärken". Über 100 Delegierte aus allen Teilen Brasiliens sind zu diesem Konzil online zusammengekommen. Neben den Delegierten und Gästen des Konzils haben Tausende weitere Personen aus ganz Brasilien und dem Ausland die Gottesdienste mitverfolgt. Alles wurde simultan in Gebärdensprache übersetzt.

Natürlich ging es auch um die Auswirkungen der Pandemie, die in Brasilien über 150.000 Todesopfer gefordert und große Einschränkungen mit sich gebracht hat. Die Gemeinden der IECLB haben auf die Einschränkung, sich real zu begegnen, kreativ reagiert und eine große Vielfalt von digitalen Angeboten gestartet: Gottesdienste über YouTube, Bibelstunden per ZOOM, Losung und Lied per WhatsApp und vieles weitere mehr. Aber auch analog haben sie versucht, den Menschen nahe zu bleiben, durch Anrufe, Nähen von Masken, Verteilen von Lebensmittel an Bedürftige und anderes. Die Kirche sieht sich berufen, beides fortzuführen, analoge und digitale Angebote, um als „hybride Kirche“ auf vielfältige Weise die Liebe Gottes zu bezeugen und niemanden zurückzulassen.

Michael Thiel, Direktor des ELM, hat anlässlich des Konzils ein Grußvideo an die Partnerkirche gesandt. Hier ein Textauszug aus seinem Grußvideo:

"In diesem Jahr wollte ich zwei meiner Enkelkinder taufen. Das war bisher auf Grund der Hygienebestimmungen nicht möglich. So klein wie sie sind, können sie nun noch nicht ihre Taufe leben. Aber sie leben in der Hoffnung, dass sie dennoch Gottes Kinder sind. Das ist natürlich vor allem eine Hoffnung, die die Eltern trägt. Aber an dieser Situation ist mir etwas deutlich geworden:
Die Taufe pflanzt uns in den Leib Christi ein und gleichzeitig beruft sie uns in die Gemeinschaft der Kirche. Ich selbst kann mich daran nicht erinnern, aber die Tatsache meiner Taufe macht mich immer wieder froh und gewiss: Gott stellt sich zu mir. Ich bin sein Kind. Manchmal, wenn ich in schwierigen Situationen bin und nicht mehr weiß, was ich tun soll, denke ich wie Martin Luther: „Ich bin getauft“. Daraus ziehe ich das Vertrauen und die Hoffnung für einen Weg in Zukunft. Ich brauche also das Sakrament der Taufe für mein Leben – nicht Gott. Er kennt mich schon lange vorher.

Die Zusage Gottes in der Taufe ist der Grund, auf dem die Hoffnung für das Leben wachsen kann und tief verwurzelt ist. Nicht meine Leistung, sondern seine Zusage ist der feste Grund.
Was für mich persönlich gilt, gilt auch für de Kirche. Christus trägt und leitet sie, nicht unsere Kraft.

In den großen Herausforderungen, in denen die lutherische Kirche in der brasilianischen Gesellschaft steht, wünsche ich Ihnen als Konzilsteilnehmerinnen und Teilnehmern diese feste Verwurzelung in der Zusage Gottes. So hören Sie seinen Ruf und seine Mission und finden hoffentlich gute Entscheidungen, um immer wieder aufzubrechen zu den Menschen. Dazu wünsche ich Ihnen Gottes Segen und Beistand."

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Suchet der Stadt Bestes! - Geistlicher Impuls für den 5. November 2020

Was ist dieses Satzfragment in die Weltgeschichte und von unzähligen Kanzeln herab hinausposaunt worden. Sie wundern sich vielleicht, so bekannt kommt ihnen dieses Wort aus dem Buch des Propheten Jeremia gar nicht vor?

Das mag sein und das hat gute Gründe. Mir als Ostdeutschem geht es da vielleicht etwas anders. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ist dieser Satz in unseren Kirchen geradezu inflationär gebraucht worden. Er stand immer im Kontext der Begegnung mit Menschen, die die DDR unbedingt und auf Biegen und Brechen in Richtung Westen verlassen wollten.

