Ein Land in Aufruhr
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Es begann am 18. April wie ein öffentlicher Feiertag: Menschengruppen zogen singend durch die Hauptstraßen von Lobatse, Lautsprecheransagen schepperten von Autodächern durch die ganze Stadt, geschäftige Frauen drängten sich durch die Mengen und boten gekochten Mais und Zuckerrohr an, Kinder spielten auf den Straßen.
7 Wochen später ist nicht mehr viel übrig von der aufgekratzten Stimmung, der Gesang ist verstummt, die Fröhlichkeit der Enttäuschung gewichen, die sich in mehr und mehr in Aggressivität entlädt – Steine fliegen auf Polizisten, Autoreifen brennen, in den Schulen wird randaliert, bis sie zeitweise ganz geschlossen werden. Was ist passiert in diesem Land, das als Musterbeispiel für eine stabile Demokratie gilt, das sich selbst präsentiert als afrikanisches Wachstumswunder, als eine anhaltende Erfolgsgeschichte auf dem so krisenreichen afrikanischen Kontinent?
Der Verband der Gewerkschaften des öffentlichen Sektors (BOFEPUSO) rief zum ersten Mal in der Geschichte Botswanas zu einem Massenstreik auf, zunächst für 10 Tage. Die Forderung: 16 % mehr Gehalt für alle Angestellten im öffentlichen Dienst (ca. 95.000). Der Grund: Seit 3 Jahren gab es keine Lohnerhöhungen mehr, da die wirtschaftliche Lage des Landes abhängig ist von der weltweiten Nachfrage nach Diamanten (etwa die Hälfte der Staatseinnahmen). Inzwischen gibt es wieder einen leichten Aufschwung – und an diesem will die Bevölkerung verständlicher weise Anteil haben. Das Leben sei einfach zu teuer geworden, die gefühlte Inflation unerträglich:
der monatliche Lohn reiche nicht mehr aus, um die Kinder zur Schule zu schicken, die Miete zu bezahlen und sich satt zu essen - auch noch am Monatsende.![]()
Die Regierung lehnt diese Forderungen als völlig überzogen ab – die wirtschaftliche Lage sei noch nicht stabil genug, mehr als 5 % sei nicht zu verantworten, und die gäbe es nicht vor September.
Die Oppositionsparteien schalten sich ein, Zahlen über die jährlichen Ausgaben für das Militär, die Anschaffung eines zweiten Privatjets für den Präsidenten, den Ausbau der Regierungsgebäude und der Geheim- und Sicherheitsdienste werden veröffentlicht und tragen wenig zur Entspannung der Lage bei. Das Geld sei da, aber Präsident Ltn. Gen. Seretse Khama Ian Khama pflege nur seine Lieblingsprojekte, spricht der Volkszorn, er bleibe ein Mann des Militärs, in nichts zu vergleichen mit seinem berühmten Vater, dem 1. Präsidenten Botswanas, Sir Seretse Khama.
Der Streik dehnt sich aus, aus den geplanten 10 Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate. Verwaltung, Schulen, Gesundheitsdienste liegen lahm und immer mehr Einrichtungen schließen sich an, ohne dass eine Lösung in Sicht kommt:
die Gewerkschaft besteht weiter auf 16%, Präsident Ian Khama weist im Gegenzug das DPSM (directorat of public service managment) an, mit Entlassungen zu beginnen, und lässt verlauten, dass es keine Lohnerhöhung gäbe, auch wenn der Streik noch 5 Jahre dauere. Das Unverständnis für einen Präsidenten, der jedes Gespräch mit den Gewerkschaftsführern und den Oppositionsparteien verweigert, schlägt um in Sarkasmus: Es gibt ja wirklich Wichtigeres zu tun für ein Staatsoberhaupt, als in einer nationalen Krise mit seinem Volk zu palavern, kommentiert die regierungsunabhängige Zeitung „Sunday standard“: „The strike has turned violent. And the nation looks to its leader with expectant and questioning eyes. 'What shall we do?' they ask. Sadly there is only silence.“ (May 15-21, page 8) ![]()
Ich mische mich unter die Streikenden, frage gerade heraus: Wie lange wollt ihr weiter machen, welche Veränderungen erhofft ihr euch von dem Streik, was sind eure schlimmsten Befürchtungen?
„Vor 2 Jahren hat das Brot noch 3 Pula gekostet, heute bezahle ich 7 oder 8 Pula und verdiene keinen Thebe mehr“, schimpft Lesego, eine Angestellte der Stadtverwaltung, „deshalb mache ich weiter, solange, bis wir bekommen, was wir wollen“, was allgemeinen Beifall findet.
Aber es gibt auch weniger forsche Stimmen. „Ich mache mir Sorgen um unser Land, ich weiß nicht, wie wir das wieder aufholen wollen“, wirft einer vom Streikkomittee ein, und ein anderer vergleicht die Situation mit dem Kollaps in Simbabwe: „Das ist nicht gut für unser Land, wir müssen rasch ein Ende finden, bevor alles vor die Hunde geht.“
„Ich wünsche mir, dass wir tatsächlich ein demokratisches Land werden und nicht einer alles allein entscheiden kann“, sagt Golosiwang, Mitglied der BOPEU (Botswana public employees union) und weist mich darauf hin, dass das öffentliche Fernsehen und ein Großteil der Zeitungen von der Regierung kontrolliert werden. Ich lese Ratlosigkeit und Enttäuschung in vielen Gesichter; ich höre von der Bereitschaft, sich auch mit weniger zufrieden zu geben, unter der Bedingung, dass alle wieder eingestellt würden, die inzwischen ihre Arbeit verloren haben. An erster Stelle steht die Sorge um die Kinder und Jugendlichen, die seit Wochen keinen Unterricht mehr haben – werden sie in den Winterferien alles nachholen, oder werden sie das ganze Jahr wiederholen müssen? Keiner kann heute absehen, welche Früchte der Streik morgen tragen wird, aber dass die Kinder nicht mehr weiter Tag für Tag in den Schulen „verwahrt“ werden können, darin sind sich alle einig.
Aber wenn man jetzt aufgäbe, wäre dann nicht alles umsonst?
Nein, sagt Golosiwang, einen Erfolg haben wir – wir haben dem Volk den wahren Charakter unseres Präsidenten gezeigt; alle wissen jetzt, dass unsere Verfassung nicht demokratisch ist und zu viel Macht in seinen Händen liegt, und wir werden daraus lernen.
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