Nach oben

Die Regierung verweigert sich – das Virus tötet

Zur Lage Indigener Völker in Brasilien

Besonders dramatisch ist die Situation der Indigenen in Brasilien. Pfarrerin  Dr. Renate Gierus , beschreibt sie für ein ELMinar (ein online-basiertes Web-Seminar), das  am 20.08.2020 unter dem Titel Brasiliens Indigene in der Corona-Pandemie: Gefahr für Leben und kulturelle Identität stattgefunden hat. Frau Gierus ist Vorstzende des COMIN . Der COMIN ist der Indigenenrat der Evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB). Er unterstützt die Indigenen beim Kampf um ihre Rechte, stärkt sie in ihrer eigenen Identität und klärt in der brasilianischen Gesellschaft über die Kultur der indigenen Völker auf. Ziel ist es, das Selbstbestimmungs- und Selbstverwirklichungsrecht zu unterstützen. COMIN steht auf der Seite der Indigenen, indem er sie bei der Wahrung ihrer Rechte unterstützt.

Es geschieht Unerhörtes, Unmenschliches, Unvertretbares. Die Zerstörung der Indigenen Völker in Brasilien geschieht nicht erst seit Corona. Tagtäglich werden Indigene angegriffen. Die Pandemie spitzt die Lage allerdings dramatisch zu: “Jeden Tag eine Attacke”, sagen die Indigenen im Video.

Seit die jetzige Regierung an der Macht ist, ist der Hass gegen die Indigenen Völker sichtlich und spürbar gestiegen. Der Hass und die Diskriminierung gegenüber Indigenen Völkern, Schwarzen Menschen, Frauen, Schwarzen Jugendlichen, und allen, die ein wenig anderes sind oder denken, ist enorm gestiegen und die Leute, die diesen Hass vertreten, haben überhaupt keine Skrupel mehr, ihre Meinung zu sagen und in Aktion zu treten.

“Die Regierung verweigert (die Hilfe) - das Virus tötet”, so die Stimme der Indigenen im Video. Die Attacken auf die Indigenen sind im Kern religiös. Eine fundamentalistische religiöse Sicht der Realität ermöglicht, legitimiert und erlaubt, dass die Regierung den Indigenen Hilfe und Unterstützung in Pandemie-Zeiten verweigert. Der Präsident hat 16 Vetos eingelegt, um den Notfallplan zur Bekämpfung von Covid-19, der unter anderem den Zugang zu Trinkwasser für Indigene Völker enthält zu verhindern. Gleichzeitig bleibt die Möglichkeit bestehen, dass religiös motivierte Missionen Zugang zu Indigenen Völkern haben, selbst wenn sie aus eigener Wahl isoliert leben würden.

So tötet das Virus:
Wenn wir die Zahlen betrachten, sagen diese (Stand 17. August):

Infizierte Indigene Menschen:25.415
Verstorbene:678
Anzahl betroffener Völker:146

Am 20. August, nur drei Tage später, sind diese Zahlen schon wieder anders:

Infizierte Indigene Menschen:26.443
Verstorbene:690
Anzahl betroffener Völker:155

Laut einer  Volkszählung von 2010, beträgt die Gesamtzahl der Indigene Menschen 816.000, sie sprechen 305 verschiedene Sprachen.

Der Verlust jenseits von Zahlen

All diese toten Menschen, so die Indigenen im Video, sind “Abfahrten vor der Zeit”, Menschen, die vorzeitig ihr Dasein lassen mussten. Dieses Video erinnert auch, dass das Leben mehr ist als Zahlen. Hinter diesen Zahlen stecken Namen, Geschichten, Beziehungen, Wissen. Das alles verschwindet plötzlich. Kulturen und Sprachen werden ausgelöscht. Auch wir verlieren dabei, nicht nur die Indigenen Völker! Wir Nicht-Indigene verlieren mit jedem Indigenen, der stirbt.

