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„Wenn die Strukturen zerbrechen, müssten wir bei Null anfangen.“ - Was die Corona-Pandemie für Seitenwechsel, das ELM-Freiwilligenprogramm, bedeutet

Herr von Türk, die Freiwilligen sind nun seit etwa sieben Wochen zurück in Deutschland. Warum mussten sie vorzeitig zurückkommen?

„Das war ein harter Schritt, aber richtig so. Zum einen konnten wir nicht absehen, wie sich die Fall-Zahlen entwickeln würden. Anders als in Deutschland sind die Gesundheitssysteme in vielen Ländern schon ohne die Corona-Pandemie am Anschlag – wir wollten kein Risiko eingehen, dass womöglich die medizinische Versorgung nicht gewährleistet ist. Zweitens gibt es nur wenig intensivmedizinische Plätze und die sollen den Menschen vor Ort zur Verfügung stehen. Drittens: wenn ein Freiwilliger hätte nach Deutschland ausgeflogen werden müssen, wäre das nicht mehr möglich gewesen, weil der Flugverkehr zum Erliegen gekommen ist und die Grenzen geschlossen sind. Es war eine schwierige Entscheidung, aber heute sind wir froh, sie so getroffen zu haben – auch, wenn das nun für die Freiwilligen emotional sehr schwierig ist.“

Die Freiwilligen haben nur eine Woche vor dem Rückflug von der Rückreise erfahren. Sie waren davon ausgegangen, noch einige Monate zu bleiben. Wie haben die Freiwilligen reagiert?

„Enttäuscht natürlich, aber sie konnten es nachvollziehen. Sie fühlen sich wie in einer Wolke, sagen manche. Die Seele sei noch im Einsatzland, der Körper aber nicht. Sie wurden regelrecht aus diesem Lebensabschnitt herausgerissen und hatten kaum Gelegenheit, sich von den Menschen zu verabschieden. Das hinterlässt ein krasses Gefühl. Manche sagen, die Rückkehr fühle sich falsch an, als hätten sie die Menschen zurückgelassen - obwohl sie wissen, dass das so nicht stimmt und es besser so war. Die Entwicklung der Pandemie seitdem gibt uns recht.“

Wie sehr fehlen die Freiwilligen jetzt in den Projekten?

„Die meisten Projekte sind nun ohnehin wegen der Pandemie geschlossen. In manchen Ländern ist der „lockdown“ noch viel schärfer als in Deutschland. Wenn die Freiwilligen jetzt so gut wie allein in ihren Unterkünften sitzen würden und nichts tun könnten, wäre das auch nicht sinnvoll. Wir stehen in Kontakt mit unseren Partnern vor Ort und wenn die sagen: ,Ja, wir können wieder arbeiten, schickt uns Freiwillige‘ – dann machen wir das. Natürlich unter der Bedingung, dass es auch von deutscher Seite kein ,Nein‘ gibt - das BMZ, das Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, und das Auswärtige Amt also mitmachen.“

Wie arbeiten Sie als Entsendeorganisation jetzt weiter?

„Auch für uns ist das eine völlig neue Situation, es gibt viele offene Fragen: Wie gewähren wir nun die „Nachsorge“? Normalerweise gibt es zum Beispiel fünftägige Treffen, bei denen die Freiwilligen sich austauschen und ihre Erlebnisse verarbeiten. Wir haben jetzt schon Videokonferenzen gehabt und mit allen Freiwilligen telefoniert, aber das kann noch nicht alles sein.

Eine andere Frage war, welchen Status die Freiwilligen jetzt eigentlich haben: gelten sie noch als Freiwillige oder gilt der Einsatz als abgebrochen und sie sind weder Schüler*innen, noch Studierende oder Arbeitende? Zum Glück ist ersteres der Fall, so können sie zum Beispiel weiterhin Kindergeld bekommen und familienversichert sein, da hängen viele Dinge dran.“

Wie planen Sie denn jetzt weiter – gehen Sie davon aus, dass im Sommer neue Freiwillige in die Welt geschickt werden können?

„Wir nehmen derzeit Bewerbungen an, ja. Allerdings wissen wir nicht, ob wir die Freiwilligen wirklich entsenden können. Wir kooperieren ja eng mit „weltwärts“, dem Entsendeprogramm des Bundesministeriums. Und die sagen, dass es keine Ausreisen vor Oktober geben wird. Das gilt dann auch für uns. Über Netzwerke und Interessenverbände versuchen wir jetzt zu bewirken, dass die Programme nicht zum Erliegen kommen, dass das BMZ uns die Möglichkeiten gibt, die Strukturen zu erhalten. Wenn durch die Krise Gelder und damit Kontaktpersonen wegbrechen, würde es sehr schwer, überhaupt wieder anzufangen.

Und wir haben die Sorge, dass die Länder durch die Krise so destabilisiert werden könnten, dass die Sicherheitslage keine neue Entsendung von Freiwilligen zulässt. All das müssen wir abwarten.“

Wie dramatisch wäre es, wenn es keinen Jahrgang 2020/21 gäbe?

„Das wäre ein großes Drama. Zum einen hieße das ja, dass sich die Lage in den Aufnahmeländern deutlich verschlechtert hätte und so schlimm wäre, dass man keine Freiwilligen dorthin schicken kann. Für die Freiwilligen wäre es natürlich traurig, weil sie sich darauf freuen und vorbereiten, aber auch für die Entsende-Organisationen wären die Folgen unabsehbar. Denn wenn Finanzierungen eingestellt werden und vielleicht auch Partner vor Ort ihre Arbeit verlieren, würden über Jahre gewachsene Strukturen zerbrechen. Man müsste diese Netzwerke erst wieder mühsam aufbauen und das braucht Zeit. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Bildungsarbeit und Demokratie-Bildung, der dann wegbrechen könnte.“

 

Das Interview führte Christine Warnecke, Redakteurin in der Evangelischen Medienarbeit der Landeskirche Hannovers.

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