Suchet der Stadt Bestes, bleibt hier und macht was aus diesem Land und aus eurem Leben.  

Das war die Botschaft, ganz klar formuliert, die diesem Text aufgedrückt worden ist. Aber ganz so einfach war das und ist das immer noch nicht. Der Vers entstammt einem Brief, den der Prophet Jeremia oder vielleicht auch einer seiner Schüler an eine besondere Gruppe Menschen adressiert hat. Es handelt sich dabei um ehemaliger Bewohnerinnen und Bewohner Jerusalems, die von den Babyloniern gewaltsam verschleppt worden sind.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Empfänger und Empfängerinnen dieses Briefes ziemlich bedient gewesen sind. Bleibt dort, wo man euch als rechtlose Gefangene gewaltsam hingeschleppt habt. Bleib dort, jeder Gedanke an Rückkehr und Freiheit ist Verschwendung.

Und dann kommt der Brief auch noch mit Ratschlägen daher. Baut euch Häuser, legt euch Felder und Gärten an und, das steht tatsächlich so da, kümmert euch gefälligst um eure eigene Fortpflanzung.

"So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte, nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl." (Jer 29,5-7)

Heute wird meist vermutet, dass der Brief und sein Inhalt den Adressaten wenig gepasst haben dürfte. Wie hätte er das auch können? Da schreibt einer, der immerhin hat (vorerst) zu Hause bleiben können und dem der Abtransport und die Gefangenschaft erspart geblieben ist, und ausgerechnet dieser kommt jetzt mit guten Ratschlägen für die Zukunft daher.

Einerseits. Andererseits ließe sich das auch so betrachten: Häuser bauen, Gärten anlegen, Sex haben und Kinder zeugen, das sind sehr schöne und auf die Zukunft hin orientierte Aspekte des Menschseins. Ihr werdet nur etwas Gutes für euren Schalom tun, wenn ihr das Wohl eurer Umwelt, auch wenn sie euch noch so feindlich vorkommen mag, im Blick habt.

In Zeiten von Corona ist eine solche Einstellung durchaus hilfreich. Tragt zum Schalom eurer Umwelt bei, und genau das wird euer Schalom werden. Euer Handeln gestaltet so, das es auf Optimismus und Zugewandtheit zur Zukunft ausgerichtet ist.

Zukunft gestalten, trotz allem. Das ist es, was der Jeremiatext zum Klingen bringt. Zukunft gestalten in den Wochen und Monaten von Corona, die noch vor uns liegen. Gebt aufeinander acht, für eure Zukunft und für euren Schalom!

Sucht der Stadt Bestes, und so werdet ihr leben.

(Ein Impuls von Dr. Andreas Kunz-Lübcke, Professor an der Fachhochschule für interkulturelle Theologie (FIT) in Hermannsburg)

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Mutig weitergehen - Geistlicher Impuls für den 4. November 2020

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem

So lautet der Wochenspruch aus dem Römerbrief (Röm 12,21) und ich finde ihn beim ersten Hören fast ein bisschen zynisch.
Fühlt es sich nicht grade ein bisschen so an, als ob uns das Böse überwunden hat, wir machtlos dastehen und über uns ergehen lassen müssen, was andere beschließen?
Das Covid-19-Virus hat es geschafft uns sozial auseinander zu bringe und verhindert, dass wir Kontakt haben. Unser Handeln ist darauf bedacht, die Ausbreitung dieses feindlichen Virus zu unterbinden. Und
das Virus schafft es, dass unser ganzes Leben lahmgelegt wird.
Bekommt man da nicht den Eindruck, dass das Böse auf dem Vormarsch ist?

Und nochmal lausche ich dem Vers aus dem Römerbrief: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“.
Erst beim zweiten Hören, bin ich offen für die Botschaft, die Paulus den Menschen mit seinen Worten mitgeben wollte. Er will uns Mut machen. „Gib nicht auf! Lass dich nicht unterkriegen! Wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen, dann können wir auch die Verbreitung des Virus eindämmen“.
Die guten Taten sind derzeit einfach das Abstand halten, Maske tragen, füreinander in der Entfernung da sein. Miteinander telefonieren, chatten und sich aus der Entfernung grüßen und vor allem füreinander beten.

