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„…nicht alles, was möglich ist, ist wünschenswert!“ - Erfahrungen aus dem Homeoffice

Eigentlich wäre Dr. Gudrun Löwner jetzt bei ihren Studierenden im indischen Bangalore, wo sie am United Theological College lehrt – eigentlich. Doch Corona zwingt auch die Pastorin und Theologieprofessorin  ins Home Office, wo sie von Bochum aus versucht, ihrem Auftrag gerecht zu werden. Nicht ganz einfach, wie wir aus ihrem Erfahrungsbericht erfahren:     

Nachdem mich das ELM am 24. März nach Deutschland zurückgeholt hat, sitze ich seitdem im Homeoffice Tausende von Kilometern getrennt von den Studierenden und den deutschen Gemeindemitgliedern in Bangalore. Noch kurz vor meinem Abflug konnten sieben Studierende, ein Doktorand, 4 Magisterstudierende und 2 Bachelor Studentinnen ihre Arbeiten abgeben. Aber dann überstürzten sich die Ereignisse so, dass die meisten von Ihnen nicht mehr nach Hause reisen konnten Lock down.

In Deutschland angekommen, druckte und druckte mein Drucker unermüdlich die zu bewertenden Arbeiten. So waren die ersten zwei Wochen in Quarantäne gut gefüllt. Sechs Arbeiten gelesen und bewertet, dazu die ersten Videokonferenzen. Absolutes Neuland. Statt persönlich traf ich mich nun mit den Auslandsseelsorgern der EKD in Asien im Internet. Es ist erstaunlich was mit Zoom alles möglich ist. Sogar ein gemeinsamer Gottesdienst im Internet wurde geplant und erfolgreich in die Tat umgesetzt. Und die Kollekte wurde eingesammelt für die Ersthilfe an Nahrungsmitteln in Tamil Nadu, ein Projekt des ELM in Hermannsburg. Vorher hatte ich von Zoom Konferenzen gehört, aber noch nie an einer teilgenommen. Nun sehe ich wie meine Kollegin in Shanghai eine Tasse Kaffee trinkt und schaue in ihr Wohnzimmer, faszinierend, aber auch beängstigend.  Und schon geht es weiter das erste Seminar im Internet als Webinar mit der Indienreferentin Ute Penzel über „Befreiung in den Kunstwerken von Solomon Raj“. Die Beteiligung ist gut, aber ganz anders zusammengesetzt als bei normalen Partnerschaftsseminaren. Als Kacheln gucken mich viele Menschen erwartungsvoll an, einige bekannt, andere unbekannt und dank des ELM klappt es auch einigermaßen mit der Technik, Über drei Stunden sind wir zusammen, und sogar Gruppenarbeit ist möglich. Aus Osnabrück kommt die nächste Einladung. Statt Gottesdienst, der nicht stattfinden darf, werde ich Interviewerin per Zoom und später in den Gottesdienst eingebaut und so geht es weiter.

Nun sind die Ferien am United Theological Seminary (UTC) in Bangalore zu Ende. Der Eröffnungsgottesdienst wurde auch im Internet gesendet. Nur wenige Doktoranden mit ihren Familien sind auf dem Campus. Die meisten Studierenden sitzen zu Hause und sollen dort bleiben bis zum 1. August. Unterricht per Internet heißt die Devise. Ob das klappt? Ich habe da erhebliche Zweifel. Bisher habe ich sehr viel Zeit in die Einzelbetreuung von Studierenden per Internet gesteckt, aber da dauerte die Antwort dann zwischen ein paar Minuten und mehreren Tagen. Häufig fällt der Strom aus. Bei Temperaturen zwischen 35-48 Grad braucht man viel Strom zum Kühlen. Auch in meiner Wohnung in Bangalore fällt mindestens zweimal am Tag der Strom aus, meist für über eine Stunde, manchmal noch mehr. Und kein Strom heißt kein Internet. Die vier neuen Magisterstudierenden in meiner Abteilung besitzen einen Laptop, dafür bin ich sehr dankbar, einer der Doktoranden hat nur ein Smartphone. Von den sechs haben sich bisher nur fünf gemeldet. Der sechste scheint meine zahlreichen E-Mails nicht erhalten zu haben. Vielleicht hat er auch keinen Laptop und hat vor Corona mal gelegentlich in einem Internetcafé nach seinen Mails geguckt. Einige von den Studierenden, die sich keinen Computer leisten können, dürfen kostenlos einige Computer mit Internetzugang in der Bibliothek nutzen – dürften, wenn sie denn auf dem Campus wären. Auf jeden Fall ist ganz klar, dass die Studierenden, die sowieso schon benachteiligt sind, weil sie z. B. kein Geld für Computer und Internet haben, in der Corona-Krise doppelt benachteiligt sind. Und wir alle müssen neu lernen. Es war schon ganz besonders, plötzlich in einer Videokonferenz mit Bangalore meine Kolleg*innen als Kacheln auf dem Bildschirm zu haben, wo man die Größe der Bilder verstellen kann. Mein Fazit ist schon jetzt, nicht alles, was möglich ist, ist wünschenswert. Ich freue mich schon jetzt auf die Zeit, wo ich die Studierenden wieder im Klassenraum oder in meinem Wohnzimmer bei Kaffee und Kuchen begrüßen darf und sie wenigstens vergleichbare Chancen haben im Studium. Hoffentlich müssen nicht einige die Studienidee ganz aufgeben, da sie die Kosten nicht aufbringen können. Das UTC mit dem geschlossenen Gästehaus als Haupteinnahmequelle und die Kirchen ohne Gottesdienste und damit ohne Kollekten leiden ohne Ende.

Dr. Gudrun Löwner, Pastorin und Theologieprofessorin am United Theological College in Bangalore, im südindischen Bundesstaat Karnataka

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