Unser Wissen wird weniger, unser Reichtum als Menschheit, als Schöpfung schrumpft zusammen, ein Reichtum, der aus zwischenmenschliche Beziehungen besteht, aus Beziehungen zur Natur, zum Kosmos, aus interkulturellem und inter-religiösem Dialog. Die Indigenen Völker haben ein Ziel: ihre Kräfte Hand in Hand zu verweben, den Kampf weiterkämpfen, füreinander. Und was ist unser Ziel, inmitten dieser Pandemie-Zeiten, sei es in Deutschland, sei es in Brasilien? Ich lass diese Frage in unseren Ohren klingen.

Nun, mir war es wichtig, Ihnen dieses Video gleich am Anfang bekannt zu machen. Damit bringe ich euch die Stimme der Indigenen Völker etwas näher. Das ist ihre Perspektive, ihre Art, die Welt wahrzunehmen. Es ist ihre Art zu erzählen, wie sie mit der Pandemie umgehen müssen. Wir alle reden und leben aus bestimmten Perspektiven und Blickwinkeln. Ich selber werde aus einer bestimmten Perspektive das heutige Thema vortragen. Ich rede als Frau, als ordinierte Pfarrerin und als promovierte Theologin, als Weiße, aus dem Süden Brasiliens, als Brasilianerin, als Deutsche. Mein Ort der Rede ist aus der Arbeit, die ich im Comin mache, aus den Erfahrungen, die ich durch diese Arbeit sammeln konnte, und jetzt mit Euch und Ihnen teile.

Wir alle reden und sehen die Welt aus einer bestimmte Perspektive, Ort, Geschichte, Erfahrungen. Es ist mir wichtig, dass uns das bewusst ist. Unsere Gedanken, Gefühle und Worte haben einen Hintergrund. Desto wichtiger ist es, das Wort des Anderes zu erfassen, zu erfahren, wirklich offene Ohren zu haben.

Bitte um Unterstützung und Solidarität

Die  Indigenen Völker im Süden des Landes beschweren sich über  die Maßnahmen des SESAI-Spezialsekretariats für Indigene Gesundheit. Unter dem Volk der Laklãnõ Xokleng, gibt es zum Beispiel mehr als 100 infizierte Menschen, ein Baby ist schon gestorben. Und das, bei einer Gesamtzahl von 1.820 Menschen.

Vielleicht konnten einige von Ihnen den Film „Die Welt ist ein Dorf“ sehen. Dieser Film wurde in diesem Monat gedreht. Es ist ein Dokumentarfilm, der anlässlich des Internationalen Tags der Indigenen Völker, dem 9. August, produziert wurde. In diesem Film hören wir auch Indigene Stimmen. Sie sagen, dass Indigene Völker Unterstützung und Solidarität brauchen. Sie sagen auch, dass andere Länder ihre Präsidenten haben, aber Brasilien ohne Richtungsweisung ist. Indigene Völker erkennen und lehren uns, dass, wenn die Natur etwas verlangt, sie es von allen verlangt, seien es die Guten, die Schlechten, die  Großen, die Kleinen, die so oder so denken, die gerechten oder ungerechten Menschen. Wenn wir das erkennen, erkennen wir auch, dass alle Verantwortung gegenüber der Natur tragen, dass alles, was gegen die Natur gemacht wird, gegen uns selbst  gemacht wird, einfach deshalb, weil wir ein Teil dieser Natur sind. Die Indigenen Völker klagen unüberhörbar: Hört auf, unsere Natur, unsere Mutter Erde, zu zerstören!

