Frühling beginnt auf der Fensterbank
Am 1. März fängt auch in Sibirien der Frühling an. Zu sehen ist davon nichts. Der Schnee türmt sich meterhoch auf den Dächern und an den Straßenecken, das Thermometer schwankt zwischen der 10 und der 20 - Minusgrade.
Und trotzdem: Betritt man ein Haus, findet man auf dem Fensterbrett aufgesägte Flaschen oder Kanister, mit Erde gefüllt. Tomaten sind angesät worden und in den nächsten Wochen werden sie sorgsam bewacht. Wo von außen noch nichts zu sehen ist – tief drinnen, am wärmsten Platz in den Häusern, keimt schon die neue Saat, die im Sommer herrliche, schmackhafte Tomaten schenkt. Man muss jetzt beginnen, nicht früher und nicht später, sonst verpasst man eine gute Ernte. Also kommt er doch, der Frühling!![]()
Dieser Vorgang erinnert mich an unsere Gemeinden, schreibt Stefanie Fendler. Auch in unseren Gemeinden ist von außen wenig zu sehen von einer neuen Ernte. Die Schwestern und Brüder sind meistens hochbetagt und gebeugt von einem schweren Leben. Deportation, Heimatlosigkeit, Jahre in Arbeitslagern, zerrissene Familien, viele haben schon Kinder verloren – das alles hat sich tief eingezeichnet in ihre Gesichter. Etliche können schon nicht mehr zum Gottesdienst kommen und freuen sich über einen Hausbesuch. Manche von ihnen gehen weiter, in die „Heimat“, wie es hier heißt, und der Weg führt uns auf den Friedhof.
Also auch hier augenscheinlich Winter: Leid, Alter, Gebrechen und Tod. Nichts, was neues Leben und den Frühling vermuten lässt. Und trotzdem: Wenn man genauer hinsieht, kann man die Spuren des neuen Lebens entdecken. Da ist der russischsprachige Gottesdienst, der jeden Sonntag stattfindet und dessen Gemeinde wächst. Da sind die neuen Gesichter, die – von Gemeindegliedern eingeladen – sich einmal umsehen wollen. Natürlich bleibt nicht jeder und jede, aber es tut gut, dass sie überhaupt einmal gucken kommen. Da ist die 19-jährige Klavierstudentin Aljona, die uns im Gottesdienst musikalisch begleitet, mit voller Konzentration der Predigt zuhört und das Abendmahl von uns nimmt. Vor unseren Augen wird ein Mensch vom Evangelium angerührt.
Da sind die Beerdigungen, bei denen viele Menschen uns als lutherische Kirche wahrnehmen. Trauerfälle bringen in Russland die Familien zusammen. Auf einmal sind alle Kinder und Enkel der alten Schwester oder des Bruders da, die Generationen, die aus vielen Gründen nicht den Weg in unsere Gemeinde gefunden haben. Es ist ja erschreckend, dass es hier zu einem extremen Abbruch gekommen ist. Die Menschen bis 60 und jünger sind in unserer Gemeinde kaum vertreten. Bei der Beerdigung sind sie aber alle zur Stelle. Sie sind selber älter geworden (das typisch russische Stereotyp: Frühestens als Pensionierter beschäftigt man sich mit geistlichen Dingen) und durch den Tod berührt. Es ergeben sich Gespräche, und sie merken, dass es mittlerweile bei uns auch ein Angebot für Menschen, die kein Deutsch verstehen, gibt. Eine Frau ist so nach der Beerdigung ihrer Mutter ein festes Gemeindeglied geworden. Sie sagt: „Ich möchte ihren frei gewordenen Platz einnehmen“.
So entsteht am Rand des Lebens, in der Nähe des Todes, neues Leben in unseren Gemeinden. An einem Ort, wo man es auf den ersten Blick nicht vermutet.
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