Neue Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik

Die Zentralafrikanischen Republik kommt nicht zur Ruhe. Darauf weisen neue besorgniserregende Nachrichten hin, die das ELM aus seiner lutherischen Partnerkirche vor Ort erhalten hat: Seit dem 22. September haben demnach Rebellentruppen die Stadt Bocaranga im Nordwesten des Landes eingenommen.

In einer E-Mail der Kirchenleitung der Ev.-luth. Kirche in der Zentralafrikanischen Republik (EELRCA) wird von Vandalismus und Plünderungen in der Stadt berichtet. Die Rebellen hätten außerdem das Telekommunikationssystem zerstört und alle Ein- und Ausfahrtsstraßen Bocarangas besetzt. Die Bevölkerung der Stadt sei als Geisel genommen worden und ein Kontakt zu ihnen dadurch nahezu unmöglich.

Inzwischen, so heißt es in der E-Mail weiter, seien die Rebellengruppen 20 Kilometer in Richtung Bouar vorangekommen, das zirka 145 Kilometer von Bocaranga entfernt liegt. Gesprochen wird auch davon, dass weitere Ortschaften und Dörfer in dieser Region unter der Kontrolle von bewaffneten Rebellentruppen stünden. So das etwa 60 Kilometer von Bouar entfernte Dorf Niém, das seit gut einer Woche unter der Kontrolle der Rebellen seien, die damit drohten, auf Bouar vorzurücken.

Es herrsche große Angst und Panik in der Bevölkerung. Mehrheitlich christliche Selbstverteidigungsmilizen versuchten mit einfacher Bewaffnung  Zivilisten vor den Angriffen zu schützen. Die Existenz staatlicher Gewalt sei angesichts der desolaten Sicherheitslage nicht spürbar. Trotz eines Kontingents UN-Truppen in dem Gebiet hätten die Rebellentruppen die Kontrolle in der Stadt übernommen.  Die Situation führe zu massiven Fluchtbewegungen. Viele Menschen, insbesondere  Frauen und Kinder, suchten Schutz in den nahe gelegenen Buschregionen. Zwischen Bouar und Niem seien die Christen in fast allen Dörfern aus Angst vor Angriffen der Rebellen geflohen. Die Versorgungslage der Geflüchteten sei ausgesprochen prekär.

Die Übergriffe der Rebellentruppen beeinträchtigen aber auch die Arbeit der lutherischen Partnerkirche des ELM und seiner  Einrichtungen in dem Gebiet. So seien die Mitarbeitenden des Bohong  Health Center (Gesundheitszentrum) nach Bouar abgezogen worden und nur Sicherung der Gebäude werde dort aufrechterhalten.

Insgesamt sei die Arbeit und das gemeindliche Leben in der Nordregion, die mit sieben Bezirken und mehr als 14.300 Mitgliedern eine der größten Regionen der EELRCA darstelle, nahezu zum Erliegen gekommen. Die meisten der geplanten Aktivitäten und Projekte würden bis auf weiteres in Warteposition gesetzt.

Das bestätigte auch Cathérine Naabeau, Mitglied der Kirchenleitung und verantwortlich für die medizinische Arbeit der EELRCA, bei einem Besuch in der Hermannsburger ELM-Zentrale. Er fiel zeitlich mit den Gewaltausbrüchen in ihrem Heimatland zusammen. Diese verschlechterten die medizinische Versorgung  zusehends, so Naabeau. Nur je nach Sicherheitslage könnten die beiden Gesundheitszentren der Kirche wie das in Bohong der Bevölkerung offen stehen. Das wirke sich katastrophal auf die medizinische Versorgung in der Region aus. Bei knapp 5 Millionen Gesamtbevölkerung, für die landesweit gerade mal 220 Ärzte zu Verfügung stünden, sei die medizinische Arbeit der Kirche von großer Wichtigkeit, besonders für die Landbevölkerung.

Dadurch, dass der Staat die ländlichen Regionen vernachlässige, müssten viele Menschen weite Entfernungen oft zu Fuß zurücklegen, um zu einer Gesundheitsstation zu gelangen –  nicht selten bis zu 70 Kilometer. Das erhöhe die ohnehin hohe Sterblichkeit von werdenden Müttern vor allem bei auftretenden Komplikationen, die oft bis kurz vor der Geburt noch auf den Feldern arbeiteten.

Bezogen auf die Gewalt in ihrem Land, bestritt sie die landläufige Meinung, es handele sich hier um einen religiösen Konflikt zwischen Christen und Muslimen. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass es sich bei den gegenüberstehenden Truppen um gemischtreligiöse Gruppen handelt. Es gehe, so Naabeau,  vor allem um Zugang zu den natürlichen Ressourcen wie zum Beispiel Diamanten, Holz, Elfenbein oder Erdöl. Es gebe Interessengruppen, die  wollten, dass der Konflikt als religiös motiviert wahrgenommen werde.   

 

Hintergrund

Mit dem Sturz von Präsident Francois Bozize im Frühjahr 2013 durch die muslimische Rebellen-Allianz Séléka begann eine Phase von Krieg, Gewalt und Chaos, die das Land seitdem nicht zur Ruhe kommen lässt. Schon früh formierte sich im Kampf gegen die Rebellen unter dem Namen Anti-Balaka ein Zusammenschluss christlich dominierter Milizen. Das führte dazu, dass der Konflikt vor allem als religiös motivierter Krieg wahrgenommen wurde.

Tatsächlich schürten die Kämpfe vielerorts das Misstrauen zwischen den Religionen und gefährdeten zusehends das über Generationen funktionierende friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen. Immer wieder kam es zu progromartigen Gewaltausbrüchen mit vielen Opfern.

Mit der Wahl Ange Faustin Touadéras zum Staatspräsidenten 2016 und einem aus weitgehend freien und transparenten Wahlen hervorgegangenen Parlament, keimte Hoffnung für einen friedlichen Neubeginn auf. Daran war und ist auch eine Interreligiöse Plattform von evangelischen und katholischen Christen sowie Muslimen beteiligt. Unermüdlich sind deren Führer im Land unterwegs, zu Frieden und Nächstenliebe aufzurufen. Wie schwer dieser Weg ist, zeigt die aktuelle Situation.             

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