Erinnern wir uns an die Situation im Frühjahr. Wir waren alle überrascht, wie viel auf einmal doch möglich war. Es gab und gibt immer noch geistliche Impulse im Internet. Einige Kirchengemeinden haben täglich Gebete online versendet. Es gab Einkaufshilfen, Menschen, die für andere Masken nähen; das tägliche Singen am Abend; und vieles mehr.
Einiges davon war in den letzten Wochen nicht nötig, oder ist ein bisschen eingeschlafen, anderes geht beständig weiter und ist schon fast Normalität geworden.

Diese Dinge, mit denen wir uns gegenseitig Mut machen und unterstützen, sind es, an die wir uns wieder halten müssen, auch wenn für manch einen die Resignation grade Überhand zu gewinnen droht.
Das „Böse“ soll nicht gewinnen, sondern unsere guten Taten. Die Sorge füreinander, die Unterstützung und das Gebet. Bloß nicht träge werden, wie Paulus es sagt.

Mit der Aufforderung an uns alle mutig weiterzugehen und in der Hoffnung auf das Beste höre ich die Worte noch einmal: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“.

(Ein Impuls von Indra Grasekamp, ELM Referentin Weltweite Spiritualität)

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Heimat ?! - Geistlicher Impuls für den 3. November 2020

„Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.“ (Jesaja 66,10)

Freut euch mit Jerusalem, so beginnt der Predigttext. Freude scheint derzeit angesichts dramatisch steigender Corona Zahlen schwierig. Freude war auch damals schwierig: als die Israeliten nach dem Exil, der Deportation in das Babylonische Reich endlich wieder in ihre Heimat kamen, und diese Heimat verwahrlost und zerstört antrafen.

Der Text spricht über die Freude mit einer Stadt – egal ob man sie vorher lieb hatte oder über sie traurig gewesen ist. Für mich bezeichnet Jerusalem den Ort der Heimat, örtlich aber auch seelisch. Und insofern ist Jerusalem ersetzbar durch alles, was einem Heimat gibt. Das, was einem Heimat gibt kann mit positiven Gefühlen verbunden sein (liebhaben) aber auch mit negativen oder durchwachsenen (traurig sein). Trotzdem fordert der Text auf, sich zu freuen. Über und mit dem Ort, an dem man sich – wie gespalten auch immer – beheimatet fühlt. 

Heimat ist das Gewohnte, Vertraute, das, was einem Sicherheit gibt. Und das ist auf einmal weg. Normale Begegnungen mit Menschen – ohne Abstand, beim Bäcker mit der Nachbarin klönen, auf dem Flur mit Kolleg*innen mal eben etwas besprechen, oder zu wissen, dass ich „auf dem kurzen Dienstweg“ Dinge klären kann, damit es weiter geht.

Diese Begegnungen gehen im Moment nicht. Darüber freue ich mich nicht. Aber darum geht es auch gar nicht. Der Bibeltext sagt ja nicht „freut euch über die Zerstörung“ sondern „freut euch über die Heimat“. Und die Heimat ist das, was ich einmal hatte und die Hoffnung, dass ich wieder eine Heimat haben werde. Das ist die Freude: Das, was einmal da war, wird wieder da sein. Vielleicht in veränderter Form. Vielleicht an einem anderen Ort. Aber eine Heimat werden wir wieder haben – mehr noch: ein Stück der Heimat, die wir einmal gefunden haben, wird uns nicht verlassen.

Gott wird uns den schmerzlichen Weg, uns verändern zu müssen nicht ersparen, aber er bietet an, unseren Kummer zu hören, mit uns zu fühlen und uns zu trösten. Bis wir uns an unserer (neuen) Heimat wieder freuen können. 

(Ein Impuls von Anette Makus, Leitung Öffentlichkeitsarbeit & Fundraising)
Veröffentlichung des Bildes mit freundlicher Genehmigung der Bischöflichen Pressestelle Hildesheim.