Wenn wir den Indigenen, die im Süden Brasiliens leben, zuhören, ist das meist benutzte Wort, das Wort “verlassen”. Indigene Gemeinden fühlen sich verlassen, alleine gelassen, um gegen die Pandemie zu kämpfen. Die SESAI verteilt Chloroquin, ein als Malariamittel verwendetes Chinolinderivat, auch ohne nachgewiesene Wirksamkeit gegen das Corona-Virus. Außerdem, hat es Nebenwirkungen, wie verschwommenes Sehen und Tachykardie. Es fehlt an persönlicher Schutzausrüstung für die Fahrer, die in die Indigenen-Gemeinden fahren. Diese Fahrer sind nicht von der SESAIi, sondern von Sub-Unternehmen. Jeder verschiebt die Verantwortung. Wer zahlt die Rechnung am Ende? Die am meisten Ausgebeuteten, die Menschen, die in sozialer Verwundbarkeit leben, unter ihnen: die Indigenen Völker.

Im Amazonasgebiet, reden wir von Kommunikationsschwierigkeiten, schwieriger Erreichbarkeit von Orten und Indigenen Gemeinden und darüber was die daraus folgenden langen Luft- und Wasserwege für die Ansteckungsgefahr bedeuten. Auch der  Zugang zu Wasser ist ein Thema, zu sauberem Wasser und zu Trinkwasser. Der Präsident meint, dieser Zugang müsse nicht erleichtert werden, da Indigene ja Zugang zu Flüssen hätten. Bedenken Sie aber mal, wie eine kranke Person regelmäßig zum Fluss laufen soll, um sich die Hände zu waschen? Außerdem, sind viele Flüsse  durch den Bergbau oder andere Gifte verschmutzt.

Die Gesundheitsteams gehen von einer Gemeinde in die nächste und treffen dabei keine grundlegenden Sicherheitsmaßnahmen in Bezug auf eine mögliche Ansteckung mit dem Virus.

Als wenn diese Situation nicht schon schlimm genug wäre, hört die Regierung nicht auf, die Rechte der Indigenen Gemeinden zu bedrohen, und das seit Amtsantritt (1. Januar 2019). Diese Bedrohungen bestehen aus einer nicht funktionierenden SESAI und  einer nicht aktiven Stiftung Funai-Nationale Indigene Stiftung (Funai ist das offizielle für Indigene Völker zuständige Organ des brasilianischen Staates). Bedrohungen bestehen auch, wie bereits beschrieben, von der Seite fundamentalistischer Gruppen, die religiös und politisch geprägt, verknüpft mit Missionen, evangelisieren/missionieren wollen, indem sie die Kultur, die Sprache und die Religion der Indigenen Völker nicht erkennen, nicht respektieren und letztlich zerstören.

Was können wir  tun?