 

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Ein Brief schafft Gemeinschaft - Geistlicher Impuls für den 2. November 2020

Ab heute also vier Wochen Isolation. Zwar nicht vollständig, aber doch sehr spürbar. Eine einschneidende Maßnahme mit einem klaren Ziel: dem Virus Covid-19 die Wucht nehmen. Seit Mitte März schon krempelt es unser Leben um. So viel ist in unserem Leben anders und mühsamer geworden. Können wir nicht einfach zurückkehren zum Leben davor?

Zum Leben davor zurückkehren – danach sehnten sich vor langer Zeit diejenigen, die der babylonische König Nebukadnezar aus Jerusalem und Juda nach Babylon deportiert hatte. Der Prophet Jeremia hatte dazu eine eindeutige Meinung: Er warnt die, die in Babylon im Exil sind, davor, sich Illusionen hinzugeben. Dagegen stellt er eine Mischung aus Realitätssinn und Gottvertrauen.

In einem Brief, den er aus Jerusalem an die nach Babylon vertriebenen Männer schickt, schreibt er: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl. […] Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (29,5-7)

‚Versucht nicht, euch wegzuträumen‘, ruft Jeremia ihnen zu, ‚Ihr seid, wo ihr seid. Akzeptiert das. Und Gott ist auch da; er hält eure Zukunft in der Hand. Vertraut darauf. Lasst euch auf eure Situation ein, wie sie ist. Übernehmt Verantwortung.‘

Auch wir, die wir vertrieben worden sind aus unserem Leben vor Corona, können nicht einfach in das damalige Leben zurückkehren. Aber mit Realitätssinn und Gottvertrauen können wir uns auf die Situation, wie sie ist, einlassen und in Verantwortung das Beste daraus machen.

Die Worte, die uns noch heute eine Hilfe zur Orientierung sein können, schreibt Jeremia an seine Landsleute in einem Brief. Ein Brief schafft Gemeinschaft zwischen denen, die schreiben, und denen, die lesen. Ob im von Nebukadnezar besetzten Jerusalem oder seiner Hauptstadt Babylon: Briefschreiber und Adressaten leiden unter derselben Situation: der babylonischen Herrschaft. Briefe, hin- und hergeschickt, helfen, die Situation besser zu verstehen, und machen Mut, denn aus jedem Wort eines Briefes spricht: ‚Du bist nicht allein.‘ Briefe verbinden zu einer Gemeinschaft.

Gemeinschaft zu pflegen und zu vertiefen: das war den frühen Christinnen und Christen wichtig. Deswegen schickten sie einander Briefe, über weite Entfernungen. Was Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessalonike schreibt, ist gleichzeitig das, was der Brief bewirkt: „Ermutigt einander und erbaut einer den anderen auf“ (5,11). Kein Wunder, dass von den 27 Schriften des Neuen Testaments 21 Briefe sind.

Den Rat und die Zusage des Propheten Jeremia im Herzen, können wir mit der Corona-Pandemie – so schwer sie uns das Leben macht – verantwortungsvoll umgehen. In den nächsten vier Wochen werden wir Begegnungen minimieren müssen. Eine Gelegenheit, um an das Briefe Schreiben der frühen Christinnen und Christen über weite Entfernungen hinweg anzuknüpfen. Natürlich mit modernen Medien: E-Mail, Messenger-Dienste, Internet, Telefon. In der weltweiten Kirche können wir uns mit Christinnen und Christen in anderen Ländern darüber austauschen, wie Covid-19 sich bei ihnen auswirkt und wie sie damit umgehen. Wir können uns gegenseitig ermutigen und trösten.

Und wer dies gern tun möchte, aber gerade keine Kontakte zu Christinnen und Christen in anderen Ländern hat, kann sich deswegen ans ELM wenden. Im Rahmen der internationalen Partnerschaften, die das ELM pflegt und begleitet, findet sich auf jeden Fall eine Möglichkeit.

(Ein Impuls von Oberkirchenrat Dirk Stelter, Leiter des Referats Mission und Ökumene im Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers)

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