Wir bewegen uns in einem fürchterlichen Umfeld. In Indigenes Land wird durch Bergbau, Abholzung und Brände eingebrochen - ohne jede Rücksicht auf die Pandemie. So breitet sich das Virus aus und die Krankheit, die Toten und die Infizierten werden mehr und mehr. Kann man und frau etwas dagegen tun? Ja, der Film „Die Welt ein Dorf“, zeigt einige Möglichkeiten auf. Ein Hinweis ist: Wir sollten keine Produkte mehr konsumieren, die aus Indigenem Land stammen, in das eingebrochen wird. Ein anderer: Die deutsche Regierung sollte bei Importen aus Brasilien Garantien von Unternehmen einfordern, dass die Produkte nicht aus Indigenen Gebieten gekauft werden. Und weiter: Es ist wichtig, etwas gegen den religiösen Fundamentalismus zu unternehmen. Diese religiösen Gruppen tun sich mit der Funai zusammen. An dieser Stelle wäre es wichtig, Druck auszuüben, sowohl von der deutschen Regierung aus als auch von der Kirche. Sie könnten zum Beispiel die IECLB in ihrem Kampf gegen den Fundamentalismus unterstützen. Warum ist es so wichtig, gegen den religiösen Fundamentalismus etwas zu machen? Wenn man es sich näher anschaut, kann man bemerken, dass das Thema Gesundheit und das Thema Fundamentalismus verknüpft werden. In der Folge entstehen Fehlinformationen und Unglaube. Der Staat delegitimiert die Wissenschaft und so werden keine Maßnahmen unternommen, um die Pandemie in Brasilien aufzuhalten. Wir haben Probleme in der öffentlichen Gesundheit wegen religiösen Angelegenheiten. Einige fundamentalistische Kirchen und religiöse Gruppen bestehen auf Gottesdiensten, da kommen aber die Leute zusammen, die eigentlich in Isolierung sein sollten. So nimmt die Verbreitung des Coronavirus seinen Lauf. „Dein Gott wird dir helfen!“, sagen sie. Das geschieht auch auf Indigenem Land, in Indigenen Gemeinden. Diese Form der Religiosität muss diskutiert werden. Diese Vorstellung von Christentum muss hinterfragt werden. Wie bereits erwähnt, ist der am Häufigsten gesagte Satz unter den Indigenen Gemeinden: „Wir sind verlassen.“ Deshalb wenden sich Indigene ihren eigenen Gesundheitspraktiken zu, ihrem eigenen medizinischen Wissen; die Kirchen behaupten, diese Praktiken seien dämonisch. Aber die Indigene Bewegung kämpft weiter, gibt nicht auf, sie ist proaktiv und übt den Widerstand. Indigene Leitungspersonen und Organisationen tun sich zusammen, die Völker artikulieren sich, erstellen strategische Pläne, auf nationalem und regionalem Niveau. Gemeinden suchen Unterstützung, nicht nur finanziell, sondern auch politisch - sei es auf nationaler oder internationaler Ebene. Wichtig ist die Unterstützung da, wo die Indigenen Völker selbst ihre Geschicke in die Hand nehmen. Das ist viel wichtiger und gerechter, als die brasilianische Regierung durch Importe zu unterstützen - eine Regierung, die genozid und faschistisch ist. Diesen Monat ist die APIB mit einer Aktion im Bundesgerichtshof eingetreten. Das ist ein historischer Moment; es ist das erste Mal, dass Indigene sich selbst vertreten können. Es ist ein Zeichen, dass die Justiz die Indigenen Gemeinden anerkennt, als Gruppe, die die Regierung hinterfragt. Es ist auch die Indigene Bewegung, die am häufigsten Entscheidungen der Regierung rückgängig machen kann. Das ist das Resultat ihres Vorkämpfertums (Protagonismus) und ihrer Autonomie. Die Kehrseite davon ist, dass sie deswegen am meisten verfolgt werden. Der Einbruch in ihre Länder, die Diskriminierung, keine Demarkierung von Land, sind Konsequenzen, die sie erleiden, natürlich keine neuen, sondern schon Jahrhunderte alte. Eine andere Aktion wurde vom Nationalen Menschenrechtsrat durchgeführt. Dieser Rat sendet Empfehlungen an den Bundesgerichtshof für den Covid-19-Bewältigungsplan für brasilianische Indigene Völker. Diese Empfehlungen lauten: umfassende und differenzierte Unterstützung; Budgetausführung; soziale Teilhabe und soziale Kontrolle; Länder für Indigene Gesundheit; Abriegelung der Indigenen Länder; sanitäre Barrieren; Moratorium (Verzögerung oder Aussetzung) für Großprojekte (Bergbau und Energie); sozialer Schutz; Maßnahmen gegen die Eindringlinge in Indigenes Land. Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass wir als Kirche, spezifisch als diakonisch-lutherische Stiftung, seit dem Ausbruch der Pandemie, humanitäre Hilfe leisten. Diese besteht hauptsächlich in der Austeilung von Lebensmitteln und Hygiene- und Reinigungsprodukten, nicht nur an Indigene Völker. Dazu haben wir auch eine Kampagne organisiert, um so zu mehr Ressourcen zu kommen und weiterhin Hilfe leisten zu können. So versuchen Menschen und Organisationen, der Pandemie nicht das letzte Wort zu überlassen.

(Der Text von Frau Gierus ist redaktionell bearbeitet und leicht gekürzt)

ELM Aktuell

Nach oben

Projekt

Nach oben

Nach oben

Ludwig- Harms-Haus

Nach oben

Fachhochschule

ELM Service